, 27. März 2017
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Fall Guggenbühl: Plafonierung auf der «Tagblatt»-Redaktion

Der Umwelt- und Wirtschaftsjournalist Hanspeter Guggenbühl wehrte sich dagegen, von den NZZ-Regionalmedien «St.Galler Tagblatt» und «Luzerner Zeitung» in einen konfektionierten und beliebig abrufbaren Schreiberling umfunktioniert zu werden. Die Konsequenz daraus: Nach Jahrzehnten freier redaktioneller Mitarbeit wurde er geschasst.

Hanspeter Guggenbühl gilt als in der Sache kompetenter und im Charakter etwas kantiger Journalist. Diese Attribute machen zwar eine Persönlichkeit aus, damit hat man aber bei den NZZ-Regionalmedien trotzdem keinen Stich mehr.

Die Vorgeschichte: Guggenbühl, der sich mit den Themen Verkehrspolitik, SBB und Neat mehrfach in der «Luzerner Zeitung» (LZ) auseinandergesetzt hatte, fragte im vergangenen November bei der LZ-Redaktion nach, ob er über die SBB-Jahres-Medienkonferenz, die in Zürich angesagt war, berichten könne. Die Antwort kam kurz und bündig per Mail: «Danke, wir decken die PK selbst ab.»

Guggenbühl bot im gleichen Mail auch eine Vorschau an, in welcher er auf die Kritik der Luzerner Regierung eingehen wollte, die sich in ihren ÖV-Plänen durch den Neat-Fahrplan benachteiligt fühlte. Zu unrecht, wie Guggenbühl meinte. Ebenso merkte der Journalist aus Ilnau (ZH) an, dass sich in einem Artikel der «Luzerner Zeitung» zum Fahrplan-Thema, der aus der Feder eines anderen freien Mitarbeiters stammte, «kleine Fehler» eingeschlichen hätten. Sein Mail endete sarkastisch: «Aber in einer Zeit des Fuck Facts ist es ja wohl egal, was in der Zeitung steht. Entsprechend gesunken ist der Abdruck von meinen Artikeln.»

Der Leiter der LZ-Bundeshausredaktion antwortete postwendend: «Dein Vorwurf, wir würden uns um Fakten foutieren, ist lächerlich und beleidigend. Ich werde prüfen, unsere Zusammenarbeit ganz einzustellen.» Per CC erfuhr nun auch Pascal Hollenstein, neuer Leiter Publizistik der NZZ-Regionalmedien, vom heraufziehenden Knatsch mit Guggenbühl.

Die Redaktion zur geschützten Werkstatt machen

Dann wurde die Katze aus dem Sack gelassen: «Die wichtigen innenpolitischen Themen wollen wir vorwiegend mit Texten interner Autoren abdecken, weil wir diese Dossierkompetenz entweder haben oder aufbauen müssen. Zu diesen Themen gehören der Atomausstieg und die Energiewende. Das ist der Grund, warum wir nur wenige deiner Texte dazu abgedruckt haben und an einer intensiveren Zusammenarbeit nicht interessiert sind», beschied der Leiter der LZ-Bundeshausredaktion.

«Jetzt ist es unmissverständlich klar», antwortete ihm Guggenbühl. «Du willst die Inlandredaktion der Luzerner Zeitung bei wichtigen innenpolitischen Themen abschotten gegenüber dem Wettbewerb mit freien Journalisten. Damit machst du die Redaktion zur geschützten Werkstatt. Solange das so bleibt, werde ich meine Angebote, Recherchen und Artikel euch nicht mehr anbieten und streiche die Luzerner Inlandredaktion aus meinem Verteiler.»

Inzwischen hatte sich auch Pascal Hollenstein eingeschaltet. Er machte keinen Hehl aus der Absicht, Guggenbühl auf Distanz bei den NZZ-Regionalmedien zu halten und mailte ihm: «Die Sache ist im Grunde ganz einfach: Als freier Journalist kannst du Texte anbieten und wir als möglicher Abnehmer entscheiden, ob wir die Angebote annehmen. Selbstverständlich sind wir dabei bestrebt, zunächst die Stärken unserer eigenen Redaktion und unserer fixen Korrespondenten auszuspielen.»

