Saiten: Es sind nun bald vier Monate vergangen seit dem Massaker der Hamas und der darauffolgenden israelischen Offensive in Gaza. Wie hast du die Zeit nach dem 7. Oktober erlebt?
Kerem Adıgüzel: Vor allem die ersten Wochen waren sehr emotional. Ich musste mich auch bewusst abgrenzen, war erschüttert und bewegt gleichermassen. Positiv überrascht hat mich, dass sich viele Musliminnen und Muslime in meinem Umfeld klar gegen die Hamas ausgesprochen haben. Viele haben sich rasch distanziert, unter anderem auch das Zentrum für islamische Studien der Universität Frankfurt/Giessen, dessen solidarische Erklärung wir vom Verein Al-Rahman ebenfalls unterstützen. Es war wichtig, dass sich Musliminnen und Muslime klar und rasch positionieren.
Ihr habt knapp einen Monat danach zu einer interreligiösen Klagefeier in Zürich eingeladen, zusammen mit der reformierten Pfarrerin Franziska Bark Hagen und dem Rabbiner Ruven Bar Ephraïm. Wie blickst du darauf zurück?
Den Gottesdienst habe ich sehr positiv und stimmig in Erinnerung. Er war für uns ein wichtiges Statement, um zu sagen: Wir sind hier in der Schweiz und lassen uns nicht gegeneinander aufbringen. Zudem wollten wir den Menschen Hand bieten: Dass sie ihrer Trauer Ausdruck verleihen können. Dass sie ihrem Unverständnis Raum geben können. Wir als Religionsvertreter:innen – sie als Priesterin, er als Rabbi und ich als Imam – wollten diesen Raum gemeinsam gestalten für die Menschen, damit ihre Seele umsorgt werden kann. Über 100 Personen waren anwesend.
Kerem Adıgüzel, 1987 in St.Gallen geboren, ist in Rorschach aufgewachsen. Er ist muslimischer Theologe, betreibt mit dem von ihm mitgegründeten Verein «Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe», der für Vielfalt einsteht, eine improvisierte Moschee in Schlieren und ist Vorstandsmitglied des Runden Tischs der Religionen. Er hat an der Universität Zürich Mathematik studiert und arbeitet bei der SBB als Centerleiter in der IT.
alrahman.ch
Keine Störungen oder Komplikationen?
Nein, die Reaktionen waren durchwegs sehr positiv! Nur einmal wurde die Kritik geäussert, dass dieser Anlass den Menschen in Israel und Gaza ja gar nichts bringe und er rein symbolischen Charakter habe. Das wollen wir auch gar nicht abstreiten. Es ist weder unsere Aufgabe noch unsere Absicht, politisch einzuwirken. Wir wollen da sein für all jene, die hier leiden und mit ihren Gedanken bei den Menschen oder auch bei ihrer Familie und Bekannten in der betroffenen Region sind.
Von Seiten der Medien und auch auf sozialen Plattformen wurde nach dem 7. Oktober rasch der Vorwurf laut, dass sich muslimische Gemeinschaften zu wenig mit Israel solidarisieren bzw. sich kaum von der Hamas distanzieren. Wie schätzt du das ein?
Diesen Eindruck teile ich nicht. Ein Grossteil der Musliminnen und Muslime im deutschsprachigen Raum distanziert sich klar von der Hamas. Doch sie bleiben oft unsichtbar. Die Medien berichten lieber über den kleinen Teil, der das Vorgehen der Hamas goutiert oder sogar unterstützt. Kommt hinzu, dass der mediale Diskurs sehr holzschnittartig geführt wurde, vor allem in der Anfangszeit nach dem 7. Oktober. Das hat auch wieder zu einer grossen Unsicherheit in den muslimischen Gemeinschaften geführt. Zwischentöne hatten oft keinen Platz, man konnte es gefühlt nur falsch machen, ob man nun politisch oder religiös argumentiert hat. Dabei kann man sich ja durchaus von der Hamas distanzieren und gleichzeitig das Vorgehen des Staates Israel scharf kritisieren. In meiner Wahrnehmung jedenfalls wünscht sich die grosse Mehrheit der Musliminnen und Muslime in der Schweiz eine friedliche Lösung dieses Konflikts.
Dennoch wird den Musliminnen und Muslimen gerne Antisemitismus unterstellt. Ebenfalls ein zu holzschnittartiges Bild?
