Didier Burkhalter an der 72. Olma-Eröffnung.
Bundespräsident Didier Burkhalter kam heuer als Bauern-Prophet nach St.Gallen. «Unsere Landwirtschaft, die sich auf ihre Stärken besinnt und auf die kreative Weiterentwicklung von Tradition setzt, wird Erfolg haben», sagte er. Der Bundesrat unterstütze diese Richtung. Ziel sei es, die Innovation zu fördern, die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern und gemeinwirtschaftliche Leistungen gezielter zu belohnen.
Burkhalter bringt die Heilsbotschaft
Die jüngsten Zahlen aus der Landwirtschaft seien erfreulich. So sei das Einkommen des Schweizer Landwirtschaftssektors im Jahr 2014 gegenüber dem Vorjahr um 12 Prozent gestiegen – und das trotz des kühlen und regnerischen Sommers. «Unsere Landwirtschaft, die Tradition mit Innovation und Qualität verbindet, hat eine sonnige Zukunft», lautet Burkhalters Heilsbotschaft an die Bauern. Bei diesen tönte es derweil aber ganz anders: Sie wehren sich dagegen, dass im kommenden Jahr in der Landwirtschaft rund 117 Millionen Franken gespart werden sollen – trotz eines Überschusses von einer halben Milliarde Franken und anders lautender Versprechen.
Der Bauernverband (SBV) liess im vergangenen August verlauten, dass der Bundesrat mehrfach versprochen habe, den Rahmenkredit für die Landwirtschaft auf der bisherigen Höhe zu belassen. Dies sei ein wesentlicher Grund dafür gewesen, dass der SBV auf ein Referendum gegen die Agrarpolitik 2014-2017 verzichtet habe. Der Bundesrat habe gegenüber der Branche und dem Verband «glasklar kommuniziert», dass sich die neue Agrarpolitik positiv auf die Einkommen der Landwirte auswirke, sagte Verbandspräsident Markus Ritter. «Wenn man aber 117 Millionen Franken kürzt, stimmt diese Aussage nicht mehr.»
Der Einzige, der aus Burkhalters Ansprache Hoffnung schöpfen mag, ist vielleicht der St.Galler Kabarettist Hans Fässler. Denn der Bundespräsident erzählte eingangs dem Festpublikum, er habe eben in der Region des Matterhorns einen Berg umgetauft: von Ostspitze in Dunant-Spitze. – Bekanntlich kämpft Fässler in der gleichen Gegend schon seit Jahren dafür, dass das dem Rassisten Louis Agassiz gewidmete «Agassizhorn» zu Ehren des schwarzen Sklaven Renty in «Rentyhorn» umbenannt wird.
Beim Olma-Rundgang 2014: Bundespräsident Didier Burkhalter (in der Mitte) mit Regierungspräsidentin Heidi Hanselmann und Kantonsratspräsident Paul Schlegel (ganz rechts), im Hintergrund der St.Galler Stadtpräsident Thomas Scheitlin.
Blocher blitzte ab
Burkhalters bundesrtätliche Vorgänger und Vorgängerinnen am Rednerpult der Olma haben an den agrarischen Tatsachen meistens schön-vorbeigeredet. Der einstige Bauer auf Zeit, Christoph Blocher, erntete 2004 mit seiner Ansprache böse Kritik – gerade auch aus Landwirtschaftskreisen. Er geisselte die Agrarpolitik als «erzieherische Sozialgesetzgebung mit Umweltschutz, Naturerhaltung und einem Wildwuchs bürokratischer Kontrollen». Scharf reagierte auch die Kleinbauernvereinigung (VKMB) auf diese Rede. «Ärger als Stammtischler um Mitternacht» habe Blocher gegen Agrarbürokratismus gewütet, entgegnete Herbert Karch, Geschäftsführer der VKMB, in einem Communiqué.
Blocher sagte auch, die Bauern könnten sich nur aus dem staatlichen Korsett befreien, wenn sie zu freien Unternehmern auf einem freien Agrarmarkt würden. – Blochers Äusserungen seien «gute Unterhaltung» gewesen, meinte Samuel Lüthi, damaliger Direktor des Schweizerischen Milchproduzentenverbandes (SMP) zur Empfehlung des Zürcher Milliardärs. Die applaudierenden unter den Bauern hätten verkannt, dass sie ihre Milch zum Literpreis von 40 Rappen produzieren müssten, sollten die Vorstellungen des SVP-Bundesrates Wirklichkeit werden, sagte auch Kleinbauer Karch. Der Abbau jeglicher Marktregulierung sei eben nicht alles.
