Kategorie
Autor:innen
Jahr

Es geht um Haltung

Der deutsche Konzertagent Berthold Seliger hat eine Abrechnung mit den Monopolen des popmusikalischen Kommerz geschrieben. Von Chrigel Fisch.

Von  Gastbeitrag

Wussten Sie, was der Direktor der Schweizer Urheberrechtsgesellschaft Suisa verdient? 357’000 Franken im Jahr. Und der Chef der Urheberrechtsgesellschaft ProLitteris (Wort, Literatur, Kunst)? 308’000 Franken. So steht es in Berthold Seligers Buch auf Seite 226. Die beiden Zahlen sind gefühlt etwa ein Zehntausendstel aller Zahlen, die Seliger in seinem Buch Das Geschäft mit der Musik präsentiert. Es sind Zahlen, die selbst dem strahlendsten Optimisten und Verfechter des (Live-)Musikgeschäfts das nackte Grauen übern Buckel schicken.

seeligerDoch keine Angst: Berthold Seliger ist kein paragraphentrockener Jurist, kein aktenbleicher EU-Beamter und kein endzeitbeschwörender Wutbürger. Sondern ein aufrichtiger Anwalt und leidenschaftlicher Arbeiter der (pop)musikalischen Kunst und ihrer Künstler. Seit über 25 Jahren. Nun gibt es seinen Scharfsinn und sein Insiderwissen in Buchform. Und live in St.Gallen.

White Stripes als Abkupferer

Das Buch geht bereits in die zweite Auflage und liest sich streckenweise wie ein Krimi. Es ist randvoll mit Anekdoten aus der Musikhistorie, aus Literatur, Politik, Ethik, Musikjournalismus und Philosophie. Wussten Sie, wo die White Stripes das weltberühmte Intro zu ihrem Über-Hit Seven Nation Army abgekupfert haben? Nein? Seite 195. Und wussten Sie, wieviel ein Arbeiter in Bangladesch verdient, um die H&M-Shirtkollektion des lieben deutschen Panda-Rappers Cro herzustellen? Es sind 1.18 Euro. Pro Tag.

Nebenbei lernt man in Seligers Buch – falls man es nicht schon wusste –, dass Coca-Cola schon als Limonadelieferant der Hitlerjugend und Sponsor der Olympischen Spiele 1936 in Berlin aufgetreten war und mit Coca-Cola Soundwave oder MyCokeMusic noch heute mit Musik sein Image jung hält.

«Es ist alles wie immer, nur schlimmer», schreibt Seliger. Das Geschäft mit der Musik ist ein dickes. Aber eben nicht für diejenigen, die für die Inhalte sorgen (Songwriter, Komponisten, Bands), sondern für die internationalen Konzerne und ihre CEOs, die diese Musik vermarkten. Ob als Tonträger, Download, Stream, Werbedeal oder Konzertticket ist dabei nicht mal die grosse Frage.

Seit der USKonzern Live Nation ab 2005 das Konzept des 360-Grad- Deals durchzusetzen begann, beherrscht diese Geschäftsidee das Musikbusiness von A–Z: vom Album, Plattenlabel, Musikverlag und Management über die Tournee, Merchandising, Sponsoring, Rechte bis zur Kontrolle von Konzerthallen und Stadien samt aller Softdrinks, die dort ausgeschenkt werden dürfen (Coca-Cola natürlich; exklusiver Partner an allen Live Nation-US-Konzerten).

Wenn Seliger in seinem Buch auflistet, dass der Live Nation-Konzern seit seiner Gründung in keinem Jahr schwarze Zahlen geschrieben hat, bleibt ein mulmiges Gefühl zurück. Denn: Der Musiker zahlt Steuern, die Plattenfirma zahlt Steuern, der Konzertveranstalter zahlt Steuern und so weiter – aber Live Nation (Verlust 2012: 163 Millionen Dollar) zahlt keine Steuern. Es braucht nicht viel Phantasie, um zu erahnen, dass da sehr viele kluge Anwälte und Finanzcracks ihre Finger im Spiel haben.

Gegen Monopole

Seligers Lieblingsfeind – und nicht nur seiner – ist neben Live Nation und dem Ticketanbieter CTS Eventim die deutsche Urheberrechtsgesellschaft GEMA – ein Verein, 1933 auf Geheiss von Herrn Goebbels als STAGMA gegründet und 1947 vom Alliierten Kontrollrat umbenannt – mit einem Jahresumsatz 2012 von umgerechnet über 1 Milliarde Franken. Der GEMA-Vorstandsvorsitzende verdient 484’000 Euro im Jahr.

