Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Wissen ist irreversibel»

Nadia Fares geht auf Spurensuche nach ihrem Vater und liefert mit Big Little Women einen vielschichtigen Dokfilm, der zwei Seiten derselben patriarchalen Medaille zeigt. Am Donnerstag ist die St.Galler Premiere im Kinok.
Von  Corinne Riedener
Noha, Nouran und Amina tragen Nawals Kämpfe weiter. (Bilder: Filmstills)

Ausgangspunkt von Big Little Women ist die persönliche Geschichte der ägyptisch-schweizerischen Regisseurin Nadia Fares mit ihrem Vater Abdelghany. Sie hat aber keine Familiensaga gedreht, sondern eine Hommage an alle mutigen Frauen hier und dort, die für gleiche Rechte kämpfen. Dabei wird klar: Der Kampf gegen das Patriarchat ist ein internationales Langzeitprojekt. Und er fordert Opferbereitschaft.

Die Hauptrolle spielen die ägyptischen Frauen, die jungen Aktivistinnen Nouran Salah, Amina Alhalawany und Noha Sobh sowie die 2021 verstorbene legendäre Feministin Nawal El Saadawi. Dass sie sich hat filmen lassen, brauchte viel Überzeugungsarbeit. Es ist Nadia Fares darum hoch anzurechnen, dass sie sich nicht zu einem Biopic über die Pionierin Nawal hat hinreissen lassen, obwohl es da Stoff en masse gäbe, sondern den jungen Ägypterinnen und auch ihrer eigenen Familie ordentlich Platz eingeräumt hat.

Regisseurin Nadia Fares

Fares setzt die feministischen Motive, Kämpfe und Lebensrealitäten ihrer Protagonistinnen in Beziehung zueinander, macht dafür immer wieder Exkursionen in die bewegte Geschichte des Landes. Am Schluss führt sie die gar nicht so verschieden tickenden Generationen zusammen. Und durch dieses filmische Geflecht zieht sich in feinen Fäden ihre eigene Familiengeschichte.

Sklavinnen der Gesellschaft

Nawal hat Ägyptens Auf und Ab seit dem Ende der Kolonialzeit miterlebt: den Aufstieg Abdel Nassers und die Suezkrise 1956, den späteren Backlash unter Sadat und Mubarak, den Arabischen Frühling 2011, wo sie mit Millionen anderer Menschen auf dem Tahrir-Platz gegen das Regime demonstrierte. «Früher waren wir Sklaven des Königs, Sklaven der Engländer», sagt die 1931 Geborene im Film. «Und als Mädchen und Frauen waren wir immer auch Sklavinnen der Gesellschaft.»

Nawal El Saadawi

Dieser Satz trifft bis heute zu und hätte ebenso gut von einer ihrer jungen Mitstreiterinnen kommen können. Auch Nouran, Amina und Noha kämpfen für ihre Autonomie und gegen die Grenzen, die ihnen die patriarchale Gesellschaft auferlegt. Damit wollen sie andere anstecken: Mit Fahrrädern kurven sie durch die ärmeren Viertel Kairos, bringen den Frauen dort warme Mahlzeiten und feministischen Diskussionsstoff. Ähnlich wie Nawal als junge Ärztin durch die Dörfer zog und über die Genitalverstümmelung von Mädchen und die Herrschaftsmechanismen dahinter aufzuklären versuchte. Leider mit wenig Erfolg. Bis heute ist ein Grossteil der Frauen und Mädchen in Ägypten beschnitten. Im Film gibt es eine denkwürdige Szene dazu.

Und in der Schweiz? Hier hat das Patriarchat andere Waffen, subtilere. Hier warteten die Frauen 15 Jahre länger auf ihr Stimmrecht als jene in Ägypten. Und sie hatten sich ebenfalls zu fügen, das musste auch Nadia Fares’ Mutter erleben: Zwar konnte ihr sturer Vater die Heirat mit Abdelghany, dem jungen Pharmazeutiker aus Ägypten, nicht verhindern, aber er hat es dank Vitamin B fertiggebracht, dass der ungewollte Schwiegersohn wenig später wieder ausgeschafft wurde. Nadia wuchs die meiste Zeit ohne ihren «Baba» auf. Den Schmerz darüber bringt sie in ihrem filmischen Brief an den Vater deutlich zum Ausdruck. Er ist 2014 gestorben.

