Präzise Momentaufnahmen: Lisa Elsässer beweist sich in ihren Erzählungen Feuer ist eine seltsame Sache als Spezialistin für Lebensbrüche. Am Mittwoch liest sie in St.Gallen.
Es gibt wundersame Sprachbilder in diesem Buch. Bilder wie dieses: «Er liegt im Bett und hat eine Singstimme wie eine zurückgekehrte Schwalbe; voller Wärme.» Er, das ist Hermann in der gleichnamigen Erzählung von Lisa Elsässer, eine der kürzesten in ihrem neuen Buch. Hermann ist ein Kind im Übergang zur Pubertät, aber die Autorin kann dieses zwiespältigste aller Alter viel weniger pragmatisch beschreiben: «Tagsüber ist er ein Junge, der sich seinem Namen nähert, am Abend ist er Kind, weit weg von seinen Haaren, und sagt immer: Ich heisse Frühling.»
Die Hermann-Geschichte ist eine kleine präzise Momentaufnahme. Äusserlich passiert wenig, in wenigen Strichen baut sich dafür die bedrängende Gefühlswelt des Heranwachsenden und die Ratlosigkeit seiner Eltern auf. In anderen Geschichten geht es auch äusserlich dramatischer zu und her. Zum Beispiel in jener Dreiecksverstrickung, die dem Buch den Titel gegeben hat: Feuer ist eine seltsame Sache. Die Ich-Erzählerin, ihre Freundin und deren Freund spielen mit dem Beziehungsfeuer zwischen Mann und Frau. Das gefährliche Spiel bringt sie und ihn vorübergehend zusammen und das Paar auseinander und hinterlässt am Ende lauter Verlustgefühle und eine kühle Traurigkeit. «Sinnlos wie ein Gewitter ohne Regen dieses Glück.»
Die Autorin, aus dem Urnerland gebürtig und in Walenstadt wohnhaft, ist neben Prosa auch mit Gedichten bekannt geworden. Zuletzt ist 2013 der Band Da war doch was erschienen. Dass sie die Kunst der lyrischen Verknappung beherrscht, kommt auch der Prosa zugute. «Ein Schuss fiel. Wir erschraken nicht…» – so wird in der «Feuer»-Erzählung die Annäherung der zwei Figuren eingeleitet. Gelegentlich wirken solche satzdramaturgischen Schnitte etwas erzwungen filmisch – aber sie greifen dem Leser ans Herz und manchmal auch ans Genick und beziehen ihn ein in die Atemlosigkeit des Geschehens.
Ob familiäre Beziehungen, Kindheit, Krankheit oder Tod: Elsässer erweist sich in den fünfzehn Erzählungen einmal mehr als Spezialistin für die Brüche, die jeden Moment unsere scheinbar unumstösslichen Lebensgewissheiten über den Haufen werfen können.
Lisa Elsässer: Feuer ist eine seltsame Sache, Rotpunktverlag Zürich 2013, Fr. 32.-
Lesung: Mittwoch, 15. Januar, 19.30 Uhr, Raum für Literatur, Hauptpost St.Gallen
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