Natürlich steht die GEMA als Monopol-Gebühreneintreiberin vehement für das (im Internetzeitalter längst veraltete) Urheberrecht und die hohen Gebühren ein – nicht, weil sie «ihre» Künstler schützen will. Nein, «die GEMA», so Seliger, «ist ein Instrument, um Musik nach dem Gesetz der Ware zu behandeln», und sie wird «auch weiterhin gegen die Interessen der Verbraucher und der meisten Künstler agieren». Die Lösung? «Eine tiefgehende Infragestellung des Copyrights», sagt der Autor. Und macht Vorschläge. Ab Seite 187.

Seliger-Musik.previewSeligers Buch ist nicht nur eine akribische Darstellung des Milliardenbusiness Musik, das immer weniger Grossprofiteure kennt und immer mehr Monopole. Es geht auch um die Frage nach der Kunst, den Künstlern, die sich gegen die totale Vermarktung und gegen die «Kultur der Konzerne» entscheiden. Beispiele nennt Seliger genug, etwa Tom Waits, der seine Musik niemals für eine Werbekampagne hingeben würde: «Ich habe nur Hass für diejenigen, die sowas machen.» Oder Pearl Jam und Fugazi, die schon in den Neunzigerjahren dem Quasi-Monopol des US-Ticketanbieters Ticketmaster mit kreativen Ideen und harten Verhandlungen die Stirne boten.

Das wahre Konzertwesen

Für Seliger stehen immer die Kunst und die Künstler im Vordergrund. Und die hat er in den letzten 25 Jahren sehr erfolgreich (nein, keine Millionendeals) und sehr nachhaltig betreut, von Townes Van Zandt über Lambchop oder Calexico bis Patty Smith, The Residents, Tortoise oder FSK. Seliger nannte das schon 1994, im Booklet zur von ihm veröffentlichten CD Absolutely Live mit Songs vieler seiner Künstler, das «wahre Konzertwesen» – und nicht die Ware Konzertwesen wie heute.

Was einen beim Lesen des Buchs beschleicht, ist neben Unbehagen und düsteren Zukunftsperspektiven auch die Erinnerung an eine Zeit, wo vieles im Kleinen begann: Punk, Gegenkultur, Alternative, Independent, Do-It- Yourself, Anti-Kommerz, Political Correctness – Begriffe, die heute sinnentleert scheinen. Seliger kritisiert die uniformierte Unterhaltungsindustrie, die «Kultur der Konzerne »; Er demaskiert Bands und Musiker, die nicht mehr von der Musik leben, sondern von Werbung für blöde Produkte, die niemand wirklich braucht.

Wozu, könnte man fragen, braucht es dann diese Musiker? Wozu braucht es überhaupt Musik? Und erst noch live? Etwa für grossartige Momente, überwältigende Gefühle, den wahren Sinn des Lebens? Die grosse, ewige Kunst? – Ja, genau dafür.

Und dafür steht Seliger. Es ist ein Wunder, dass er, der seit über zwei Jahrzehnten im Konzertbusiness tätig ist, nicht schon längst verrückt geworden ist ob all dem Kommerzmist der Konkurrenz. Aber die Frage brennt unter vielen Nägeln: Wie überlebt man mit Kreativität und Würde und den Werten der Kunst und der Gegenkultur in dieser komplett durchgestylten und hypermedialen Kommerzlandschaft? Vom Online zurück zum Offline, also in den Club? In den Plattenladen – solange es ihn noch gibt, siehe den vorangehenden Beitrag?

Man wird jedenfalls von der CD Abschied nehmen wie damals von Schellack, Telex und Telegramm. Ohne Wehmut. Dafür mit neuen Ideen. Und Berthold Seliger, der das Konzertwesen und die Musik zu sehr liebt, um es Idioten zu überlassen, sollten wir zuhören. Es geht um Haltung, im Buch und live. Und dann mitreden. Es geht uns alle an.

Lesung mit Berthold Seliger: Dienstag, 21. Januar, 20.15 Uhr Palace St.Gallen
Berthold Seliger: Das Geschäft mit der Musik. Ein Insiderbericht, Edition Tiamat, Berlin 2013. 