Big Little Women:
ab 19. Oktober im Kinok St. Gallen

kinok.ch

Fares sagt, ihr Vater sei ebenfalls ein Patriarch gewesen, aber ein «cooler». Einer, der seine Spielräume bestmöglich genutzt und ihr seinen rebellischen Geist vermacht habe. Doch auch er war ein Opfer des Patriarchats, genauso wie Nadias Fares’ Grossmutter, das «Mamchen», eine Täterin war, oder sich zumindest mitschuldig gemacht hat, als sie Grossvaters Putsch unterstützt und Nadia und ihrer Mutter die Briefe ihres Ex-Schwiegersohns vorenthalten hat.

Täter und Opfer zugleich

Die Frage nach der Verantwortung beschäftigt auch Nouran, Amina und Noha in Kairo, wo sie Nawal treffen. «Tragen nicht die Mütter Mitschuld, wenn sie ihre Söhne zu Patriarchen erziehen und so das System reproduzieren?», fragen sie. Nawal winkt ab, will differenzieren. Die Frauen seien das Opfer der patriarchalen Gesellschaft, man dürfe nicht ihnen die Schuld geben. Und nicht nur sie, auch die Männer seien Opfer dieser Gesellschaft. Opfer und Täter zugleich. Darum gebe es auch Männer, die gegen das Patriarchat kämpfen.

Nawal hat für ihren Kampf viel in Kauf genommen. Unter Sadat war sie im Gefängnis, unter Mubarak im Exil. «Man muss Probleme akzeptieren», sagt sie im Rückblick. «Das ist der Preis für die Freiheit.» Wie ihre jungen Mitstreiterinnen glaubt sie trotz Rückschlägen fest an eine gleichberechtigtere Zukunft. «Die Revolution geht weiter», sagt sie. «Sie ist nicht nur die Menschenmenge auf dem Tahrir-Platz. Die Revolution beginnt im Kopf, darum soll man nicht mit dem Denken aufhören. Denn Wissen ist irreversibel.»

Nadia Fares ist mit Big Little Women ein vielschichtiges Werk gelungen, das anhand ihrer eigenen Geschichte zwei Seiten derselben patriarchalen Medaille zeigt. Der Film stellt lohnende Fragen, manchmal auch nur im Vorbeigehen: Wie schauen wir auf feministische Kämpfe in anderen Regionen der Welt? Was können wir voneinander lernen? Wie lassen sich die Kämpfe weitertragen? Wie enttarnen wir patriarchale Muster, auch wenn sie sich von Land zu Land unterscheiden? Und wie stellen wir Autorität in Frage, auch unsere eigene?

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579

Lus­ti­ges Mas­sen­ar­ten­ster­ben

Die St.Gal­ler Fest­spie­le sind vor­bei. Oper war in­door, draus­sen im Stadt­park spiel­te die End­zeit­ko­mö­die Pla­net B. Näh­me man die Bot­schaft des Stücks ernst, müss­te die Fest­spiel-Oper auch künf­tig res­sour­cen­scho­nend drin­nen blei­ben.

Von  Peter Surber
Festspiele planet b tanja dorendorf 1095

Zwi­schen Pon­gal und Turn­ver­ein

Sin­du­jan* lebt schon sein gan­zes Le­ben in der Schweiz. Die Ein­bür­ge­rung ist fast ab­ge­schlos­sen, war aber mit ho­hen Kos­ten und ei­nem un­an­ge­neh­men Ge­spräch ver­bun­den.

Von  Andi Giger
260707 Saiten 0807 08

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8

Kolumne: Stimmrecht

Wer ist die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra?