Guggenbühls Antwort: «Ich werde meine Texte der Inlandredaktion des St.Galler Tagblatts weiterhin anbieten, nicht aber der Inlandredaktion der Luzerner Zeitung. Denn bisher – bis vor deinem Amtsantritt – haben sich die Redaktionen deutlich unterschieden.»

Nun gibts die rote Karte

Hollenstein mailte darauf: «Die beiden Inland-Redaktionen arbeiten eng koordiniert. Ein Angebot nur an eine Redaktion können wir nicht annehmen.»

Auf diese Offenlegung der redaktionellen Einheits-Strategie bei den NZZ-Regionalmedien antwortete Guggenbühl zu Handen von Hollenstein: «Deine Kopplung zwingt mich leider, meine 38-jährige Mitarbeit für den Inlandteil des St.Galler Tagblatts ebenfalls zu beenden; ich werde das Inland aus meinem Verteiler streichen. Falls sich die Gleichschaltung auch auf den Wirtschaftsteil ausweiten sollte, bin ich für eine Nachricht dankbar. Vorläufig werde ich den Wirtschaftsteil noch mit meinen Angeboten beliefern.»

Hollenstein antwortete darauf: «Eine eklektische Mitarbeit in einzelnen Ressorts oder Titeln unserer Regionalmediengruppe ist leider nicht möglich. Unter diesem Titel ist es am besten, wenn wir die Übung ganz abbrechen und wir von dir keine Texte mehr publizieren.»

Diese «Eklektizimus-Verweigerung» signalisiert unmissverständlich die Umstellung auf Einheitsjournalismus bei den NZZ-Regionalmedien «Tagblatt» und LZ und mithin eine noch verstärkte Zeitungs-Monopolisierung auf der Achse Ost-Zentralschweiz.

Freie Journalisten im Multipack

«Mit der neuen redaktionellen Strategie unter Pascal Hollenstein wird der journalistische Wettbewerb zwischen festangestellten und freien Mitarbeitern unterbunden», sagt Guggenbühl. «Gleichzeitig ist mein Fall ein Beispiel dafür, dass freie Journalisten vermehrt nur noch im Multipack zum Einsatz kommen sollen.»

Bisher aber hätten sich die Redaktionen von «St.Galler Tagblatt» und «Luzerner Zeitung» deutlich unterschieden, sagt der freie Journalist. Das «Tagblatt» berichtete zwar etwas langweilig, dafür aber vertieft und kompetent. Die «Luzerner Zeitung» hingegen erschien etwas journalistischer, inhaltlich aber oberflächlicher. «Durch den Zusammenschluss und die Gleichschaltung der Redaktionen der NZZ-Regionalmedien bleiben freie Mitarbeiter, die nicht in den Eintopf passen, auf der Strecke.»

Hollenstein widerspricht auf Anfrage von Saiten: «Das St.Galler Tagblatt mit seinen neun Regionalausgaben und die Luzerner Zeitung mit ihren vier Regionalausgaben beschäftigen rund 100 freie Mitarbeiter. Bei den In- und Auslandredaktionen der beiden Blätter sind es etwa 20. Es ist nicht beabsichtigt, die freien Mitarbeiter abzubauen. In der regionalen Berichterstattung und auch auf der Auslandredaktion sind wir darauf angewiesen. Es wäre also Wahnsinn, hier abzubauen.»

Zu Guggenbühl meint der Leiter Publizistik bei den NZZ-Regionalmedien: «Er leistete mit seinem Angebot konstanter Themen vorbildliche Arbeit. Guggenbühl wollte aber nicht mehr für die Luzerner Zeitung schreiben, sondern nur noch für das St.Galler Tagblatt. Für uns ist das eine ungleiche Behandlung der Regionalzeitungen der NZZ-Regionalmediengruppe und passt nicht ins Konzept des gemeinsamen interregionalen Mantels von St.Galler Tagblatt und Luzerner Zeitung.»

