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St.Gallens «Vorzeige-Prolo»

«Die österreichischen Bros sind das Letzte» titelt das Magazin «Vice» – und lässt einen St.Galler den Kopf dafür hinhalten. Das ist diskriminierend und zeugt von ziemlich seltsamen journalistischen Standards.
Von  Corinne Riedener

Was für ein Erwachen. Da haben wir uns aber schön die Äuglein gerieben nach dem spätnächtlichen Heftabschluss: Guckt uns letzten Donnerstag doch tatsächlich ein altbekanntes Gesicht entgegen, im Internet, von der «Vice»-Page direkt in die nachmittägliche Gallusstadt.

Auf dem Bild: rote Kulisse, blaue Augen. Der Baccardidome am Openair St.Gallen samt einheimischer Kundschaft. Der Text dazu: ein Verriss über die österreichischen «Prolls», «Bros», oder wie die Autorin sie nennt: «Vertreter einer ganz spezifischen, neuen Art von Arschloch».

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«Wenn man es tatsächlich schaffen sollte, einen von ihnen in halbwegs nüchternem Zustand abzupassen und mit ihm zu sprechen, merkt man schnell, was den Bro interessiert – nämlich nichts als sie selbst und maximal noch ein paar Muschis», schreibt sie. «Für ihn sind Frauen so etwas wie Laserpointer für Katzen – und genau so viel innere Qualitäten gesteht er ihnen auch zu.» Und weiter: «Er ist vielleicht arm an Selbstreflexion und Einfühlungsvermögen, aber dafür reich an (Selbst-)Bewusstsein, Geld, V-Neck-Shirts und was er sonst noch alles zu seinem Bro-Glück braucht.»

Das sagt uns der Artikel: Wer hat sich die Kante gegeben und alle Frauen im Club als «frigide Huren» beschimpft? – der auf dem Bild war’s. Wer benutzt «schwul» und «behindert» als Schimpfwort und «findet sich umso lustiger, je weniger alle anderen mitlachen»? – Der Proll auf dem Bild. Wie sieht ein Plastikbrillen tragender, ausländerfeindlicher Solarium-Junkie aus? – Gukkst du Bild.

Nun, «der auf dem Bild» ist ein St.Galler. Jo, mai, denken wir, hom denn die Ösis nix eignes zu bieten? Gibt es im schönen Wien etwa keine geeigneten Testimonials in den ausgängerischen Kreisen? Oder sind unsere gar so dermassen en vogue, dass man sich neuerdings bis weit über den Tellerrand von ihrer «interessanten Aura» inspirieren lässt? Gail.

Sicher, das Internet vergisst nie. Wer sich heutzutage fotogafieren lässt, muss mit damit rechnen, irgendwo in den Abstellkammern des WWW zu enden. Trotzdem: «Vice» ist damit zünftig in den Fettnapf getrampelt, in einen der knietiefen Sorte. Der zuständige Redaktor war bei der Bildsuche entweder besoffen, hat ein persönliches Problem mit dem fidelen St.Galler oder seine Aufgabe als journalistisches Medium nicht verstanden.

Einem Menschen rein aufgrund seines Aussehens ein ganzes Fueder von schlechten Eigenschaften zu unterstellen, zeugt jedenfalls von ziemlich seltsamen Standards. Journalistisch unterirdisch und diskriminierend ist sowas – erinnern wir uns an das Roma-Cover der «Weltwoche», das damals vom Presserat gerügt wurde. Auch die «Vice»-Bilder wurden willentlich in einen negativen Kontext gesetzt und nirgends als «Symbolbilder» gekennzeichnet. Ein geneigter Richter könnte das als Verletzung des Persönlichkeitsrechts auslegen. Oder als Ehrverletzung.

«Geht’s noch! Was macht mein Gesicht in diesem Artikel?!» Das dachte sich der St.Galler Bro. Etwa zehn Nachrichten habe er am Donnerstag von seinen Freunden erhalten, alle mit dem Hinweis auf den Artikel. Er hoffe, dass seine Chefs «Vice» nicht lesen, denn er stecke gerade in der Probezeit, sagt er – der eigentlich gar nichts verbrochen hat, ausser feiergelaunt und ziemlich vorbehaltlos vor der Kamera zu posieren. Seiner Freundin, der Frau auf dem Bild, sei die Sache ebenfalls äusserst peinlich.

brolo4Die Bilder sind übrigens schon älter. Wie sie den Weg in die «Vice»-Redaktion gefunden haben, weiss der St.Galler nicht. Auch den Fotografen kennt er nicht. Wehren will er sich aber so oder so. «Wir werden allenfalls rechtlich dagegen vorgehen», sagt er am Freitag auf Anfrage. Mittlerweile wurden die Bilder immerhin durch neue «Bros» ersetzt.

Und was sagt «Vice» dazu? «Bei dem Artikel handelt es sich um keine journalistische Recherche oder Reportage, sondern einen pointierten, überspitzten Kommentar zu einem allgemeinen Gesellschaftsphänomen. Die Urheberrechte wurden von uns natürlich im Vorfeld geklärt. Darüber hinaus hat die Bildredaktion zur Illustration des Artikels gestalterische Freiheit. Wir haben das Foto als reines Symbolbild verwendet, auf dem die Nationalität auch nicht erkennbar ist und sehen darin keine Verletzung der journalistischen Sorgfalt. Genau wie bei anderen Fotos auf diversen Stock Photo-Plattformen, die wir sonst manchmal zur Bebilderung unserer Texte verwenden, besteht hier kein direkter Bezug – weder geografisch noch sonst wie – zwischen dem Abgebildeten und dem Inhalt des Artikels.» Und: «Wir haben uns aber umgehend mit dem Abgebildeten in Verbindung gesetzt und das Bild sofort entfernt, als wir von der Sache erfahren haben. Wir haben uns bei ihm für alle Unannehmlichkeiten entschuldigt und möchten noch einmal klar betonen, dass im Text nicht der Abgebildete aus dem Symbolbild beschrieben wird.»

 

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Corinne Riedener,  

äh.. ja. im rabbithole vergisst man, dass es vielleicht leute geben könnte, die vice gar nicht kennen :D

Andreas Niedermann,  

Ich bedanke mich für diesen Artikel, denn er hat eine Tür aufgestoßen, eine Tür mit der Aufschrift „VICE“ und hinter dieser Tür war ein ganz wunderbar eingerichteter Raum, und zwar – in Wien! Grundgütiger, es ist also doch noch nicht alles verraten und verkauft… Thanx, Corinne

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