Jetzt mitreden: 1 Kommentar
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
Marcel Baur via Facebook,  

Es zeigt eigentlich genau das, was wir Piraten schon immer angeprangert haben.
Mag ja sein, dass es noch immer Leute gibt, die meinen wir wollen die Kultur verschenken resp. unter fragwürdigen Umständen auf den heimischen Rechner laden. Nein, wir wir wollen sie befreien und zwar genau aus den Fängen dieser Gesellschaften und Vermarkter. Denn was nützt es den Kulturschaffenden, wenn ein Grossteil ihrer erarbeiteten Löhne für Gehälter draufgehen. Dabei schreibt doch die SUISA selber in ihren Statuten "Die SUISA dient den Urhebern und Urheberinnen sowie Verlegern und Verlegerinnen aller
Länder."
Dabei gibt es durchaus auch Alternativen, wie zum Beispiel die C3S https://www.c3s.cc/ die es sich zum Ziel gesetzt den Urhebern werksbasierte Anmeldungen zu ermöglichen und sie bis zu einem gewissen Schwellwert in vollem Umfang zu entschädigen.
Das ist nichts Neues, das habe ich bereits letzten Frühling hier bei Seiten in meinem Interview gefordert http://www.saiten.ch/frei-und-fair/ Zeit zu handeln oder wie es Berthold Seliger sagt "«Es ist alles wie immer, nur schlimmer. Das Geschäft mit der Musik ist ein dickes. Aber eben nicht für diejenigen, die für die Inhalte sorgen sondern für die internationalen Konzerne und ihre CEOs, die diese Musik vermarkten. Ob als Tonträger, Download, Stream, Werbedeal oder Konzertticket ist dabei nicht mal die grosse Frage."

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler

Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02

St.Gal­len plant Kon­sum­raum für Sucht­kran­ke

Hin­ter dem St.Gal­ler Haupt­bahn­hof soll ein Kon­sum­raum für Men­schen mit schwe­ren Sucht­er­kran­kun­gen ent­ste­hen. Die­se Wo­che ha­ben die Stadt und die Stif­tung Sucht­hil­fe An­woh­ner:in­nen ein­ge­la­den, um ei­nen ers­ten Dia­log zu star­ten. 

Von  Philipp Bürkler
Liegeschaft Lagerstrasse 2 4

Auf der Ziel­ge­ra­den

Es ist sei­ne letz­te Ses­si­on nach zehn Jah­ren im St.Gal­ler Kan­tons­rat. SP-Kul­tur­po­li­ti­ker Mar­tin Sai­ler setzt künf­tig ganz auf den Zel­tai­ner. Das Geld für den Neu­bau in Wild­haus ist fast zu­sam­men, 2027 soll es los­ge­hen.

Von  Peter Surber
Foto1 Zeltainer

Im di­gi­ta­len Dschun­gel zu Hau­se

Die An­sied­lung des In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land in St.Gal­len ist Pie­ro Sti­nel­li zu ver­dan­ken. Er kon­tak­tier­te vor zehn Jah­ren die Ver­ant­wort­li­chen von ar­chi­ve.org aus ei­ge­nem An­trieb. In den 90er-Jah­ren war der Mit­grün­der von Va­di­an.net und Klang und Kleid ein In­ter­net­pio­nier.

Von  David Gadze
2606 Internet Archive pino stinelli andri voehringer

Ohm41 stellen wieder aus

Kunst auf der Kip­pe

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 03 um 11 14 39

Sehn­sucht nach Frei­heit

Das Thur­gau­er Pop-Phä­no­men Noe­mi Be­za ver­öf­fent­licht An­fang Ju­ni ih­re neue EP. You’ll Find Me The­re ver­eint Coun­try-Vi­bes mit ast­rei­nem Pop – was man ein we­nig ver­misst, sind Ecken und Kan­ten.

Von  Jeremias Heppeler
1 Pressefoto Noemi Beza Youll Find Me There

Kolumne: Stimmrecht im Juni

Back to the Fu­ture

Von  Liliia Matviiv

Ausstellung in Herisau

70 Jah­re und 70 Pup­pen

Von  Vera Zatti
70 Jahre SG Ausstellung

«Gros­ses Lob für die­sen Kel­ler»

Nach 22 Jah­ren gibt Mat­thi­as Pe­ter die Lei­tung der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne ab. Vom Raum ist er nach wie vor be­geis­tert. Aber dem Ka­ba­rett ging es auch schon bes­ser, er­zählt er im Ge­spräch.

Von  Peter Surber
2606 Redeplatz Matthias Peter

Für ei­nen Mo­ment be­rührt

Die Thur­gau­er Künst­le­rin Mi­cha Stuhl­mann be­fasst sich in ih­rem neu­en Pro­jekt mit dem Da­sein im Mo­ment. Am 7. Ju­ni fin­det da­zu ein Work­shop in St.Gal­len statt und am 26. Ju­ni zeigt sie mit ih­rem En­sem­ble die fi­na­le Per­for­mance in Kreuz­lin­gen. 

Von  Vera Zatti
Martin Schweingruber DA SEIN Vorpremiere 20260509 tgkultur 31 von 49