Ruth Dreifuss wurde beim Wort genommen
Die Olma schlage Brücken und schaffe Kontakte, sagte Ruth Dreifuss 2002. Sie sei «ein Zentrum unter den vielen Zentren der Schweiz». In diesen Zentren sei der Eindruck entstanden, sie würden vernachlässigt und stiefmütterlich behandelt. Dieses Bild halte sich in der Ostschweiz besonders hartnäckig, meine die Magistratin und gab den Ratschlag: «Die Ostschweiz muss sich auf den eigenen Wert besinnen und selbstbewusster werden.» Frau Dreifuss wurde in punkto «selbstbewusster werden» beim Wort genommen, wie sie spätestens beim Verlassen des Stadttheaters feststellte: Bauern demonstrierten auf dem Vorplatz gegen die Agrarpolitik des Bundesrates und Mitarbeitende der Swiss-Dairy-Food machten mit Transparenten auf ihre Entlassung beim maroden Milchverarbeiter aufmerksam.
Hans-Rudolf Merz machte 2009 für die Bauern den Schön-Wetter-Kasper. Er sagte: «Die Schweizer Landwirtschaft ist vom Strukturwandel stark gefordert. Unsere Landwirtschaft wird ihre Prüfungen aber mit Bravour meistern. Dies dank dem Fleiss, der Innovation und der Qualitätsstrategie unserer Bäuerinnen und Bauern.» In jenem Jahr wurden die Bauern kalt geduscht: Die Milchproduzenten waren stark betroffen von einem dauerhaften Preiszerfall, per 1. Mai ist die Milchkontingentierung aufgehoben worden. Namentlich durch den Konkurrenzdruck aus dem Ausland und die Wirtscharftskrise gerieten sie in eine schwierige Marktsituation. Auch auf dem Fleischmarkt brachen die Preise ein. Trotz «Fleiss, Innovation und Marktstrategie» verdiente die Schweizer Landwirtschaft 2009 sieben Prozent weniger als im Jahr zuvor.
Arnold Koller zitierte Goethe
1998 war in der Schweiz ein Jahr der Agrarreform. Arnold Koller versuchte den neuen bundesrätlichen Kurs in der Landwirtschaft mit Goethe-Worten aus «Wahlverwandtschaften» zu erklären: «Unsere Vorfahren hielten sich an den Unterricht, den sie in ihrer Jugend empfangen hatten; wir aber müssen jetzt alle fünf Jahre umlernen, wenn wir nicht ganz aus der Mode kommen wollen.» Und so sah das Jahr, fernab von der klassischen Literatur, für die Bauern aus: Knallhart bestimmten Nachfrage und Angebot die Preise. Finanzielle Unterstützungen vom Bund gab es nur noch, wenn die strengen Auflagen bezüglich Ökologie und Tierhaltung eingehalten wurden. Die moderne Landwirtschaft steht plötzlich im Zeichen der Multifunktionalität. Die Bauern sind in diesem Sinne nicht mehr nur Nahrungsmittelproduzenten, sondern tragen eine grosse Verantwortung bei der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und der Pflege der Kulturlandschaft.
Samuel Schmid verkündete 2001: «Die Agrarreform geht konsequent weiter». Er appellierte an die Selbstverantwortung und konfrontierte den Bauernstand mit der betriebswirtschaftlichen Direktive: «Das Instrument der Direktzahlungen soll weiter ausgebaut und die Marktstützung weiter zurückgenommen werden.» Schmid sagte, dass die Landesregierung von 2004 bis 2007 vorausslichtlich mehr als 14 Milliarden Franken für Direktzahlungen ausgeben wolle. Schon ab 2001 gerieten aber die Direktzahlungen immer mehr in die Kritik. Und sie hält bis heute an. Ein signifikanter Anteil der Direktzahlungen fliesst nämlich nicht in die Landwirtschaft, sondern direkt oder indirekt in nachgelagerte Betriebe. Dazu gehören Verwaltung, Berater und landwirtschaftliche Forschungsanstalten.
Micheline Calmy-Ray wurde vom Papagei gebissen
Hohe Qualität sei der Trumpf der Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft, sagte Micheline Calmy-Rey 2011. Mit dem neuen AOC-Abkommen mit der EU, das die Schweiz im Mai unterzeichnet habe, sei der Weg nun definitiv frei zur Eroberung der europäischen Bühne. Seit langem gelte ein besonderes Augenmerk des Bundesrats der Erleichterung des Zugangs für Schweizer Unternehmen zum EU-Binnenmarkt, unterstrich Calmy-Rey.