Von  Liliia Matviiv

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 2

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 2: Ki­nok-Open-Air, So­lar­ki­no, Chris­ta Nä­her – «Ex­cess», Li­ving Mu­se­um, Pool­bar Fes­ti­val, Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny und SP-Spa­zier­gän­ge. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps 7 The Long Seat

Wie ein Fisch im Was­ser

In der Kunst­ka­bi­ne bei der St.Le­on­hard-Brü­cke in St.Gal­len stel­len bis Sep­tem­ber vier Per­so­nen mit Be­ein­träch­ti­gung ih­re Kunst aus. Den An­fang macht Son­ja Lip­pu­ner mit ih­rer «Roll­stuhl­kunst».

Von  Roman Hertler
Whats App Image 2026 07 01 at 22 09 10

«Kul­tur ist nicht de­mo­kra­tisch, aber zen­tra­le Grund­la­ge der De­mo­kra­tie»

Die Kunst­gies­se­rei St.Gal­len und die Stif­tung Sit­ter­werk strah­len weit über die Re­gi­on hin­aus. Fe­lix Leh­ner, Grün­der und Lei­ter der Kunst­gies­se­rei, Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied Till Jäck­li so­wie Pa­tri­cia Hart­mann, Co-Lei­te­rin der Stif­tung Sit­ter­werk, spre­chen im In­ter­view über die letz­ten 40 Jah­re, ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen und Zu­kunfts­plä­ne.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 01

«Schwei­gen gibt der Ge­walt Raum»

Ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche Ge­walt ist auch in Ap­pen­zell Rea­li­tät, und doch wird zu we­nig dar­über ge­re­det. Mit der Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung «we­r­om – schwät­ze statt schwi­ige» lu­den drei jun­ge Ap­pen­zel­le­rin­nen zum of­fe­nen Aus­tausch über Ge­walt, Prä­ven­ti­on und Zi­vil­cou­ra­ge.

Von  Marion Loher
Werom 4

Wenn Hei­mat flim­mert

Hei­mat – ein viel­schich­ti­ger Be­griff. Das Kunst­mu­se­um St.Gal­len spürt ihm ge­mein­sam mit der Werk­samm­lung der Schwei­ze­ri­schen Post nach. Zu se­hen ist die ent­stan­de­ne Schau «Hei­mat­flim­mern» bis En­de Ok­to­ber in St.Gal­len.

Von  Lisa Steurer
Ausstellungsansicht stian Stadler 1

Jung­brun­nen für den Dom

Die St.Gal­ler Fest­spie­le la­den, nach der letzt­jäh­ri­gen Pau­se, wie­der zum Tanz in die Ka­the­dra­le. Cho­reo­graf An­to­nio Ruz und die Tanz­kom­pa­nie neh­men den Raum mit Re­spekt in Be­schlag – samt dem Klos­ter­platz.

Von  Peter Surber
Bildschirmfoto 2026 06 29 um 11 44 42

Der «Landesverräter» war gern am Fluss

Ernst S. und die Sit­ter

Von  Roman Hertler
2502 Max Butz 05

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 1

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 1: Open­air-Ki­nos, Bla­bla­bor – «Gue­ril­la Ra­dio», Mi­chail Pir­ge­lis – «HYLE», «Hei­mat­flim­mern», Kul­tur­fes­ti­val St.Gal­len, Le­on­ce und Le­na, Kunst­spa­zier­gän­ge und Mu­sik im «Flööz­li» so­wie Rund­gän­ge zum Blu­men­wies und zur Schwamm­stadt. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Happily Aging Dying

Musik im Rorschacherberg

Schloss­mu­sik von Big Band bis In­die

Von  Vera Zatti
Sommerbuehne by Night

Der Wi­der­stand der Ama­zo­nas­frau­en

In Kon­stanz gas­tiert der­zeit die Grup­pe As Ka­ru­a­na – ein po­li­ti­scher Frau­en­chor aus dem Ama­zo­nas. Sie zeigt mit ih­rer Mu­sik, ih­rem Tanz, ih­rer Kunst und ih­rem Wis­sen po­li­ti­sche Ré­sis­tance und kämpft für die Rück­erobe­rung ih­rer in­di­ge­nen Kul­tur.

Von  Veronika Fischer
AS KARUANA Gruppenfoto4