Auf jeden Fall. Natürlich gibt es Antisemitismus unter Musliminnen und Muslimen, aber nicht in dem Ausmass, wie es in den Medien beschrieben wird. Trotzdem muss man ganz klar sagen, dass der Hass gegen jüdische Menschen und ihren Glauben in vielen religiösen Quellen beziehungsweise vor allem in Sekundärquellen kolportiert wird. Es gibt da zum Teil eine eindeutige antisemitische Haltung – und leider werden diese Aussagen auch von Menschen missbraucht, um sich nicht nur vom Staat Israel, sondern von den Jüdinnen und Juden als Gesamtheit zu distanzieren. Dieses Problem existiert und man darf es nicht unter den Tisch kehren.
Was hilft dagegen?
Das, was fast überall hilft: Aufklärung. Man muss diese Quellen genau anschauen und den Kontext benennen. Man muss auch beim Koran aufzeigen, dass einzelne Verse nichts mit dem Koran als Ganzes zu tun haben, wenn man sie isoliert betrachtet und nicht systematisch auslegt. Wenn man will, kann man den Koran alles Mögliche sagen lassen, doch wer dieses Buch ernstnimmt, geht mit Vernunft und wissenschaftlichen Mitteln heran. Und es gilt zu unterscheiden zwischen Koran und historischen Sekundärquellen wie den Hadithen und den Aussagen von Gelehrten. Diese Trennung zu vermitteln ist elementar, insbesondere für junge Menschen, die sich schneller verunsichern lassen. Ein zweiter Punkt ist die Verständigung zwischen muslimischen und jüdischen Menschen. Sie müssen zusammenkommen und ein klares Signal geben, dass wir hier in der Schweiz das Miteinander leben. Diesbezüglich gibt es einige Projekte, in St. Gallen zum Beispiel die interreligiöse Dialog- und Aktionswoche IDA und der Runde Tisch der Religionen, auch einige interreligiöse Anlässe, beispielsweise in der Haldenkirche viermal jährlich.
Der Antisemitismus-Vorwurf wird auch gerne missbraucht, um Stimmung zu machen gegen muslimische Menschen. Islamophobie und antimuslimischer Rassismus nehmen zu. Wie hast du das erlebt in den vergangenen Monaten?
Ich persönlich habe zum Glück kaum negative Erfahrungen gemacht bisher, aber es ist durchaus ein Thema in meinem Umfeld. Manchmal, wenn wir um Sicherheit für alle bitten am Freitagsgebet, fliessen auch Tränen. Wir versuchen das Thema Rassismus und Islamophobie auch mit kulturellen Gefässen anzugehen. So unterstützen wir etwa die Aktionen des Ashtar Theaters, das ein Stück namens The Gaza Monologues aufführt. Das berührt emotional. Auch die Demonstrationsverbote nach dem 7. Oktober haben viele bewegt. Sie fühlten sich unter Terror-Generalverdacht gestellt, obwohl sie gegen die Hamas und für den Frieden auf die Strasse gehen wollten.
Welche Rolle spielen die Medien bei den Ressentiments gegenüber Musliminnen und Muslimen?
Es gab schon eine ziemliche Stimmungsmache in der ersten Zeit. Mittlerweile ist es wieder abgeflacht. Wir müssen uns aber im Klaren sein, dass Islamophobie und antimuslimischer Rassismus bereits vor dem 7. Oktober normalisiert waren. Das Thema wurde jetzt einfach sichtbarer. Und ich will betonen, dass die Strukturen, die hinter antimuslimischem Rassismus stecken, genau dieselben sind wie jene hinter dem Antisemitismus. In beiden Fällen geht es um Vorurteile, fehlende Differenzierung und mangelndes Interesse.
Was wünschst du dir für das interkulturelle und interreligiöse Zusammenleben in der Schweiz?
Von der Politik wünsche ich mir mehr Unterstützung für die friedensfördernden Kräfte. Nicht nur ideell, auch mit Ressourcen. Von den Religionsvertreter:innen erwarte ich, dass sie ihre Funktion wahrnehmen, also zu Friedensstifter:innen werden und sich für die Kontextualisierung ihrer jeweiligen Schriften einsetzen. Von den Medien erhoffe ich mir mehr Differenzierung, auch dass sie ihre Verantwortung stärker wahrnehmen. Das gilt auch für die muslimische Gemeinschaft; sie muss umgekehrt ebenfalls lernen zu differenzieren und sich mehr zu öffnen, gesamtgesellschaftlich vermehrt aktiv teilnehmen. Und nicht jeder Text ist ein Meinungsbeitrag. Medien sind auch meist gutgesinnte Partner, wenn es darum geht, Öffentlichkeit zu schaffen. So schaffen wir ein konstruktives Zusammenleben und ein gegenseitiges Verständnis – samt und trotz aller Differenzen. Wir können das. Die Schweiz und wir als Schweizer:innen sind schliesslich Meister:innen der Lösungsfindung und Kompromissbereitschaft. Dadurch gewinnen einfach alle.
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