2011: Rosa beisst Calmy-Rey, Noch-Stadtrat Fredy Brunner schaut zu. Bild: André Häfliger
Viele Bauern waren aber immer skeptisch gegenüber der EU und sind es heute noch. Neu ist, dass Schweizer Bauern die EU vor Fehlern warnen, die in der schweizerischen Agrarpolitik schon gemacht worden sind, beispielsweise die Abschaffung der Milchkontingentierung 2009. In der EU sollen die Milchquoten ab April 2015 fallen. Bei einer Demo des European Milk Board (EMB) im vergangenen Juli vor dem EU-Parlament in Brüssel rief Werner Locher, Milchbauer und Geschäftsführer bei der Schweizer Milcherzeugerorganisation BIG-M, die EU-Abgeordneten dazu auf, «aus den Fehlern der Schweiz zu lernen».
Doch noch einmal zurück zum Auftritt von Micheline Calmy-Rey 2011: Die stets farbenfrohe Magistratin hatte nämlich beim Rundgang durch die Messe nicht nur brav das obligate Säuli für die Fotografen auf den Arm genommen, sondern auch gleich noch einen Papagei auf ihre bundesrätliche Hand geladen. Dieser jedoch verstand keinen Spass und biss die joviale Genferin unvermittelt in den Finger. Autsch! Noch heute wird manchmal darüber gerätselt: Hatte Rosa aus Eigeninitiative gehandelt – weil sie der einzige bunte Vogel an der Messe sein wollte? Oder war sie vielleicht doch von EU-feindlichen Bauern abgerichtet worden?
Bilder: Regina Kühne, 2014
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.
Gegen dieses Luzern müsste der FC St.Gallen eigentlich drei Punkte einfahren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es immerhin einer wird. Der Ausgleich gelingt erst weit in der Nachspielzeit per Penalty. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Herbert Rauch (1929–2012) war Briefträger und Künstler. In den Schwarz-Weiss-Fotografien des Rankweilers erscheinen Objekte wie Steine und Federn als abstrakte, grafische Gebilde. Nun ist ein Fotoband zu seinem Spätwerk erschienen, und im Schauraum René Dalpra in Altach sind seine Arbeiten ausgestellt.
Eine Bundesrätin, mehrere Nationalrät:innen und die Politrapper der Stunde: Alle kommen sie aus der Kleinstadt Wil. Eine Erkundung vor den Lokalwahlen.
Eines der vielen Gebäude des Sitterwerks, die vor genau 100 Jahren erbaute Schwarzfärberei, beherbergt heute die Kunstbibliothek und die Materialmusterschränke. Eine Aufstockung soll künftig mehr Platz schaffen.
Noch bis in den Herbst hinein und auch in den zwei folgenden Sommern bleibt die Voliere im Stadtpark eine Buvette. Ab 2029 wird sie zur «Maison des œufs», zum didaktischen Hühnerhof. Die eingereichten Ideen sahen noch ganz andere Nutzungen vor.
Der Streit ums St.Galler Verbot von Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen geht in die nächste Runde: Das Referendumskomitee hat die notwendigen Unterschriften gegen eine Änderung des kantonalen Strassenverkehrsgesetzes eingereicht. Damit wird das Stimmvolk über die Frage entscheiden.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 6: «Wegwarte 002», Sur le Lac, Winterthurer Musikfestwochen und Schlossfestspiele Werdenberg.
Der FCSG kriegt beim Auswärtsspiel in Lissabon die Grenzen deutlich aufgezeigt. Sie verlieren das Spiel 0:5. Damit geht's für den FCSG jetzt gegen Sheriff Tiraspol in der Conference League weiter. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Notizen zu Christopher Nolans The Odyssey
Anja Braun lebte bereits 18 Jahre in der Schweiz, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, sich einzubürgern. Es war ein logischer Schritt. Das Verfahren war es nicht immer.
Neues Buch
Bereits 1971 eröffnete Ursula Krinzinger ihre erste Galerie in Bregenz. Bis heute prägt sie die Kunstszene weit über die Bodenseeregion hinaus. Nun befasst sich die Bregenzer Sommerausstellung im Palais Thurn und Taxis mit der Galeristin.