Der neue Roman der St.Galler Autorin Erica Engeler heisst Vom Verschwinden. Darin verschwinden Menschen, Häuser und Tiere. Gewollt und ungewollt.
In einer Szene gegen Ende des Buches legt sich Dora auf eine Bank auf dem Klosterhof. Im Traum bröckelt der Dom, die Türme sinken zusammen und dickstämmige Bäume überwuchern die Mauerreste, Vögel singen im Kirchenschiff. Dann erscheint ein Uniformierter und teilt ihr mit, sie müsse das Land innert vier Stunden verlassen. Gilt eine solche Aufforderung auch nach dem Erwachen? Und wohin gehen, nach Paraguay? Kann man denn einfach so von einem Platz unter Videoüberwachung verschwinden? Der Trinker neben ihr macht sich jedenfalls aus dem Staub.
Die Szene leitet nicht nur die finale Wendung ein, sie verdichtet auch viele Motive aus der vorangegangenen Geschichte. Der Titel Vom Verschwinden meint nicht primär die lästige Unauffindbarkeit irgendwelcher Zettel oder Gepäckstücke. In diesem Buch verschwinden Menschen. Die einen, weil sie sich aus der Gesellschaft verabschieden wollen. Die anderen, weil diese Gesellschaft sie nicht mehr will. Armut, Kriminalität, Unangepasstheit waren früher Gründe zum Auswandern, heute gehen Rentner nach Übersee, weil sie sich das Leben nicht einmal mehr in Spanien leisten können.
Alfons und Dora
Zunächst ist da aber ein Haus, das verschwinden soll. Es trotzt noch ein paar Wochen der Spekulation, Künstler bringen Leben in die leeren Räume. Alfons hatte in dem Haus gewohnt, seit einem Sturz ist er im Spital, bald kommt er ins Heim. Zum Besuchsdienst bei ihm meldet sich Dora, eine nicht mehr junge Frau, die keine sogenannt «sinnvolle Beschäftigung» hat. Der alte Mann ist zuerst knurrig, erzählt dann aber doch von seinem kinderliebenden Onkel, der nach Paraguay ausgewandert und dort verschwunden ist und von seiner eigenen Reise auf den Spuren dieses Onkels in eine Gegend, wo der Urwald sich alles nimmt, was der Mensch nicht verteidigt.
Alfons macht schliesslich Dora zur Komplizin für sein eigenes Verschwinden. Dies ist keine unterhaltsame Story von einem Hundertjährigen, der aus dem Fenster steigt. Es ist die anrührende Geschichte eines Menschen, der spürt, wie er alt wird und wie das Leben nach und nach schwindet, der sich der Aufsicht entziehen und selbstverwaltet sterben will.
Der zweite Teil des Romans ist nun ganz bei Dora und wechselt auch in die Ich-Perspektive. Dora entschliesst sich, ebenfalls nach Paraguay zu reisen. Es wird keine Reise zu sich selbst, vielmehr eine Erfahrung der Auflösung. Da, wo die Luft mindestens so heiss ist wie der eigene Körper, verschwimmen die Grenzen zwischen aussen und innen, zwischen Realität und Empfindung. Dora erlebt dies im Gegensatz zur wohlmeinenden, doch letztlich beaufsichtigenden Betreuung durch die Ämter zuhause als Entgrenzung. Sie kehrt zurück, um nach dem Morgen auf dem Klosterhof eine Entscheidung zu treffen.
Fluchtpunkt Südamerika
Nicht ganz überraschend spielt Erica Engelers neuer Roman Vom Verschwinden (wie schon Organza und Die Überfahrt) zum Teil in Südamerika, wo die Autorin aufgewachsen ist. Ihre Schilderungen der Menschen in der Trägheit der Hitze und Feuchtigkeit des Urwalds sind von atmosphärischer Dichte, verstärkt noch durch eingestreute spanische Wörter. Eher überraschend sind in diesem Roman die Naturschilderungen: Eine kümmerliche Topfpflanze auf einem Fensterbrett, eine zutrauliche Krähe mit schwarz schimmerndem Gefieder, die mystische Begegnung mit einem Jaguar und immer wieder das Gürteltier sind wichtige, sorgfältig ausgeführte und sinntragende Motive der Geschichte.
Vom Verschwinden ist aus der Innenperspektive von Dora erzählt, trotzdem wird die Etikette «Innerlichkeit» diesem Buch nicht gerecht. Wohl sind da fein abgestimmte Wahrnehmungen einer Frau, die den Anforderungen eines Arbeitsmarkts nicht genügt. Aber die Antennen sind nach aussen gerichtet, und so gelingt es, durch die Augen und Ohren von Dora sehr viel über Südamerika und St.Gallen, über die Geschichte und die Gegenwart, das Verschwinden-Wollen und das Verschwinden-Lassen zu erzählen. Das geht weit über persönliches Empfinden hinaus, redet nie über Politik und spricht doch viele gesellschaftlich relevante Fragen an.
Dieser Text erschien im Mai-Heft von Saiten.
Buchvernissage: Mittwoch, 7. Mai, 20 Uhr, Keller zur Rose St.Gallen
Erica Engeler: Vom Verschwinden. Bilgerverlag, Zürich 2014, Fr. 34.–
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Der «Landesverräter» war gern am Fluss
Musik im Rorschacherberg
In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.
Malerin, lesbisch und glühende NS-Anhängerin. Stephanie Hollenstein (1886-1944) war vieles. Ein Widerspruch? Der neue Dokumentarfilm von Birgitta Weizenegger befasst sich mit dem Leben der vorarlbergischen Künstlerin.
Gastkommentar von Jacques Michel Conrad
Zum 20. Mal bringt das Kulturfestival internationale Entdeckungen und lokale Lieblingsbands in einen der schönsten Konzertorte St.Gallens. Zum Jubiläum blickt Organisator Lukas Hofstetter zurück – und behauptet sich zugleich in einem Musikgeschäft, das für kleinere Festivals immer schwieriger geworden ist.
Vor 40 Jahren gründete Felix Lehner in Beinwil am See die Kunstgiesserei, die 1994 nach St.Gallen zog. Und vor 20 Jahren entstand ergänzend dazu die Stiftung Sitterwerk, die unter anderem eine weltweit einzigartige Kunstbibliothek führt. Wir tauchen ein in diesen wundersamen Mikrokosmos im Sittertal. Ausserdem in der Juli/August-Doppelnummer: die unverzichtbaren Sommertipps, die Flaschenpost von Anna Stern aus Finnland und das Interview zum 100-Jahr-Jubiläum unserer Hausdruckerei Niedermann.
Florian Fuchs arbeitet an einer antik anmutenden, 2,5 Meter hohen Marmorstatue. Warum interessiert sich ein junger Bildhauer für diese klassische Herangehensweise? Ein Werkstattbesuch in Flawil.
Es war das Jahrzehnt der Kultur: In den 80ern kam die Stadt St.Gallen zu einer Kunsthalle, einem Programmkino, der Frauenbibliothek, der Grabenhalle, genossenschaftlichen Beizen und anderem. Wie das gelang und wer die Fäden zog, zeichnen Ralph Hug und Corinne Schatz im Buch Der grosse Aufbruch nach.
Das Filmdrama Fuori erzählt ein kurzes Kapitel der aussergewöhnlichen Lebensgeschichte italienischen Schriftstellerin, Schauspielerin und Widerstandskämpferin Goliarda Sapienza.
Mit verschreckten Securitys in einer bunten Inszenierung von Angelika Zacek präsentiert das Vorarlberger Landestheater in Bregenz Shakespeares Ein Sommernachtstraum.