Saiten: Du engagierst dich im Widerstand gegen das St.Gallen Symposium. Warum?
Nico*: Es geht um Grundsätzliches, weniger um das Symposium im speziellen. Vieles läuft falsch auf dieser Welt, glaube ich. In der Schweiz ist das vielleicht weniger sicht- und greifbar, aber in anderen Ländern sehr wohl: Die Ungleichheit nimmt massiv zu und verantwortlich dafür ist unter anderem die neoliberale Doktrin, sprich die profitorientierte Logik, die allein dem Markt gehorcht.
Und das Symposium ist ein Symbol dafür?
Was soll es denn anderes sein, bei all den Leuten, die sich dort die Klinke in die Hand geben: Frontex-Chef Fabrice Leggeri ist dieses Jahr zu Gast am Symposium – massiv involviert bei der Schliessung der EU-Aussengrenzen –, der Chef des Schweizer Geheimdienstes ist da oder auch Nestlé-Verwaltungsratspräsident Peter Brabeck-Letmathe. Nestlé ist ein global Player und will das Wasser privatisieren, dabei sollte es allen gehören!
Man könnte auch sagen: Ist doch gut, dass sich jene Leute, die mitverantwortlich sind für globale Missstände, am Symposium treffen. Sollen sie sich ruhig an der Lösungssuche beteiligen.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Eliten tatsächlich an einem Systemwandel interessiert sind. Ihnen geht es vor allem um Symptombekämpfung bzw. um den eigenen Machterhalt. Am «Little WEF» treffen sich Menschen und Unternehmen, für die Gewinn das absolut Wichtigste ist. Diese Logik führt nicht nur zu ewiger Konkurrenz und ständigem Leistungsdruck hierzulande, sondern bedeutet an manchen Orten der Welt für viele den Tod – denken wir an die Minen im Kongo oder an die pestizid-verseuchten Baumwollplantagen, wo die Rohstoffe für unsere Smartphones und Kleider herkommen. Letztlich geht es nur um Profit. Das sieht man auch bei den sogenannten Ausländern: Wer Geld hat, wird mit offenen Armen empfangen, wer keines hat, wird als «Wirtschaftsflüchtling», «Asyltourist» oder «Sozialschmarotzer» gebrandmarkt. Solange diese Doppelmoral herrscht, sehe ich keinen Sinn darin, einen Dialog zu suchen.
Würde es etwas ändern, wenn am Symposium vermehrt kritische Stimmen eingeladen würden, zum Beispiel Maude Barlow, die Trägerin des Alternativen Nobelpreises, die sich gegen die Privatisierung von Wasser einsetzt und derzeit auch in der Schweiz sein soll?
Das wären doch blosse Feigenblätter. Mehr als ein paar Lippenbekenntnisse wird man so auch nicht herauskitzeln können.
Und wenn die Workshops grundsätzlich allen zugänglich wären?
Mir persönlich ist es gar nicht so unrecht, dass die meisten hinter verschlossenen Türen stattfinden. Wären die Sitzungen und Referate öffentlich, könnte die neoliberale Propaganda-Maschinerie ja ungehindert noch mehr Menschen erreichen.
Dafür könnte man aber direkt widersprechen und die «Leaders of Today» mit den Widersprüchen konfrontieren.
Mag sein, aber die Weltbilder würde man deswegen trotzdem nicht in Einklang bringen: Ich träume, naiv gesagt, von einer Welt, in der man sich gegenseitig Gutes will und füreinander da ist, auch für die Tiere und die Umwelt. Die Verfechter der herrschenden Wirtschaftsordnung hingegen befürworten eine Welt, in der es immer mehr Menschen schlecht gehen muss, damit es einigen immer besser geht. Diese Kluft ist unmöglich zu schliessen.
Wieso dann noch demonstrieren gegen das Symposium?
Einerseits geht es darum, sich die Strasse zu nehmen, andererseits ist es auch wichtig, eine kritische Öffentlichkeit zu schaffen, zusammenzukommen und die Gewissheit zu haben, dass man nicht allein ist. Schlisslich hat fast jede Bewegung einmal mit einer Demo angefangen…
Einverstanden. Nur leider hält sich der Erfolg von Occupy und anderen kapitalismuskritischen Bewegungen ziemlich in Grenzen. Also, was tun?
Weitermachen! Egal ob man auf die Strasse geht oder sich völlig andere Kanäle sucht; wichtig ist, dass man nicht aufgibt und buchstäblich aus allen Löchern schiesst.
Demo «Smash little WEF 2016»: Freitag, 13. Mai, 19 Uhr, St.Leonhardspark St.Gallen Infos: hier. Mehr zum Symposium: hier und hier.
*Name geändert
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
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Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
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