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Ein Stück Stadt-Lebensgeschichte

Das Buch Kunst im Kammerstil verrät einiges: zum Beispiel wie die «Galerie vor der Klostermauer» zum Kunst-Sprungbrett wurde. Und wie sich in St.Gallen die Themen ändern – oder eben auch nicht.
Von  Corinne Riedener

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Die private Galerienlandschaft der Kantonshauptstadt ist karg. Christian Roellin gibt es und Paul Hafner. Daneben die kleineren (z.B. Point Jaune in der alten Post, Macelleria d’Arte beim Raiffeisenplatz oder seit August 2013 Sonja Bänziger, Magnihalden 17). Die kleinste von allen ist aber die Galerie vor der Klostermauer mit ihren knapp 40 Quadratmetern auf zwei Etagen. Und mit 45 Jahren auf dem Buckel ist die ehrenamtlich geführte Galerie an der Zeughausgasse 8 wohl auch eine der ältesten in der Stadt.

Zehn Kapitel nach dem Umbruch

Im Auftrag der Betreiberinnen hat der St.Galler Journalist und Autor Ralph Hug nun das bewegte Leben der Galerie aufgearbeitet und dokumentiert, Markus Traber hat die Recherche verpackt. Entstanden ist eine 64-seitige Farb-Broschüre (Bild links) mit zehn Kapiteln, allerhand Bildmaterial und kleinem Anhang.

Kunst im Kammerstil – Wie die Galerie an der Klostermauer St.Galler Stadtgeschichte schrieb bietet aber nicht nur Wissenswertes zum bewegten Galerieleben im Zeughausgässlein, sie erzählt, wie im Titel versprochen, auch einiges über die St.Galler Stadtgeschichte der letzten Jahrzehnte. Déjà-vus inklusive.

Anlass zum Rückblick war ein Umbruch: Im Frühling 2013 ging die Galerie – von überwiegend männlichen und bereits etwas zerfurchten Händen – in vier junge, weibliche Händepaare über. Dieser Leitungs- und Generationenwechsel war existenziell. Ohne ihn hätte die Schliessung gedroht, war in der Presse zu lesen, auch in der Saiten-Sommerausgabe 2012: «Enthusiasmus, Freude an zeitgenössischer Kunst und ein breites Netzwerk» müsste man mitbringen, zitiert Hug die Betreiber damals. Nicht zuletzt dank diesem Appell konnten schliesslich vier Vorstandsfrauen (Brigitte Knöpfel, Rahel Flückiger, Catrisna Sonderegger und Kathrin Dörig, die aktuelle Präsidentin) gefunden werden, die heute die Geschicke an der Zeughausgasse leiten.

Zwei Gruppen, ein Gedanke

Dass Grafiker und Gründungsmitglied Hansjörg Rekade mit seinen Freunden damals in den 60ern einfach im baufälligen Schlupf eingestiegen ist, bevor der Kanton überhaupt etwas von einem Galerie-Projekt wusste, wird in der Broschüre nicht erwähnt. Rekade winkt lachend ab: «Es war weniger eine Besetzung als eine spontane Hausbesichtigung.» Belegt ist aber, dass sich damals nicht nur die Leute um Rekade und Bruno Hörler (die damaligen Herausgeber der Zeitschrift «Journal 64») nach weltanschaulichen, literarischen und künstlerischen Freiräumen sehnten, sondern auch die berüchtigten «Gizonisten». Beide Gruppen hatten ein Auge auf die Liegenschaft im Klosterbezirk geworfen, das schweisste zusammen. Der Kanton spielte mit und im Mai 1967 wurde die Galerie eröffnet.

Der rätselhafte Tod von Hermann «Augur» Jöhr, Sohn eines HSG-Professors und Kopf des humanistisch-taoistisch-ökologisch geprägten Gizon-Kreises, rundet den Gründungsmythos ab, wenn man das zweite Kapitel der Broschüre denn so interpretieren will: Es heisst, Jöhr habe sich 1972 auf einer Schiffsreise von Dänemark nach England in die Fluten gestürzt. Geklärt wurde sein plötzliches Verschwinden nie, aber der Gizon-Kreis verschwand damals zeitgleich mit seinem Mentor.

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Häusermord und Stadtzerfall: Ernst Schär dokumentiert den Abbruch der Splügenbrücke 1981.

Parallelen zu heute

Die «Gizonisten» – stets auf der Suche nach neuen Lebensentwürfen – hatten jahrelang die städtische Politik aufgemischt, setzten sich für Demokratie, Menschenrechte, Nachhaltigkeit oder Kulturdenkmäler ein. «Rettet den Tröckneturm» und «Rettet Katharinen» propagierten sie 1971 – und hatten Erfolg, wie das Stadtbild zeigt. Heute hiesse es vielleicht «Rettet das Rümpeltum» oder «Gnade dem Güterbahnhof».