Den Eindruck, dass Freie für die Redaktionen der NZZ-Regionalmedien zweite Liga sind, kann Hollenstein damit nicht entkräften. Er sagt: «Umwelt, Energie und Wirtschaft beansprucht Guggenbühl als seine Kernthemen. Zugleich gehören sie aber auch in die Kompetenzbereiche der festen Mitarbeiter auf unseren Redaktionen. Diese Themen lassen sich nicht einfach an freie Autoren abtreten, zumal wir redaktionell in der Wirtschaft, im Inland- und im Auslandteil stark sein wollen.»

Gasche: «Gleichschaltung der Schweizer Medien»

Das Onlineportal «Infosperber», das von der gemeinnützigen Schweizerischen Stiftung zur Förderung unabhängiger Information (SSUI) betrieben wird, wollte der Leserschaft des «St.Galler Tagblatts» per Inserat mitteilen, dass die Texte von Guggenbühl weiterhin auf der Internetplattform zu lesen seien, und damit ein zusätzliches Publikum gewinnen.

Urs P. Gasche, Mitglied der Infosperber-Redaktionsleitung und Stiftungsratspräsident der SSUI, setzte das untenstehende Inserat auf, das zum Preis von 2353.65 Franken unter der Rubrik Reklame hätte geschaltet werden sollen. «Doch das Inserat erschien nicht», schreibt Gasche.

«Grund: Die Redaktionsleitung des neuen Medienverbunds St.Galler Tagblatt/Luzerner Zeitung unter Schriftführung des in die Provinz entsandten ehemaligen NZZ-Redaktors Pascal Hollenstein kippte das Inserat. Dass Medien auf Inserate verzichten, ist eher selten. Dass die Zeitungen mit Monopol in unterschiedlichen Landesteilen, die (noch) nicht als Kopfblätter in Erscheinung treten, Artikel von langjährigen regelmässigen freien Mitarbeitern nur noch im Verbund oder gar nicht mehr abdrucken, leitet ebenfalls eine neue Entwicklung in der Schweizer Medienlandschaft ein. An diesem konkreten Fall lassen sich zwei Entwicklungen zeigen: Die zunehmende Gleichschaltung von Schweizer Medien; ähnlich verhält es sich mit dem neuen Ausland-Korrespondenten-Kombi von Tages-Anzeiger und Süddeutscher Zeitung. Eine zweite Entwicklung ist der verzerrte Wettbewerb zwischen freien spezialisierten Journalisten und angestellten Redaktionsmitgliedern.»

Inserat:

Hanspeter Guggenbühl

Der langjährige Mitarbeiter des St. Galler Tagblatts kann in dieser Zeitung ab sofort nicht mehr publizieren.

Grund: Das St.Galler Tagblatt und die Luzerner Zeitung werden über einen Leist geschlagen. Eine Mitarbeit bei nur einzelnen dieser Titel oder einzelnen Ressorts sei «leider nicht möglich». Das erklärte der neue publizistische Oberleiter der beiden regionalen Monopol-Zeitungen, Pascal Hollenstein.

Guggenbühls Artikel über Energie, Verkehr, Umwelt und Wirtschaft sind weiter in der unabhängigen Internet-Zeitung www.infosperber.ch zu lesen.

Zur Weigerung, das Inserat im Tagblatt zu publizieren, sagt Hollenstein: «Wir haben das Verabschiedungs-Inserat beziehungsweise einen entsprechenden Verweis im redaktionellen Teil abgelehnt, weil ein freier Mitarbeiter kein Angestellter, sondern ein Lieferant journalistischer Texte ist.»

Ist das die neue Redaktionskultur, wo verdiente freie Mitarbeiter als «Lieferanten journalistischer Texte» wahrgenommen werden – ein Begriff, den man sonst für Zulieferer in der Industrie benutzt?

Hanspeter Guggenbühl. (Bilder: pd)

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