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Dolce vita und düstere Kunst in Venedig

Liechtenstein spannt künstlerisch mit Island, Montenegro und Luxemburg zusammen. Ein Besuch beim Mikrostaaten-Quartett an der Biennale in Vendig.
Von  Urs-Peter Zwingli

In Venedig läuft die 56. Biennale und man könnte meinen, die Insel sei von ZHdK-Studis übernommen worden: Junge Menschen mit den «Kunsti»-Kennzeichen Hornbrille, Skinny Jeans, Dutt-Frisur, Segeltuch-Rucksack und Leica-Kamera drücken sich durch die Gassen der Altstadt. Es sind gute Tage, um Kunst aufzusaugen. Die ist in Venedig während der Biennale nicht nur in deren Ausstellungshallen Giardini und Arsenal zu sehen.

Wer durch die Stadt driftet, kann immer wieder neben einem Hinweisschild in einen Hauseingang treten. Im Innern kontrastiert moderne Kunst aus der ganzen Welt mit alten Mauern. Ausstellungs-Hopping kann man dazu wohl sagen.

An einer besonders schönen Ecke der Stadt, am Quai Fondamenta Zattere, steht der Palazzo Trevisan degli Ulivi: In der Abendsonne flattern am Palazzo die Fahnen der Schweiz und des Fürstentum Liechtensteins. Der Grund: Das Fürstentum ist dieses Jahr zum ersten Mal überhaupt mit einer Ausstellung an der Biennale vertreten.

Diese Werkschau mit dem Titel The Silver Lining thematisiert die Herkunft aus einem Mikrostaat. Die Werke kommen aber nicht nur aus dem Fürstentum, sondern auch von jungen Künstlerinnen und Künstlern aus Island, Montenegro und Luxemburg. Sie und ihre Arbeiten geniessen bis am 1. November Gastrecht im prächtigen Palazzo aus dem 15. Jahrhundert, der der Stiftung Pro Helvetia gehört.

 

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Blick vom Palazzo auf die Giudecca-Insel. (Bild: upz)

Getrübtes Dolce Vita

Während sich die Gäste auf dem Palazzo-Balkon mit Wein und Abendsonne im dolce vita aalen, steht ihnen in der Ausstellung eine handfeste, auch unangenehme Auseinandersetzung bevor: The Silver Lining nimmt Walter Benjamins Standpunkt, gemäss dem die Geschichte der Menschheit eine einzige Katastrophe ist, als Aufhänger. Dieser düsteren Sicht auf die Welt setzten die Kunstschaffenden «Begebenheiten entgegen, die sie als inspirierend empfinden und die ihr Leben positiv geprägt haben», heisst es im Programm der Austellung. Dieses Positive dringt aber nicht immer durch, viele Werke haben eine düstere Note.

Da ist etwa in einem Nebenzimmer der Animationsfilm Inner Life of a Hay Bale der isländischen Künstlerin Gabriela Fridriksdottir: Dessen schwarz-weissen Szenen erinnern ein wenig an Wo die wilden Kerle wohnen, aber auf Alptraum getrimmt. Das Ganze ist unterlegt mit brummendem Drohnen-Sound und einer Stimme, die in kaum verständlichem Englisch düstere Träume rekapituliert. Die Zuschauer sitzen passend dazu auf stachligen Hay Bales (Heuballen), die extra aus dem Fürstentum mitgebracht wurden.

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Oder die Videoinstallation Natural Law der ebenfalls aus Island stammdenden Künstlerin Anna Frida Jonsdottir: Diese sitzt im Wald, imitiert mit einem Ast ein Geigenspiel, das Video ist seltsam zuckend und verruckelt in einem Endlos-Loop geschnitten. Künstlerische Hommage an Blair Witch oder Ausdruck der tiefen Verbundenheit der isländischen Volksseele zur Natur und deren mystischer Kräfte?

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Daneben hat die Ausstellung auch lichtere Momente: Die träumerischen Filmbilder der montenegrinischen Künstlerin Adrijana Gvozdenovic unter dem Titel Notes for a Road Movie: To and From Montenegro. Oder die auf von innen beleuchtetes Papier gedruckten Bilder von Liechtensteinern, die einst nach Amerika auswanderten. Die Bilder erzählen von der Hoffnung auf ein besseres Leben. Für dieses Werk Pictures For / From Home hat die Liechtensteiner Künstlerin Anna Hilti rund 400 Bilder ausgewertet, auf die sie zufällig im Landesarchiv gestossen war.

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Kafi und Gipfeli für alle

Doch ob licht oder düster: Dass neun Künstlerinnen und Künstler aus vier Mikrostaaten gemeinsam einen Raum bespielen, ist aussergewöhnlich. Zu verdanken ist das dem Liechtensteiner Kunstverein Schichtwechsel. Dieser hat bereits die noch laufende Mikrostaaten-Ausstellung Wo das Gras grüner ist für das Liechtensteiner Kunstmuseum in Vaduz kuratiert. «Als wir dann hörten, dass wir uns damit auch an der Biennale präsentieren können, waren wir zuerst einmal überwältigt», sagt Annett Höland vom Schichtverein-Vorstand an der Vernissage. Der Vorstand besteht seit 2011 neu zusammengesetzt aus jungen Leuten aus und in Liechtenstein. Der kurze Auftritt in Venedig markiert einen Höhepunkt ihrer bisherigen Arbeit. Die Ausstellung sei für Liechtenstein ein «kultureller Meilenstein», liess die Kulturministerin Aurelia Frick in einer Grussbotschaft ausrichten.

Der Schichtwechsel und die Künstler geben sich derweil sympathisch nahbar: Jeden Morgen um 11 Uhr gibt es im Palazzo in Venedig ein offenes Treffen mit Kafi und Gipfeli – so soll ein lockerer Austausch möglich sein. Das war schliesslich auch eines der erklärten Ziele der Ausstellungen Wo das Gras grüner ist und jetzt The Silver Lining: Neue Beziehungen sollen dadurch unter den Mikrostaaten und deren Kunstschaffenden entstehen.

 

The Silver Lining. Noch bis 1. November 2015. Am letzten Wochenende findet ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Performances und Diskussionen statt.

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