40 Jahre haben sie durchgehalten, mit Musiktrends nie länger als für ein kurzes Stelldichein geschäkert: Die Galgevögel als Thurgauer Unikat erlauben einen Blick in europäische Musik- und Thurgauer Kulturgeschichte. David Nägeli besuchte die Vögel in Frauenfeld.
«Villicht frogt öpper no, villicht frogt emol es Chind, wer die do gsi sind. Vater, hesch du die kennt?»
Viele strömen ins Casino in Frauenfeld. Die Musikszene im Thurgau ist klein, man kennt sich. «Waren alle schon miteinander in der Kiste», meint ein Besucher. Wenn nicht, haben sie ziemlich sicher miteinander die Schule besucht, sich geheiratet und geschieden, einander Gitarren verkauft oder Förderbeiträge zugesprochen. Die gemeinsamen Erinnerungen reichen zurück in die 70er oder die 80er und deshalb wird an diesem Abend nicht nur 40 Jahre Galgevögel, sondern auch ein Klassentreffen gefeiert.
Wie es sich für Klassentreffen gehört, werden zuerst alte Filme gezeigt. Hansjörg Enz, ehemaliger Tagesschausprecher und Frontsänger der Galgevögel, tanzt gemeinsam mit der Band Arc-en-Ciel durch den Kongo: «L’Important c’est le bla bla bla» erinnert die Besucher an die Worthülsen der Entwicklungspolitik, an das Umbennenen von «Wachstums-» in «Grundbedürfnis-» in «Selbsthilfestrategie», an Worte statt Taten im Krisengebiet. Der gealterte und verpixelte Videoschnitt taucht diese Episode jedoch ins Licht der Vergangenheit und die hüpfende Melodie lässt kaum Trauer aufkommen.
Eine Prise Woodstock und Flower Power Begonnen hat die Geschichte der Galgevögel nicht im Kongo, sondern 1973 im Kulturverein Wängi. Weitere Auftritte der Anfangszeit fanden im damaligen Lehrerseminar in Kreuzlingen oder im Kellertheater Winterthur statt. Von Simon & Garfunkel inspiriert, versuchten sich Andreas Rüber und Enz an irischen und amerikanischen Volksliedern, gepaart mit Schweizer Liedgut. Woodstock und Flower Power hinterliessen ebenfalls ihre Spuren und um die Erinnerungen aufzufrischen («S’isch nu Erinnerig wo blibt, wenn denn d’Welt witer tribt, wenn mer lang gange sind, nu no Tribsand im Wind») präsentieren Enz und Rüber den Song «Prickle Bush», der ihnen den damaligen Bandnamen «Galgebaum» gab, stilecht mit Langhaarperücke.
Dann folgt das Who is who der Thurgauer Musiker mittleren Alters: Werner «Blues Max» Widmer, Oskar Kreuzer, Roman Schwaller, Räto Harder, Jimmy Güttinger, Willi Valotti, Roger Heinz und einige mehr betreten die Bühne und liefern ihren Beitrag zur Huldigung der Galgevögel. Beim musikalischen Vergangenheitstrip durch die 80er unterlegt ein Synthesizer den Gesang, die 90er warten mit einem Mundart-Rap auf.
«Dini Chilä isch mini Moschee» Die Galgevögel haben sich über die letzten Jahrzehnte stets aktuell gehalten und ihren Pop mit Trends angereichert. Als konservative Parteien nach dem Mauerfall den nächsten Feind im Islam fanden, sangen Enz und Rüber: «Fründ, hock di zu mer hi, i suf mis Bier, du trinksch din Tee. Verzell mer, wie s döt isch, wo du her bisch. Nei, glich simmer nöd, da müemer au nöd si. Dini Chilä isch mini Moschee». Aufgenommen wurde der Song «Verschiede glich» mit arabischem Gesang, erzählt Enz, doch leider konnte der Sänger von damals für das Jubiläum nicht ausfindig gemacht werden.
Doch auch die Vögel altern: «Mir schaffed scho für die dritte Zäh, sind gspannt am Morge, wa tuet üs hüt echt wieder weh.» Auch wenn Peter Stamm der Band zum Jubiläum schrieb «The Galgevögel will never die», so legt ein Blick ins Publikum nahe, dass die Anwesenden der Kulturszene noch nicht tot, aber gewiss gemächlicher geworden ist. «Wenn so de letschti Tag wär, mer flüged mit de Tön. Jede vergisst sich selber, wells tönt so huere schö. Cha mit de Musig schwebe, und ihr träged mi, sind Teil vo mim Lebe, wo mit mir gange sind,» heisst es in «De letschti Tag».
Würden die Galgevögel einen Abschied feiern, so kann man ihn sich ähnlich vorstellen wie in Frauenfeld: Ein Fest mit Freunden. Als ein Schlusskonzert der Thurgauer Blues-Brothers, die wie im Film zum Finale alle Beteiligten auf die Bühne holen und vor den Zugaben noch gemeinsam ein lautes «E Chli träumed mir all no» ins gefüllte Casino schmettern und das Publikum im Mitwippen zur Musik auch ein stilles Nicken zum Text versteckt: «E chli träumed mir all no!»
Auf dem Thurgauer Flickenteppich Eine Stunde nach dem Konzert sind die Jüngeren aus dem Publikum und viele Söhne und Töchter von Galgevögel und Entourage an einer privaten Party versammelt. Man spricht über Kultur, Kulturförderung und Gegenkultur. Hier in diesem Thurgau, in dem bürgerliche und konservative Kreise die Mehrheit der Regierung stellen, in dem das Lehrerseminar (heute die Pädagogische Maturitätsschule Kreuzlingen) immer noch Kulturschaffende heranzüchtet, die zu zweit Mundartsongs spielen. Im Thurgau, in dem die Kulturclubs aller Städte mit Beschwerden zu kämpfen haben und die Bevölkerung zwischen «Agglomeration von Zürich» und «Bauern-Hochburg» hin und her stolpert.
Die Galgevögel haben hier 40 Jahre lang Liedgut produziert und bespielten gemeinsam mit den Lennox CF oder den Noisebrothers die Thurgauer Musikszene. Wenn sich die jungen Kulturinteressierten treffen und über Kultur diskutieren, hallen ihre Worte nach: «S’Schiff chunnt immer nöcher, cha Lüt druf scho gseh. Es baut sich uf immer höcher, mir wörd Wind und Weh. D Lüt fanged a winke, si lached debi, rüered mer e Seil zue: «Chom stig i, is Schiff vo der Erinnerig, mer laded dich i, wa mir hüt sind, wirsch du morn au si».
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