Die lebendigste Erinnerung, die ich an meinen Vater habe, ist die an seinen Tod. Respektive an den Moment, als ich davon erfuhr. Es war ein sonniger Tag im Frühsommer 1993. Ich war neun Jahre alt und jätete Unkraut im Garten seiner Eltern, die einen Bauernhof hatten. Plötzlich fuhr meine Tante mütterlicherseits auf den Vorplatz des Hofs. Ich kann mich noch gut an die Mischung aus Verwirrung und Freude erinnern, als ich sie aus dem Auto steigen sah: Komisch, dass die Schwester meiner Mutter die Familie meines Vaters besucht, dachte ich. Doch dann freute ich mich: Sie kann nur wegen mir hier sein, sie ist ja meine Gotte.
Die Freude verschwand, als sie mich weinend in die Arme nahm, nicht fähig, mir zu sagen, weshalb. Dann die heiseren Schreie meiner Oma, die immer wieder den Namen meines Vaters rief. Ich begriff nicht. Was war genau mit ihm passiert? «Der Papa ist jetzt im Himmel, da geht es ihm gut», erklärte mir die Tante. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mit dem Tod eines Menschen konfrontiert wurde. Und es verwirrte mich mehr, als dass es mich traurig machte.
Das lag wohl auch daran, dass ich als Neunjähriger keine richtige Beziehung zu meinem Vater hatte. Dafür hing ich zu stark am Rockzipfel meiner Mutter, dafür überliess er die Erziehung seiner vier Kinder zu fest seiner Frau. Er war der Mann mit dem Schnauz. Der Mann, der abends nach der Arbeit spät heimkam und sich am Wochenende in Cevi und Kirche engagierte.
Klar, da waren gemeinsame Momente. In meiner Erinnerung sind das wenige, einzelne Szenen: wie wir Drachen steigen lassen auf der Wiese neben unserem Haus. Wie er samstags für uns Kinder kocht, während unsere Mutter eine Weiterbildung macht. Wie er mich den Hügel hinunterträgt, nachdem ich mir beim Schlitteln das Knie verletzt habe. Aber sonst? Sonst ist da nicht viel. Keine Erlebnisse, die ich mit ihm alleine geteilt hätte, keine Machtkämpfe zwischen Vater und Sohn, keine Gespräche «von Mann zu Mann».
Als ihn eine schwere Depression dazu brachte, sich mit 39 Jahren im Wald zu erhängen, kannte ich meinen Vater nicht. Was vielleicht besser war. So konnte ich ihn gar nie so schmerzlich vermissen, so traf mich sein Tod nie so heftig, wie er meine älteren Geschwister traf.
Das heisst nicht, dass der Suizid meines Vaters bei mir keine tiefen Wunden hinterlassen hat. Doch die rühren weniger vom Verlust, sondern mehr von den hässlichen Folgen seines Abgangs. Er zerrüttete die Familie nachhaltig, brachte neben Trauer und Verzweiflung auch Hass in unser Zuhause. Für meine Mutter war es unbegreiflich, dass sich ihr Mann aus dem Leben stehlen konnte, obwohl er mit seiner Familie doch einen verdammt guten Grund gehabt hätte, weiterzuleben. Zur Überforderung einer alleinerziehenden Mutter von vier Kindern gesellte sich deshalb eine allgemeine Wut auf Männer, die sie meinen Bruder und mich mit Worten und Schlägen spüren liess.
Als die Situation eskalierte, zog mein Bruder noch minderjährig von zu Hause aus. Ich verlor damit die letzte männliche Bezugsperson in der Familie. Und als ich den Sprung an die Kantonsschule schaffte, schickte mich meine Mutter ins Konvikt, wo ich unter der Woche lebte. Sie hatte weder die Kraft noch die Lust, sich mit einem weiteren pubertierenden Sohn herumzuschlagen. Damals genoss ich die Freiheiten, die damit einhergingen. Die beinah komplette Abwesenheit elterlicher Fürsorge. Ich fing an zu rauchen, zu kiffen, zu trinken und im grossen Stil zu klauen. Rückblickend weiss ich: Es fehlte nicht viel und ich wäre aus der Gesellschaft gefallen.
Doch irgendwie bin ich in der Bahn geblieben. Mit Glück, aber auch dank der Überzeugung, dass ich es auch ohne Vater schaffe. Vielleicht sogar besser. Da war kein männliches Vorbild, dem ich nacheifern musste und an dessen Ansprüchen ich hätte scheitern können. Ich war frei zu entscheiden, in welche Richtung mein Leben gehen sollte. Zumindest rede ich mir das heute ein, wenn ich mich gelegentlich nach väterlicher Anerkennung sehne. Oder in den Momenten, in denen ich mich frage, was wohl wäre, wenn mein Vater noch leben würde.
Da ist aber kein Groll, keine Verbitterung. Vielleicht auch deshalb, weil ich seit einigen Jahren selber immer wieder mit Depressionen zu kämpfen habe. Glücklicherweise nicht in jener Intensität, die meinen Vater in den Selbstmord getrieben hat. Aber genug, um – zumindest ansatzweise – dieses tiefe, schwarze Loch spüren zu können, in dem er sich damals befunden haben muss. Die Wut, die ich viele Jahre auf ihn empfand, das Unverständnis, das sein Selbstmord in mir hervorrief, diese Gefühle haben sich verflüchtigt. Was geblieben ist: Mitleid für den Mann mit dem Schnauz. Und die Überzeugung, dass ein Selbstmord immer mehr Leid verursacht, als er lindern kann.
Dieser Beitrag erschien im Aprilheft von Saiten.
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