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«Für mich war klar, dass in der aktuellen politischen Konstellation keine Stimme verloren gehen darf»

Giovanni Carmine, Direktor der Kunsthalle St.Gallen, will in den Nationalrat. Etrit Hasler, selber Nationalratskandidat und Kulturpolitiker aus St.Gallen, hat ihn befragt.
Von  Gastbeitrag

Etrit Hasler: Du kandidierst auf der Liste «Kunst + Politik»…

Giovanni Carmine: Ich staune, dass das für St.Gallen relevant ist. Die Liste besteht ja im Kanton Zürich, hier kann man mich nicht wählen.

Dafür kennt man Dich hier eher als in Zürich.

Das mag sein. Wobei, ich lebe ja in Zürich. Natürlich habe ich auch in St.Gallen ein grosses Netzwerk, nur kann ich hier keinen klassischen Wahlkampf machen. Trotzdem ist es schön, dass meine Kandidatur hier wahrgenommen wird. Das war ja der Sinn der Sache.

Eine Aufmerksamkeitskandidatur?

Wenn Du damit meinst, dass ich das nicht ernst nehme, muss ich widersprechen. Es ist Teil meines zivilgesellschaftlichen Engagements, was mir sehr am Herzen liegt. Aber wir machen uns wenig Illusionen über unsere Wahlchancen. Vielmehr geht es uns darum, die Anliegen der Kultur in der Politik zu platzieren.

Wieso muss man das über eine eigene Liste machen?

Unser Kernanliegen ist, dass die Rolle der Kultur in der nationalen Politik diskutiert wird. Was ist die Rolle der Kulturschaffenden? Was sind ihre Bedürfnisse? Was tut die Politik dafür oder dagegen? Das ist ein eigenständiges Anliegen, und es ist eines, das von keiner Partei konkret bewirtschaftet wird, weder im Wahlkampf noch später. Darum ist es nur konsequent, mit einer eigenen Liste anzutreten.

Schwächt Ihr damit nicht jene Parteien, die tendenziell auf der Seite der Kulturschaffenden stehen?

Es gab lange Diskussionen innerhalb der Gruppe. Da waren durchaus Stimmen, die für eine Art dadaistische Intervention plädierten. Daneben gab es die Realpolitiker, die klar machten, dass so eine Liste auch Schaden anrichten kann, wenn man nicht eine Verbindung mit den linken Parteien eingeht.

Also mit der AL, der SP und den Grünen. Wie standest Du dazu?

Für mich war klar, dass in der aktuellen politischen Konstellation keine Stimme verloren gehen darf. Wäre die Listenverbindung nicht schon mehr oder weniger gestanden, als ich angefragt wurde, hätte ich mich nicht aufstellen lassen. Umgekehrt hoffe ich natürlich, dass die Liste den linken Parteien zusätzliche Stimmen beschert.

Hast Du Dir die Kandidatur lange überlegt?

Überhaupt nicht. Ich hatte kurz vorher die Nachricht gelesen, dass der Kanton Zürich künftig die Kulturförderung nicht mehr aus seinem Budget, sondern nur noch aus dem Lotteriefonds bezahlen will, und das erst noch auf vier Jahre befristet – eine kurzsichtige Massnahme sondergleichen. Und eine, die zeigt, wie klein das Verständnis in der Politik für die Kultur ist. Als ich kurz darauf die Anfrage von Kunst + Politik erhielt, habe ich sofort zugesagt.

Noch einmal zur Listenverbindung: Wie bringt Ihr die etablierten Parteien dazu, Eure Themen zu vertreten, oder anders gefragt: Wie verhindert Ihr, dass Ihr als reine Stimmenlieferanten betrachtet werdet?

Uns ist durchaus bewusst, dass einzelne Parteien grösseres Interesse an der Listenverbindung hatten als andere. Ich gehe davon aus, dass es dabei weniger um inhaltliche, sondern um rechnerische Fragen ging. Es ist ja nicht so, dass sich die Vertreter der Parteien überhaupt nicht für Kultur interessieren, nur muss man sie manchmal wieder daran erinnern. Wenn wir ihnen bei den Wahlen zusätzliche Stimmen gebracht haben, gibt uns das zumindest einen gewissen Hebel – damit können wir sie an ihre Verantwortung erinnern, wenn es um konkrete Kulturgeschäfte geht.

Was hat Euch daran gehindert, das in einer bestehenden Partei zu tun?

Es ging um Sichtbarkeit. Wir sind uns zwar alle bewusst, dass es im Moment dringlichere Themen gibt, doch die politische Debatte um Kultur beschränkt sich derzeit zu sehr auf Budgetdiskussionen. Oder man profiliert sich, indem man einzelne Kulturschaffende anprangert, wie das Beispiel von Thomas Hirschhorn zeigt. Oder umgekehrt, indem man sich für Leuchttürme, «Best Offs» und «Prix Lalala»Anlässe einsetzt, wo man sich medienwirksam inszenieren kann. Dieser Kulturbegriff ist mir zu einfach.

