Reto Fehr war schon in über 70 Ländern, auch exotischere Ziele wie Angola, Mosambik oder Madagaskar hat er bereist. «Irgendwann fiel mir auf, dass ich Afrika besser kenne als die Schweiz», sagt er, während der Wind in seinen Telefonhörer heult. Fehr steht mit seinem Velo am Dienstagmorgen am Strassenrand, vor ihm liegt der steile Anstieg nach Grub. Hinter ihm liegt Thal, die Gemeinde Nummer 344. Bleiben noch schlappe 1980 Gemeinden übrig.
Denn Fehr hat sich zum Ziel gesetzt, mit dem Velo durch die 2324 Gemeinden der Schweiz zu fahren – um danach das Land gleich gut zu kennen wie eben sein viel bereistes Afrika. Nach den ersten ausgedehnten Schlaufen durch die Gemeinden in Graubünden und dem Tessin ist er in diesen Tagen in der Ostschweiz unterwegs.
Der ungewöhnliche Trip gibt Fehr auch ein neues Bild der Schweizer. «Alle, die ich unterwegs treffe, sind offen, freundlich und hilfsbereit», sagt der 35-jährige Journalist, nachdem er jetzt seit bald einem Monat durchs Land unterwegs ist. «Das populäre Vorurteil, die Schweizer seien verschlossen und knorrig, stimmt überhaupt nicht.»
Twitter-Gewitter von unterwegs
Die Reise hat es in sich: Rund 11’000 Kilometer (so viel wie die Strecke St.Gallen – Peking) und 200’000 Höhenmeter wird Fehr in 100 Tagesetappen mit dem Velo zurücklegen. Dazu kommen etwa 15 Kilo Gepäck, die er mitschleppt. Und anders als herkömmliche Veloreisende kann er beim pedalen nicht einfach den Kopf leeren: «Ich muss schon aufpassen, dass ich keine Gemeinde verpasse», sagt Fehr. Denn seine Routen sind extrem verschlauft, damit auch ja jede Kleinstgemeinde angezielt werden kann.
Dazu kommt, dass der Watson-Sportjournalist seine Reise praktisch lückenlos dokumentiert: Einerseits mit einem eigenen Blog unter dem Titel «Tour dur dSchwiz». Andererseits schiesst er bei jedem Ortsschild ein Selfie, das er dann tweetet, sozusagen als Beweis.
St.Gallen! Gemeinde 337,und die Etappe beendet.Und das ist meine Aussicht: ein Wohnblock.Nein! Der Säntis! Wow! #TddS pic.twitter.com/fu7wK2eH7z — Reto Fehr (@retofoxfehr) August 3, 2015
St.Gallen! Gemeinde 337,und die Etappe beendet.Und das ist meine Aussicht: ein Wohnblock.Nein! Der Säntis! Wow! #TddS pic.twitter.com/fu7wK2eH7z
— Reto Fehr (@retofoxfehr) August 3, 2015
Dabei vergisst Fehr nicht, dass er Reporter ist und streut zur Auflockerung immer wieder Beobachtungen von unterwegs ein:
Ja, finde die Musikgesllschaft Altenrhein-Staad verdient neue Uniformen. Bitte alle spenden, stehen bei 75%. #TddS pic.twitter.com/QiLtqWLqem — Reto Fehr (@retofoxfehr) August 4, 2015
Ja, finde die Musikgesllschaft Altenrhein-Staad verdient neue Uniformen. Bitte alle spenden, stehen bei 75%. #TddS pic.twitter.com/QiLtqWLqem
— Reto Fehr (@retofoxfehr) August 4, 2015
Eine Schweiz im Umbruch
Seine Reise ist denn auch eine Dokumentation einer Schweiz, die im Umbruch ist: «In Graubünden hätte ich nächstes Jahr einige Gemeinden weniger abfahren müssen», sagt Fehr. Der Grund: Immer mehr kleine Gemeinden in ländlichen Gebieten schliessen sich zusammen, alte Namen und Wappen verschwinden oder werden verändert.
In Graubünden hat Fehr auch seine bisher härteste Etappe hinter sich gebracht: Die Fahrt über den Berninapass, bei der er 1600 Höhenmeter am Stück absolvierte. «Ansonsten hatte ich vor allem mit dem Wetter viel Glück», sagt Fehr. Bis jetzt fühle er sich fit und habe Spass an der Tour. «Wenn der Sommer vorbei ist und ich einige Regentage erwische, werde ich mehr beisse müssen.»
Unterwegs kann Fehr immer wieder auf die Solidarität der Menschen am Wegrand zählen: Oft wird er zum Znüni oder Essen eingeladen. Andere Velofahrer begleiten ihn ein Stück auf seinem Weg und bieten ihm oft auch eine Übernachtungsmöglichkeit an. Ein Velomech im Tessin organisierte ihm mit seinem Töff schnell ein Ersatzteil fürs Velo, das er nicht an Lager hatte.
Titelbild: Fehr am Montag bei seiner Ankunft in St.Gallen. (Bild: zvg)
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