Über die St.Galler Reithalle wird abgestimmt, so hat es das Parlament am Dienstag beschlossen. Stimmen zum Entscheid – und ein Appell, nicht nur über die Reithalle zu reden, sondern auch über andere (Frei-)Räume.
Das St.Galler Stadtparlament hat die Initiative «Reithalle für die Kultur» und zuvor auch den Gegenvorschlag abgelehnt (siehe unten). Äusserst knapp allerdings, aber nach einer Stunde war klar: das letzte Wort haben die Stimmberechtigten.
Hätten sich einige aus dem bürgerlichen Lager vom Gegenvorschlag überzeugen lassen, wäre es fast schon ein salomonischer Kompromiss gewesen; Voltige- und Kultur-Lobby hätten sich je eine eigene Halle gesichert, die Volksabstimmung hätte vermieden werden können. Das hatte sich auch die GPK erhofft, als sie den Gegenvorschlag der Initiantinnen und Initianten in eine Motion umwandelte.
Hätte, würde, wäre. Das Resultat war absehbar, obwohl die Motion auch bei den Bürgerlichen auf offene Ohren stiess, namentlich auf jene von Michael Hugentobler und Susanne Gmünder Braun (beide CVP). Allerdings war die SP nicht vollzählig, da fallen zwei, drei Stimmen ins Gewicht. Auch die einzige Nein-Stimme von Beat Weber aus deren Reihen: «Raum für Kultur könnte nicht bloss gefordert, sondern auch geschaffen werden», begründet er unter anderem seinen Entscheid. «Dafür muss man nicht unbedingt bei Mutter Stadt oder Papa Stadtrat darum betteln.»
«Die Halle ist unverzichtbar»
Dass die Halle nun wieder im Zentrum steht, dürfte in ihrem Inneren für Diskussionen sorgen, gemessen an den Gesichtern der knapp 30 Reiterinnen auf der Waaghaus-Tribüne am Dienstag. «Persönlich hätte ich den Gegenvorschlag begrüsst», sagt Petra Stucki, Leiterin der Voltige-Gruppe. Die Halle sei unverzichtbar, denn zurzeit gebe es in der Region keine Ausweichmöglichkeit. «Wir sind natürlich privilegiert», räumt sie ein, «können aber nicht erwarten, dass andere Stallbetreiber uns ohne weiteres aufnehmen, nur schon aufgrund möglicher Terminkollisionen». Eine Abstimmungsprognose will sie nicht wagen, gibt sich aber zuversichtlich. «Wir haben zwar viel Unterstützung im Parlament, müssen aber auch selber aktiv werden.»
Mitinitiant Christoph Wettach (GLP) macht unter anderem die vorangegangene Kosten-Debatte verantwortlich für den Parlamentsentscheid. Die Initiative wolle jedoch keine Subventionen, wie oft unterstellt. «Hallen dieser Grösse können selbsttragend sein», sagt der Tontechniker; er kenne vergleichbare Betriebe. «Die angeblich knappen Finanzen sind ein scheinheiliges Argument.» Ausserdem hätte der Gegenvorschlag die Themen Kultur und Freiräume von der Reithalle entkoppelt.
Reithalle, Rümpeltum, Kugl, Corso…
Eine solche Trennung böte allerhand Stoff für Grundsatzdiskussionen, zum Beispiel: Was trägt das Kulturangebot zur Standortförderung bei? Braucht es eine grosse Halle? Wie gross müsste sie sein? Wer könnte sie nutzen? Auch im Hinblick auf die Entwicklungen um Kugl oder Rümpeltum. Oder wenn es um Zwischennutzungen geht, wie im neusten Vorstoss von Gallus Hufenus (SP): Nischen und Freiräume seien Keimzellen und Motor einer lebendigen Kultur, schreibt er und will vom Stadtrat wissen, ob die Fachstelle Kultur von der Stadtplanung einbezogen wird, wie gross das Bedürfnis nach günstigen Kulturtreffpunkten ist, oder ob und wie sich die Stadt für Zwischennutzungen einsetzt.
Orte gäbs. Die Offene Kirche am Unteren Graben etwa. Vor kurzem wurde sie aus dem Schutzinventar entlassen, sie gehört der Stadt, wie auch die umliegenden Gebäude mittlerweile. Das Quartier soll aufgewertet werden. «Güterbahnhof und Platztor-Gebiet sind die zwei grossen innerstädtischen Entwicklungsreserven», erklärt Bausekretär Fredi Kömme, «vorgesehen für öffentliche oder private Zwecke.» Solange keine konkreten Pläne existierten, sei man bei der Stadt selbstverständlich offen für Vorschläge zur Zwischennutzung.
