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100 Jahre Palace: Der Wagemut des Elektrikers

Als Jules Schulthess – gelernter Elektriker – in der grössten Stickereikrise der frühen 1920er-Jahre das «Palace» am St.Galler Blumenbergplatz bauen liess, war das mehr als mutig. Ihm verdanken wir das 100-Jahr-Jubiläum.
Von  René Hornung
Bilder: Staatsarchiv und «Gallusstadt» 1964

Es tönt nach einem Leben wie im Märchen: Julius Albert – genannt Jules – Schulthess, geboren 1878, wuchs in Oerlikon in armen Verhältnissen auf. Der Vater war an den Folgen eines Unfalls gestorben, als die Kinder noch klein waren. Die Mutter brachte die Familie durch und Jules begann 14-jährig bei der Maschinenfabrik Oerlikon eine Lehre als Elektriker.

Er muss etwas draufgehabt haben, denn als die Maschinenfabrik den Auftrag zum Bau der elektrischen Anlagen und der Oberleitungen der Trogenerbahn erhielt, wurde er als Leiter der Gruppe nach Speicher geschickt. Ab 1903 fuhr die Bahn – von Anfang an elektrisch. Schulthess zog hinunter in die Stadt St.Gallen.

Danach oder schon parallel – das lässt sich angesichts unterschiedlicher Angaben nicht mehr rekonstruieren – betreibt er ein eigenes Elektrogeschäft in der Kugelgasse und arbeitet auch fürs St.Galler Tram. Jedenfalls schreibt das bis heute existierende Elektrounternehmen Stampfl, Jules Schulthess habe diese Firma 1902 ursprünglich gegründet. Seine Ehefrau Elise betrieb ihrerseits eine Stickerei-Ausrüsterei und auch dort habe Jules jeweils am Abend noch mitgeholfen, steht in einem Nachruf.

Ein wagemutiges Unterfangen

Schulthess war offensichtlich ein «Chrampfer» und er war politisch engagiert. Er wurde 1912 als Vertreter der Demokratischen und Arbeiterpartei ins Stadtparlament gewählt. Nach neun Jahren, 1921, trat er zurück, und dies muss der Start zu den «Palace»-Plänen gewesen sein.

Er habe als ehemaliger Zürcher in St.Gallen einen eigentlichen Kinobau vermisst, steht im Nachruf. Es gab zwar schon Säle mit Stummfilmvorführungen, aber keiner war ein eigentliches Kinotheater, wie er es nun finanzierte. Dass er damals den ebenfalls politisch engagierten St.Galler Architekten Moritz Hauser mit der Planung des Palace beauftragte, ist wohl kaum ein Zufall. An Stelle einer «Bretterbude eines Schrotthändlers» liess er am Blumenbergplatz das «Palace» bauen – ein wagemutiges Unterfangen in der akuten Stickereikrise.

Schulthess erwarb weitere Kinos in der Stadt und führte sie in seiner Firma «Vereinigte Lichtspiele St.Gallen» zusammen. Das eidgenössische Amt für Handelsregister hatte zu diesem Firmennamen allerdings Bedenken, denn man könnte daraus schliessen, dass es sich um den Zusammenschluss aller St.Galler Kinos handle. Es brauchte eine Intervention des Kaufmännischen Directoriums (heute IHK), das bestätigte, dass die Bezeichnung zutreffend sei.

Schulthess war in kurzer Zeit zum St.Galler Kinokönig mit fünf Sälen geworden. Und er expandierte 1927 auch nach Rorschach, wo er am Mariaberg ebenfalls ein «Palace» eröffnete, es aber später weiterverkaufte.

Der wichtigste Hotelbesitzer der Stadt

Es blieb nicht bei den Kinos: 1928 kaufte Schulthess das Hotel Hecht am Marktplatz und verhinderte laut einem NZZ-Bericht von 1976, dass dort, mitten in der Stadt, ein «Hochhaus-Hotel» entstehen konnte. Das «Hecht» liess er total sanieren und dort einen Kinosaal, das Scala, einbauen.

Jules Schulthess, 1878–1963

1942 stirbt seine Ehefrau Elise und im Jahr darauf heiratet er die um 34 Jahre jüngere Gertrud, genannt Trudy, Liechti. (Mehr dazu in der März-Ausgabe von Saiten).

Das Palace wie wir es heute kennen, entspricht nicht mehr ganz dem Original von 1924, denn 1949/50 lässt Jules Schulthess den Saal, das Foyer, die Kassenkabine und die Treppen zum Balkon umbauen. Im Foyer vor dem Balkon hing dann ein Leuchter aus Murano-Glas. Doch die Stukkaturdecke musste weichen. Damals wurde der Saal auch mit dem «rotbraunen Plastikverputz» versehen und die Ostfassade wurde neu gestaltet. (Mehr zur Architektur des Hauses und zum Architekten Moritz Hauser schildert Nina Keel im Rahmen der Jubiläumstage im Palace am 21. und am 23. März jeweils um 12 Uhr.)

Jules Schulthess war nach dem Kauf des Hotels Hecht nicht nur Kinokönig, sondern auch der wichtigste Hotelbesitzer der Stadt. Die Liste der vom Kanton eingetriebenen Wirtschaftspatenttaxen von 1958 zeigt das «Hecht» als Betrieb mit dem zweithöchsten Umsatz nach dem St.Galler Bahnhofbüffet, gefolgt vom damaligen Epa-Restaurant und dem Café Kränzlin. Erst auf Platz 13 findet sich der «Quellenhof», Bad Ragaz.

«Viele klingende Namen der Künstlerwelt»

1963 stirbt Jules Schulthess kurz vor seinem 85. Geburtstag. Danach führt seine zweite Ehefrau Trudy die Kinos weiter und kümmert sich als Eigentümerin auch ums Hotel Hecht. St.Galler Glamour fand sich dann mehr im «Hecht» als in den Kinos. Laut NZZ standen im Hotel-Gästebuch «viele klingende Namen der Künstlerwelt, Stars von Fernsehen und Radio, Literaten und Bestseller- Autoren, Idole des Sports, nicht zu reden von der Gästeschaft aus der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Politik». Genannt werden unter anderem Yehudi Menuhin, Gilbert Bécaud, Mireille Mathieu, Udo Jürgens, Marcel Marceau, Rudolf Nurejew oder Hans Habe.

Mehr zum Palace und dem 100-Jahr-Jubiläum im Märzheft von Saiten.

Jules Schulthess wird in den Nachrufen als «rastloser Geist» mit «eiserner Energie und Tatkraft» beschrieben, der sich aus einfachsten Verhältnissen hochgearbeitet hatte. Er habe einen guten Kern in der manchmal rauen Seele, aber auch einen treffenden Humor gehabt.

Und weil er «von ganz unten» kam, habe er sich den Sorgen und Nöten des Personals immer angenommen. Mitarbeiter waren teils 40 Jahre für seine Kinos tätig. Der Nachruf im «Tagblatt» schliesst martialisch: Jules Schulthess habe gewusst, dass «nur eine strenge Schule den jungen Menschen so erzieht, dass er im Lebenskampf bestehen kann».

Inserat im «Tagblatt» vom 17. März 1930

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Andrea May-Schulthess,  

Hey Team Jules Schulthess war mein Urgrossvater. Spanned, von der Familiengeschichte zu lesen!

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