Eine Arbeit, die weder die Gesundheit gefährdet noch die Menschenwürde verletzt; das Recht auf Betriebsversammlungen und die Bildung von Gewerkschaften; das Verbot von Kinderarbeit; finanzielle Sicherheit im Krankheitsfall; Alterssicherung und ein Lohn, von dem es sich auch als Familie leben lässt: Man muss nicht allzuweit im Geschichtsbuch zurückblättern – im Falle der AHV bis 1948 –, um auf die Zeit zu stossen, als diese heute als elementar geltenden Rechte von Arbeiterinnen und Arbeitern auch in der Schweiz erkämpft werden mussten.
Existenzsichernde Löhne sind für Hunderttausende auch heute nach wie vor ein Wunschtraum. Es sind in der Regel Migrantinnen und Migranten, die geholt werden, um zu Tiefstlöhnen auf dem Bau, im Gastgewerbe oder in der Landwirtschaft zu arbeiten. Die meisten Fabriken sind längst verlagert in so genannte Billiglohnländer, zu denen die Schweiz selbst über viele Jahrzehnte der Industrialisierung gehörte hatte. Heute ist sich eine Mehrheit der Bevölkerung für unqualifizierte Arbeiten zu schade. Dennoch echauffiert man sich etwa über das in den Nachbarländern tiefere Preisniveau für Konsumartikel und die «Wucherpreise», die hierzulande dafür verlangt werden. Das sei unfair, heisst es. In der Regel allerdings lässt sich der Preisunterschied durchaus mit höherem Lohnniveau und höheren Betriebskosten rechtfertigen.
Verblendeter Konsumrausch
Nicht alles ist teurer. Es gibt Ausnahmen. Zu ihnen zählen auch viele Elektronikartikel, die es in der Schweiz billiger zu haben gibt als im europäischen Ausland. Begründet werden diese Preisunterschiede mit dem grösseren Konkurrenzkampf und der hohen Technik-Affinität der Konsumentinnen und Konsumenten, die sich nur zu gerne mit dem Neuesten eindecken. Das gilt insbesondere für die Smartphones, die schon wenige Monate nach ihrem ersten Marktauftritt als veraltet gelten. Angeheizt wird diese Spirale durch die Mobilfunk-Anbieter, die ihre Knebelverträge mit stark reduzierten Verkaufsangeboten für die sündhaft teuren Telefone garnieren. Der Fortschritt lockt, selbst wenn er sich nur in ein paar Pixeln mehr Bildschirm-Auflösung ausdrückt.
Niemand wird bestreiten, dass die Geräte rasch zu nützlichen Begleitern im beruflichen und privaten Alltag werden. In der Generation der Dreizehn- bis Zwanzig-Jährigen liegt die Smartphone-Abdeckung inzwischen bei annähernd hundert Prozent. Das ist ein nicht enden wollender Konsumrausch, ein mit einem gigantischen Marketingaufwand inszeniertes Blendwerk aber auch, das zur kollektiven Verdrängung einer unangenehmen Wahrheit führt.
Millionen Menschen in der ganzen Produktionskette arbeiten zu Bedingungen, die sich allenfalls noch mit jenen in der Zeit der Frühindustrialisierung im frühen 19. Jahrhundert vergleichen lassen: Kinderarbeit in den Minen, wo seltene Rohstoffe unter katastrophalsten Arbeitsbedingungen gewonnen werden, Vierzehn-Stunden-Arbeitstage in den Fabriken von Zulieferern und Fertigern, gesundheitsgefährdende Arbeitsplätze, Gewerkschaftsverbote, mangelhafte oder gar keine soziale Absicherung und Altersvorsorge sowie Löhne, die nicht annähernd das Existenzminimum sichern.
Diese Arbeitsbedingungen sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel in einer Industrie, die sich benimmt, als ob es die im letzten Jahrhundert erreichten sozialen Fortschritte nie gegeben hätte. Ein Prozent des Verkaufspreises eines iPhone 5 von Apple machen die Arbeitskosten für den Zusammenbau des Telefons aus, wie der Hersteller selbst auf seiner Webseite mitteilt. Da liegen selbst die schlimmsten Kleider- oder Schuhfabrikanten noch darüber. Und während es heute in manchen Supermärkten ganze Kollektionen von fair produzierten Textilien gibt, findet sich in den Läden der Handy-Verkäufer: nichts.
Das ist eine Schande für Apple, Samsung und Co., eine Schande für die Politikerinnen und Politiker in den produzierenden Ländern, von China bis in den Kongo, die oft noch nicht einmal die geltenden Gesetze durchsetzen, und eine Schande für die Käuferinnen und Käufer, die sich bei einem Mobiltelefon allenfalls für dessen Strahlungswerte interessieren, um ihre Gesundheit nicht zu gefährden, ansonsten aber den Kopf in den Sand zu stecken pflegen, wie wenn es sie nichts anginge.