Anklopfen bei den Privaten
Um auf Weber zurück zu kommen: Es muss nicht immer die öffentliche Hand sein. Theoretisch spricht nichts dagegen, auch bei Privaten nach Räumen für Kultur zu fragen. Theoretisch könnte man die nötigen Franken im eigenen Umfeld suchen statt bei den Behörden. Theoretisch könnte man beispielsweise bei Ex-HRS-Boss Urs Peter Koller nachfragen, Besitzer des Ekkehard. Das Hotel mit seinem riesigen Saal steht seit Jahren leer und würde sich womöglich über kulturelle Gesellschaft freuen, auch wenn sie nur vorübergehend wäre.
Und wie die Geschäftsführung des Downtowns bestätigt, muss auch der berüchtigte Club unterm Spisermarkt Ende 2015 ausziehen. Die Gesamtsanierung des Spisermarkts ist zwar bereits bewilligt, man könnte aber auch bei der Besitzerin SUVA fragen, ob kurz- oder mittelfristig Platz für Kultur vorhanden wäre. Ebenso vis-à-vis im Kino Corso, das 2012 von der Kitag verkauft und geschlossen wurde. Heute gehört es der Immo-W AG, einer Senn-BPM-Tochter. Wenn man den Gerüchten glauben will, tut sich in dieser Ecke momentan so einiges.
All das ändert nichts an der Abstimmung: Erst einmal geht es im Herbst um die Reithalle. Diskutiert werden sollte trotzdem weiterhin – andere Orte könnten Linderung bringen, falls «die Kultur» ihre versprochene Reithalle definitiv verlieren sollte.
Aus dem Parlament:
Die Reithalle an der Kreuzbleiche ist ein «Zentrum für den Reitsport und für die Kultur», heisst es seit 1997 in Artikel 2 ihres Reglements. Die Realität sieht anders aus: Es wird vorwiegend voltigiert. Bis auf einige Konzerte noch im alten Jahrhundert (u. a. Die Ärzte und Sugar Hill Gang) gab es kaum Kulturanlässe in der Reithalle.
Eine Interpellation erinnerte 2009 an dieses Versprechen, wirbelte etwas Staub auf, mehr aber nicht. Letzten April forderte die Initiative «Reithalle für die Kultur» deshalb einen Umbau-Kredit, um die Halle wie ursprünglich vorgesehen auch für Konzerte, kulturelle Grossveranstaltungen und Vereinszwecke nutzen zu können. Die Reithalle sei ohnehin sanierungsbedürftig, hiess es seitens des Initiativkomitees, ihre Infrastruktur könne also möglicherweise parallel ausgebaut werden: für Anlässe in der Grössenordnung bis zu 1000 Personen, so der Wunsch der 1172 Unterzeichnenden.
«Nein», sagte der Stadtrat und lehnte die Initiative ohne Gegenvorschlag ab. Aufgrund der Finanzlage seien die geschätzten Umbaukosten von 5 bis 7 Millionen «nicht zu verantworten», zudem sei eine Doppelnutzung unmöglich. Dasselbe befürchteten auch die Reiterinnen; sie müssten sich möglicherweise nach einer Alternative ausserhalb des Stadtzentrums umsehen. Daraufhin formulierte das Initiativkomitee kurzerhand selber einen Gegenvorschlag, was mehr als aussergewöhnlich ist im hiesigen Polit-Geschäft.
Daraus ist schliesslich eine Motion der GPK entstanden. Neu sollte anstelle der Reithalle ein «gleichwertiger Ersatz» für die Kultur geschaffen werden. Der Gegenvorschlag verlangte innert 3 bis 5 Jahren eine Alternative vom Stadtrat, mittels Umbau eines bestehenden Gebäudes oder wenn nötig an einem neuen Standort.
Nun haben die St.Gallerinnen und St.Galler voraussichtlich im Herbst das letzte Wort, denn der Gegenvorschlag wurde an der Parlamentssitzung vom Dienstag mit 30 Nein-, 28 Ja-Stimmen und einer Enthaltung äusserst knapp abgelehnt. Eine Alternative steht damit für den Moment nicht mehr zur Debatte. Abgestimmt wird nur über eine allfällige kulturelle Nutzung der Reithalle.
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