Passend dazu in der Galerie: die vielbeachtete Ausstellung des St.Gallers Ernst Schär von 1982 mit dem Untertitel «zu Häusermord und Stadtzerfall». Der Fotograf thematisierte städtische Wohnräume und die damals geplante Autobahn-Südumfahrung. Angesichts der Pläne beim Güterbahnhof wäre das fast schon wiederholungswürdig. Auch ohne Rückenwind durch die 80er-Bewegung.

Im selben Jahr: die Ausstellung «Museum geschlossen» von Hansruedi Fricker, Pascal Froidevaux, Felix Kälin, Wolf Steiger und Muda Mathis – ein Protest gegen «geschlossene Museumstüren» und für die Wiedereröffnung des seit 1970 geschlossenen Kunstmuseums in St.Gallen. Dieser Wunsch ging allerdings erst etwa fünf Jahre später nach einer umfangreichen Renovation in Erfüllung. In diesem Fall ist die Parallele zu heute aber erfreulich, denn mit dem Bau des neuen Naturmuseums soll das Kunstmuseum mehr Platz erhalten.

Kunst findet nicht

Hansruedi Frickers Plakat zur Ausstellung «Museum geschlossen», 1982

Prophetisches zu «Uncle Sam»

Die Betreiber wurden aber auch immer wieder kritisiert, 1971 beispielsweise, als Friedel Peisert ausstellte. Die in Jena geborene Künstlerin dürfte wohl, wie viele damals, vom Vietnamkrieg und den Studentenbewegungen der 60er-Jahre beeinflusst gewesen sein. Jedenfalls verteidigte Jöhr ihren «Antiamerikanismus» damals mit der «zunehmenden Gewalttätigkeit der USA» und kritisierte deren Sog. «Prophetische Sätze», resümiert Hug im 68er-Kapitel. Knapp aber präzis. Denn weder 9/11 noch der daraufhin verabschiedete Patriot Act waren damals ein Thema.

Kapitel sechs und sieben widmen sich den «grossen Namen der kleinen Galerie», dem Sprungbrett ins Rampenlicht. Natürlich taucht dort Roman Signer auf. Oder die St.Galler René Gilsi und Bruno Steiger, der, wie auch Rekade, eine Zeit lang Präsident des knapp 120köpfigen Vereins Galerie vor der Klostermauer war.

Erwähnenswert ist ausserdem H.R. Giger. «Mit ihm hielt die Subkultur in St.Gallen Einzug», schreibt Hug zur Ausstellung 1968: die junge Galerie sei dank dem Churer fast über Nacht «zum Stadtgespräch geworden». «Ein Spektakel sondergleichen», erinnerte sich Rekade bei der Buchpräsentation am Mittwoch. «Underground pur in St.Gallen!» – schliesslich war Giger damals noch weit entfernt von einer Zusammenarbeit mit dem britischen Regisseur Ridley Scott, dem er mit seiner Alien-Vorlage ’79 zu einem Oscar verhalf.

Bloss nicht verkrusten

Natürlich waren auch Frauen vertreten in den bisher 280 Ausstellungen während 45 Jahren: zum Beispiel Gilgi Guggenheim (1998), Lika Nüssli (2005), Katrin Mosimann (2006) oder Susanne Albrecht (2012). Und weniger werden sie in den nächsten Jahren wohl nicht, schliesslich sind jetzt vier Frauen am Galerie-Ruder – der Tradition folgend; ohne Subventionen und mit Fokus auf junge Kunst, mit frischem Erscheinungsbild und neuer Website.

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Das letzte Kapitel: Einladungskarten aus 45 Jahren. (Katrin Mosimann, 2006)

Wenn die Betreiberinnen dem Vereins-Credo allerdings treu bleiben, müssen auch sie ihren Stuhl zu gegebener Zeit räumen, denn eines wird gross geschrieben vor der Klostermauer: bloss nicht verkrusten. Oder wie Rekade sagt: «Man soll den Jungen Platz machen, wenn sie ihn wollen.»

 

Vom 25. April bis am 18. Mai werden an der Zeughausgasse 8 Werke des Künstlers Isaac Carzon ausgestellt.

«Kunst im Kammerstil – Wie die Galerie an der Klostermauer St.Galler Stadtgeschichte schrieb» kostet Fr. 34.50. Die Broschüre kann über den Verein oder direkt in der Galerie bezogen werden.

Die Hauptversammlung des Vereins Galerie vor der Klostermauer findet am Donnerstag 3. April um 19 Uhr in den Räumen der Kellerbühne statt.

Weitere Infos auf klostermauer.ch

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