Zahnlose Selbstverpflichtungen
Die Industrie übt sich in Selbstverpflichtungen wie der schon 2001 gegründeten Global-e-Sustainability-Initiative, der auch Swisscom und Orange angehören. Sie hat sich als zahnloses PR-Instrument entpuppt, das noch nicht einmal mehr aktiv vermarktet wird. Ähnlich schwach fällt die Bilanz der 2004 ins Leben gerufenen Electronic Industry Citizenship Coalition aus, zu deren achtzig Mitgliedern auch Apple und Samsung gehören. Die Verhaltensregeln enthalten viele gute Absichten, so das Verbot von Kinderarbeit, sehen aber keinerlei unabhängige Kontrollen vor.
In den Vereinigten Staaten müssen die börsenkotierten Firmen und ihre Zulieferer seit 2013 öffentlich Rechenschaft über die Herkunft einiger Rohstoffe ablegen und ausschliessen, dass sie aus dem besonders konfliktträchtigen Kongobecken stammen, wo wichtige Rohmaterialen unter katastrophalen Bedingungen abgebaut werden. Dass es etwa in Indonesien, wohin viele Firmen inzwischen ausweichen, nicht viel besser aussieht, ist dem US-amerikanischen Gesetzgeber egal.
Die Europäische Union plant eine ähnlich lautende Richtlinie, will zwar die auszuschliessenden Gebiete ausweiten, bleibt aber beim Prinzip der Selbstdeklaration. Doch dieses Schwert ist zweischneidig. Denn der totale Rückzug aus den Konfliktgebieten mag für etwas weniger schmutzige Westen der Konzerne sorgen, die betroffenen Arbeiterinnen und Arbeiter stürzen aber vom Regen in die Traufe, aus elenden Arbeitsbedingungen wird die totale Armut und Hoffnungslosigkeit. Das führt im Kongobecken dazu, dass Warlords aller Couleur grossen Zulauf erhalten und der Konflikt damit noch zusätzlich angeheizt wird.
FairPhone macht es vor
Was möglich wäre, wenn man denn wirklich wollte, beweisen die niederländischen Macher des im vergangenen Herbst lancierten FairPhone. Ihnen ist es mit bescheidensten Mitteln in kurzer Entwicklungszeit gelungen, ein Mobiltelefon auf den Markt zu bringen, das in Sachen Fairness alle anderen in den Schatten stellt. Dabei ist der Begriff eigentlich irreführend. Von einem fairen Mobiltelefon kann keine Rede sein, räumen selbst die Hersteller ein.
«Fairer Phone» wäre treffender. Im wesentlichen sind es drei Punkte, die das FairPhone von anderen unterscheiden: Das verbaute Zinn stammt mehrheitlich aus zertifizierten, konfliktfreien Minen im Kongo. A’hong, der Fertiger in China, garantiert eine wöchentliche maximale Arbeitszeit von sechzig Stunden und eine sechstägige Arbeitswoche, und er bezahlt den gesetzlichen Mindestlohn plus Überstundenzuschlag. Und schliesslich zahlen FairPhone und A’hong pro Telefon je zwei Euro in einen Wohlfahrtsfonds, was laut FairPhone in Summe für die Beschäftigten etwa einen Monatslohn zusätzlich ausmacht.
Die 25’000 Telefone der ersten Serie sind verkauft, eine zweite Serie mit 40’000 Geräten ist für Mai 2014 geplant. Im kommenden Jahr soll eine komplette Neuentwicklung und ein faireres FairPhone auf den Markt kommen. Das ist eine beeindruckende Leistung für ein von einer Stiftung finanziertes Startup-Unternehmen, das mit aktuell zwanzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht den maximalen Profit, sondern maximale Transparenz und Fairness erstrebt.
Dieser Weg ist noch weit, sehr weit, wie die Erfahrungen eines anderen Projekts zeigen: Nager-IT, die faire Maus. Das ist ein vergleichsweise sehr einfaches elektronisches Produkt. Dort ist es nach fünf Jahren gelungen, etwa die Hälfte der Einzelbauteile aus Betrieben mit sehr guten Bedingungen zu beziehen. Zusammengebaut werden die Mäuse in einer Behindertenwerkstatt in Süddeutschland. Ungelöst sind nach wie vor die Probleme in der Metallgewinnung und bei der anderen Hälfte der Bauteile. Das aktuelle Ziel ist die Fertigung eines fairen USB-Kabels. Knacknuss ist dabei vor allem das Kupfer.
Das sind kleine Schritte auf einem langen Weg. Man stelle sich vor, ein Unternehmen wie Samsung oder Apple würde ihn mit aller Marktmacht gehen. Doch es fehlt der Druck. Von oben und von unten.
Dieser Text erschien im Mai-Heft von Saiten.
Kritische Stimmen zum Fairphone auf Blogs (hier und da)
Bilder: Fairphone (Flickr)
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