Es kann passieren, dass man klammheimlich ein Album zugesteckt bekommt. Ungefähr mit den Worten: «Hör mal rein, aber gibs nicht weiter, kommt erst im Mai raus.» So viel zu den Vorzügen, die man als Kulturjourni hin und wieder geniesst. Wichtiger ist: Loreley & Me – vielleicht noch vom letztjährigen Openair St.Gallen in Erinnerung – haben es auf exakt oben beschriebenem Weg in die unbefugte Stereoanlage meiner besten Freundin geschafft. Nicht weil sie das musikalische Rad neu erfunden hätten. Auch nicht weil Loreley und Neil Nein die neuen Wunderkinder im Osten wären, denn sonst wären sie a) schon längst berühmt oder könnten b) Noten lesen.
Neil findet ohnehin, dass er ein ziemlich schlechter Gitarrist sei. So wie Loreley gern poetischere Texte schreiben würde. Hauptgrund für #Loreleaks war vermutlich die Hoffnung, dass ihr Erstling LUCKNOW nachhaltiges Potenzial hat. Schliesslich ist es an der Zeit, dass die Restschweiz wieder mal etwas zu hören bekommt vom gitarrenspielenden Osten.
Ein Zacc zur Plattentaufe
Loreley und Neil haben sich im Sommer 2012 gefunden. Buchstäblich. Als Fremde in der Fremde. Was nicht so selbstverständlich ist, da Loreley in Degersheim gross geworden ist und Neil in Altstätten. Jedenfalls besuchte sie damals eine Bekannte in jenem Manchester, in dem auch er sich als Strassenmusiker die Zeit vertrieb, und so passierte es, dass sie eines Nachmittags bei ihm hängenblieb. Zunächst als Mikrofon-Halterin, wenig später singend als Jam-Gspänli. Dass sie vom selben See kommen, haben sie erst nach der spontanen Jam-Session kapiert, als sie die ersten paar Worte wechselten. Daraus wurden viele und noch mehr Musik.
Manchester habe es ihnen angetan, sagen sie, diese Stadt mit ihrer entspannten Strassenkultur. Zur Plattentaufe haben sie einen alten Bekannten von dort eingeladen, Zacc Rogers: jener Blues-Gitarrist, der sie in die Geheimnisse der gehobenen Gehwegmusik eingeweihte. «Zacc war das verbindende Element», erinnert sich Loreley, «darum haben wir ihm einen Song gewidmet».
Zack ist sogar die erste Loreley & Me-Komposition überhaupt – solider Bluesrock auf einem eher zügigen Beat. Erinnert stellenweise an Franz Ferdinand. Oder Reignwolf. An einem ganz, ganz schlechten Tag. Mit einem Gipsarm. Oder auch zwei. Oje, selbst jetzt ist der Vergleich noch steiler als steil. Die fast schon allzu vielbeschworene Nähe zu Jack White oder den Kills wäre wohl doch passender gewesen. Ums noch halbwegs zu retten: Zack und Reignwolfs Electric Love lassen sich zumindest musikalisch vergleichen. Und wie Reignwolf scheint auch Neil ein Überzeugungstäter zu sein. Er handhabt seine Gitarre zwar nicht annähernd so virtuos wie das kanadische Übertalent, doch die Riffs kommen ungefähr vom selben dreckigen Schrottplatz.
Rund wirds mit Loreley. Ihre Stimme ist es, die den ganzen Dreck erst farbig verschmiert und aus LUCKNOW diese eigenwillige Gitarren-Groteske macht. Es ist ein kurliges, prächtiges, mächtig zerbrechliches und ernsthaft verspieltes Album. Passend dazu wird darauf ständig und ebenso freudig gescheitert. Die Schwüre sind so bedingungslos wie die Heldin furchtlos ist, irgendwie verloren und doch auf alles gefasst. Kurzum: Man will die Welt essen. So ungefähr liesse sich auch To The Sun, der selbstbewusste Opener, zusammenfassen. Daneben gibt es auch schattige Nummern auf LUCKNOW. Aber nie wehleidige. In Dead End oder At Night etwa geht es vielmehr um die Erkenntnis, dass auch Tränen und Flüche letztlich nur einen Zweck erfüllen.
Dreck unter den Fingernägeln
Die zweistimmigen Parts, zum Beispiel in White, Worn Out Leather oder Twin, gehören mit zu den eingängigsten. Sie klingen wie The XX mit ordentlich Dreck unter den Fingernägeln. Nur sind Loreley und Neil bedeutend weniger schüchtern als das Londoner Trio. Und besser gelaunt. Vermutlich auch experimentierfreudiger, denkt man an die Lo-Fi-Echos und dubiosen Klangschatten, an all die Kratzer, Klicks und anderen Synthie-Effekte auf LUCKNOW. Sie wirken ähnlich rudimentär und grenzalchemistisch wie die Produktionsmittel, mit denen sie teilweise entstanden sind. «Jeder anständige Tontechniker würde sich die Haare raufen, wenn er wüsste, wie manche Sounds produziert wurden», sagt Neil. «Andere geben Unsummen fürs Equipment aus. Wir nehmen auch mal ein läppisches 20-Franken-Mik. Und ich steh’ auch auf Drummachines, mögen sie noch so verpönt sein.»
Abgesehen von den Gitarren sind auf LUCKNOW nur wenige Parts live eingespielt, der Rest kommt aus einem «vergleichsweise billigen Standardprogramm», wie Neil sagt. Am liebsten nutzt er seine Tiefpreis-Software, um mit Alltagsgeräuschen zu spielen. Er entdeckt sie überall – am Bahnhof, in 60er-Jahre-Talkshows, im Kopierraum oder beim Rumeiern mit Loreley. Diese analogen Fundklänge zeichnet er mit Billig-Apps, alten Tonbandgeräten oder den völlig falschen Mikrofonen auf, danach wird digital weitergepröbelt, mutiert, verzerrt, übereinandergeschichtet, zerhackt. Gerne auch stundenlang. Oder, wenn man Loreley fragt: «Nächtelang!»
Loreley & Me: LUCKNOW, erschienen bei Irascible Music.
Plattentaufe: Freitag, 12. Juni, 21.15 Uhr, Grabenhalle St.Gallen, mit Zacc Rogers und Wassily. Weitere Konzerte: Samstag, 13. Juni, Rock am Weier, Wil, Freitag, 3. Juli, Sommer im Park, Heerbrugg und Samstag, 18. Juli, Open Ear Festival, St.Gallen. Infos: facebook.com/Loreleyandme
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