Ist das auf nationaler Ebene nicht automatisch so? Die spannenden Dinge, jene, die man am ehesten

fördern kann und muss, passieren doch in den Städten und Regionen. Warum kandidierst Du nicht für den Kantonsrat oder das Stadtparlament?

Das Selbstverständnis von Kunst + Politik ist nicht das einer regional geprägten Aktion. Es ist eine nationale Bewegung. Dort ist es am nötigsten, dass gezielt politische Arbeit betrieben wird. In den Kantonen und Gemeinden sind die Kontakte zwischen den Parlamentariern und den Kulturinstitutionen besser. Im Vorstand der Kunsthalle haben wir ja auch einen Nationalratskandidaten, Markus Bänziger von der Ausserrhoder FDP.

Wie stellt Ihr Euch die politische Arbeit vor?

Ich denke, dass Kunst und Kultur sehr viele Werkzeuge bieten können für das politische Denken. Wer kulturell aktiv ist, betreibt Innovation auf täglicher Basis. Nicht im Sinn einer technischen Innovation, die sofort wieder monetarisiert werden kann, es ist eher eine Vorwärtsbewegung im Ästhetischen, im Philosophischen, im Denken. Über längere Sicht bringt uns das als Gesellschaft weiter.

Das ist jetzt etwas weit gefasst. Wie erklärst Du einem Politiker, welche Bedeutung eine bestimmte Ausstellung oder Institution hat? Da beginnt man in der Regel ja immer wieder bei Null…

Es braucht Vermittlungsarbeit. Das ist kompliziert und mühsam, ich weiss, umso mehr muss man wissen, weshalb man selber kulturschaffend ist.

Wieso bist Du Kulturschaffender?

Die Frage habe ich mir wohl selber eingebrockt… Eine gesunde Portion Egoismus ist sicher auch mit dabei, denn Kultur und der Umgang damit bringen mich weiter. Es stimuliert mich und hält wach. Kultur ist eines der wesentlichen Elemente der Zivilisation und ich will Teil davon sein. Natürlich bin ich auch glücklich, damit meinen Lebensunterhalt bestreiten zu können.

Das darf man in der Politik so kaum zugeben. Schliesslich ist man ja aktiv für das Gemeinwohl.

Das kann aber durchaus auch eine kleine Gruppe betreffen. Schliesslich gibt es viele Parlamentarier, die sich nur für ihr eigenes Klientel einsetzen. Denken wir etwa an das aktuelle SRF-Bashing.

Stellst Du damit die Kunsthalle in eine politische Ecke?

Ich versuche, das möglichst zu trennen. Natürlich stehe ich als Person zu meinem politischen Engagement und muss mich dafür nicht schämen. Umgekehrt ist es aber nicht so, dass wir jetzt Wahlplakate in der Kunsthalle aufhängen. Das will ich nicht.

Reden wir über Geld, ein Hauptbestandteil in der politischen Auseinandersetzung um Kunst und Kultur. Werden die Subventionen in der Schweiz richtig verteilt?

Das kann ich pauschal nicht beantworten. Die Schweiz ist ein kompliziertes Land mit vielen «Kulturen». Ich schwanke zwischen dem famosen «Prinzip Giesskanne» und einer Konzentration auf wenige «Leuchttürme». Interessanterweise stelle ich fest, dass Kulturschaffende für dieses Spannungsfeld wesentlich mehr Verständnis aufbringen als die breite Öffentlichkeit. Grundsätzlich finde ich aber, dass mehr Geld ausgeschüttet werden müsste.

Wie soll das finanziert werden?

Unser Steuersystem ist sehr ungerecht. Der Wettbewerb zwischen Kantonen und Gemeinden hat nichts verbessert, aber das scheint noch nicht angekommen zu sein im öffentlichen Bewusstsein. Trotzdem gibt es auch durchaus kreative Ansätze, etwa das Erbprozent, mit dem man freiwillig ein Prozent seines Erbes zweckgebunden für die Kultur stiften könnte. Diese Idee, aus der Ausserrhoder Kulturlandsgemeinde hervorgegangen, hat auch prominente Unterstützer, beispielsweise Pierin Vincenz.

Freiwillige Steuern – kommt man damit weit genug?

Natürlich gibt es noch andere Bereiche, aus denen das Geld stammen könnte. Bei der Armee zum Beispiel ist noch viel Luft.

Müsste man nicht auch Prioritäten setzen bei gewissen Ausdrucksformen? Gerade in der bildenden Kunst fliessen private Gelder viel eher. Könnte man da nicht auf Subventionen verzichten?

Du hast schon Recht, dass die bildende Kunst tendenziell eine «Luxusindustrie» ist. Aber öffentliche Gelder erlauben eine Freiheit, die bei ausschliesslicher Finanzierung durch Private oft verloren geht. Einzig der Staat garantiert uns in der Verfassung Kunst- und Meinungsfreiheit. So will er gewährleisten, dass die Kultur ihren Beitrag zum aktuellen Diskurs leisten kann.

 

Weitere Infos: kunst-und-politik.ch

Bild: Gunnar Meier

Hier noch ein lesenswerter Beitrag zum Thema auf Infosperber.

 

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