Kategorie
Autor:innen
Jahr

Zwei ineinandergreifende Kreise

Am Sonntag erhielt Peter Stamm den Schweizer Buchpreis. Das passt gut, schliesslich ist sein jüngster Roman «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt» eine Spurensuche zu seinem Debüt «Agnes». Mit stiller Melancholie und kühnem Plot erzählt er erneut von der Unwiederbringlichkeit vergangener Liebe.
Von  Timo Posselt

In der Hälfte des preisgekrönten Romans von Peter Stamm ist klar: Mit Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt hat er sein zweites Agnes geschrieben. Jenes mit klaren Strichen gezeichnete Debüt, das 1998 den Ruhm des Schweizer Schriftstellers begründete. Damals schilderte er in glasklarer Prosa das flammende Aufbegehren zweier junger Liebender und die darauffolgende gegenseitige Entfremdung. Sie zogen sich in der Bibliothek an – schliesslich sog die Literatur ihrer Liebe das Leben aus.

In seinem neuesten Werk erzählt der 55-jährige Thurgauer Autor wieder vom gefährlichen Wechselspiel zwischen Fiktion und Wirklichkeit – und gewinnt dafür den Schweizer Buchpreis. In Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt folgen wir dem Faden aus Agnes entlang der versponnenen Erinnerungen eines Ich-Erzählers. Im winterlichen Stockholm trifft er sich mit Lena. Sie gleicht in jeder Pore Magdalena, die er einst geliebt hat.

Literarische Spiegelung

Auf einem weitläufigen Spaziergang durch die Umgebung der schwedischen Hauptstadt erzählt er Lena sein Leben. Auch von einer Lesereise in die dörfliche Heimat, wo er seine Kindheit heraufbeschwört: «Ich erinnerte mich an den Betrieb an Markttagen, an die Umzüge und Feiern mit Blasmusik und Feuerwerk, aber auch an müde Frühlingstage, an die sommerliche Leere, an die Geborgenheit regnerischer Herbsttage.»

Nach einer jahrelangen Durststrecke gelingt dem Ich-Erzähler mit seinem Debüt der erste literarische Erfolg. Daran zerbricht jedoch seine Liebe zu Magdalena. Bald zeigt sich: Der Ich-Erzähler hat einen Doppelgänger, Chris. Dieser ist mit Lena zusammen. Der Erzähler begegnet ihm ein erstes Mal auf besagter Lesereise ins Heimatdorf. Später wieder in einem Germanistik-Seminar der Universität Zürich, wo er als Autor eingeladen war. Schliesslich noch einmal in Barcelona, wo der Erzähler eine Stelle an einer deutschen Schule annahm, um zu verschwinden.

Peter Stamm: Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt. Fischer Verlag, 2018.

Lena kratzt immer wieder an der nostalgischen Patina seiner Erzählung. Die perfekt polierte Spiegelung, die der Erzähler sich zurechtgelegt hat, korrodiert an ihren Misstönen. Lena sträubt sich dagegen, seine Gleichung von Magdalena zu sein und ihren Chris als den Doppelgänger des Erzählers anzuerkennen. «Es gibt Abweichungen», wendet sie ein, und auch Chris fügt sich nicht in die Rolle des Doppelgängers. Stattdessen verlacht er den Erzähler, als ihn dieser in Barcelona anspricht. Es ist der Widerstand der Realität dagegen, zur Fiktion des Erzählers zu werden.

Dem Erzähler scheint seine Existenz plötzlich annulliert: «Wenn es das Buch nicht gab, was sonst stimmte dann von meiner Geschichte, von meinen Erinnerungen? Was für ein Leben hatte ich geführt?» Auf den 156 Seiten verliert er schliesslich selbst Lena als Ebenbild seiner früheren Geliebten: «Sie schien mir auf einmal ganz anders als die Magdalena in meiner Erinnerung, und mir wurde bewusst, dass sie vollkommen selbstständig war und weder mich noch sonst jemand brauchte.»

Es ist diese besitzergreifende Liebe für junge schöne Frauen, die den Leser nicht wirklich mit diesem mittelalten Erzähler warm werden lässt. Da hilft auch seine Erkenntnis nicht, dass einzig die Erinnerungen an eine Liebe einem je wirklich gehören.

Von der Liebe, demütig erzählt

Stamms Text springt zwischen erzählten Erinnerungen und dem Spaziergang mit Lena. Die verschachtelte Erzählkonstruktion macht das Buch zu einer herausfordernden Lektüre. Die Bezüge zu Agnes werden für die Leserinnen und Leser wie auch für den Erzähler zur literarischen Spurensuche.

Stamm erschafft dabei Stimmungen mit unaufdringlicher Eleganz. Eine Strassenszenerie des einstigen Barcelonas lässt heute nur erahnen, wie es ohne die Touristenströme gewesen sein muss: «In den Straßen vermischten sich Küchengerüche mit dem salzigen Wind, der vom Meer her wehte und über unsere Körper strich wie Hände, die nach uns griffen. Von der Promenade, die von zerzausten Palmen gesäumt war, führten Treppen hinunter zum Strand. Am Horizont war ein Kreuzfahrtschiff zu sehen.»

Stamms Sätze atmen meist kurz, oft geben Kommas einen leichtfüssigen Rhythmus vor. Nach jedem Satz bleibt Zeit innezuhalten, ihn nochmals zu lesen. Stamm findet dabei für die grossen Themen eine demütige Sprache – er erlaubt sich keinen einzigen sprachlichen Exzess. Die digitale Entfremdung in einem Lesesaal etwa schildert er unaufgeregt und ohne jede Empörung: «Nur noch wenige Arbeitsplätze waren besetzt. Keiner der Benutzer hatte ein Buch vor sich, alle arbeiteten an ihren Laptops, manche mit Kopfhörern, ihre Gesichter wirkten abwesend, als befände sich ihr Bewusstsein in einem anderen Raum.» In seiner Verschränkung von Autorpersona und Ich-Erzähler erinnert er an Paul Auster, in der existenziellen Melancholie an L’étranger von Albert Camus.

Mit dem letzten Kapitel löst Peter Stamm den vormals noch rätselhaften Anfang auf. Er schliesst damit zwei ineinandergreifende Kreise: Den von Agnes und jenen von Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt. Am Ende ist er wieder am Anfang des Schreibens und der Frage: Wieviel Leben habe ich für die Literatur geopfert?

Zweimal war Peter Stamm bereits für den Schweizer Buchpreis nominiert. Zu Recht hat er für sein kühnes, neustes Werk am vergangenen Sonntag den Schweizer Buchpreis erhalten.

Peter Stamm bei der Verleihung des Schweizer Buchpreises 2018 im Theater Basel. (Bild: Wikimedia)

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von  Lilli Kim Schreiber
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von  Vera Zatti
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von  Jeremias Heppeler

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3.

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2

Kolumne: Stimmrecht

St.Gal­len in den Au­gen ei­nes Sol­da­ten

Von  Liliia Matviiv

Kunst­ki­osk trifft Nacht­klub 

Der St.Gal­ler Kunst­ki­osk wird fünf­zehn Jah­re alt. Ge­fei­ert wird das mit ei­ner Ju­bi­lä­ums­aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Tif­fa­ny Night Club. Die Ver­nis­sa­ge ist am 12. Sep­tem­ber. Sai­ten hat schon vor der Er­öff­nung vor­bei­ge­schaut.

Von  Vera Zatti
01 Gruppenfoto Kurationsteam 15 Jahre Kunstkiosk QUERFORMAT

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
Bild 08 07 24 um 07 42

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

Von  Daria Frick
B 8

«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 17 40