Es tönt nach einem Leben wie im Märchen: Julius Albert – genannt Jules – Schulthess, geboren 1878, wuchs in Oerlikon in armen Verhältnissen auf. Der Vater war an den Folgen eines Unfalls gestorben, als die Kinder noch klein waren. Die Mutter brachte die Familie durch und Jules begann 14-jährig bei der Maschinenfabrik Oerlikon eine Lehre als Elektriker.
Er muss etwas draufgehabt haben, denn als die Maschinenfabrik den Auftrag zum Bau der elektrischen Anlagen und der Oberleitungen der Trogenerbahn erhielt, wurde er als Leiter der Gruppe nach Speicher geschickt. Ab 1903 fuhr die Bahn – von Anfang an elektrisch. Schulthess zog hinunter in die Stadt St.Gallen.
Danach oder schon parallel – das lässt sich angesichts unterschiedlicher Angaben nicht mehr rekonstruieren – betreibt er ein eigenes Elektrogeschäft in der Kugelgasse und arbeitet auch fürs St.Galler Tram. Jedenfalls schreibt das bis heute existierende Elektrounternehmen Stampfl, Jules Schulthess habe diese Firma 1902 ursprünglich gegründet. Seine Ehefrau Elise betrieb ihrerseits eine Stickerei-Ausrüsterei und auch dort habe Jules jeweils am Abend noch mitgeholfen, steht in einem Nachruf.
Ein wagemutiges Unterfangen
Schulthess war offensichtlich ein «Chrampfer» und er war politisch engagiert. Er wurde 1912 als Vertreter der Demokratischen und Arbeiterpartei ins Stadtparlament gewählt. Nach neun Jahren, 1921, trat er zurück, und dies muss der Start zu den «Palace»-Plänen gewesen sein.
Er habe als ehemaliger Zürcher in St.Gallen einen eigentlichen Kinobau vermisst, steht im Nachruf. Es gab zwar schon Säle mit Stummfilmvorführungen, aber keiner war ein eigentliches Kinotheater, wie er es nun finanzierte. Dass er damals den ebenfalls politisch engagierten St.Galler Architekten Moritz Hauser mit der Planung des Palace beauftragte, ist wohl kaum ein Zufall. An Stelle einer «Bretterbude eines Schrotthändlers» liess er am Blumenbergplatz das «Palace» bauen – ein wagemutiges Unterfangen in der akuten Stickereikrise.
Schulthess erwarb weitere Kinos in der Stadt und führte sie in seiner Firma «Vereinigte Lichtspiele St.Gallen» zusammen. Das eidgenössische Amt für Handelsregister hatte zu diesem Firmennamen allerdings Bedenken, denn man könnte daraus schliessen, dass es sich um den Zusammenschluss aller St.Galler Kinos handle. Es brauchte eine Intervention des Kaufmännischen Directoriums (heute IHK), das bestätigte, dass die Bezeichnung zutreffend sei.
Schulthess war in kurzer Zeit zum St.Galler Kinokönig mit fünf Sälen geworden. Und er expandierte 1927 auch nach Rorschach, wo er am Mariaberg ebenfalls ein «Palace» eröffnete, es aber später weiterverkaufte.
Der wichtigste Hotelbesitzer der Stadt
Es blieb nicht bei den Kinos: 1928 kaufte Schulthess das Hotel Hecht am Marktplatz und verhinderte laut einem NZZ-Bericht von 1976, dass dort, mitten in der Stadt, ein «Hochhaus-Hotel» entstehen konnte. Das «Hecht» liess er total sanieren und dort einen Kinosaal, das Scala, einbauen.
Jules Schulthess, 1878–1963
1942 stirbt seine Ehefrau Elise und im Jahr darauf heiratet er die um 34 Jahre jüngere Gertrud, genannt Trudy, Liechti. (Mehr dazu in der März-Ausgabe von Saiten).
Das Palace wie wir es heute kennen, entspricht nicht mehr ganz dem Original von 1924, denn 1949/50 lässt Jules Schulthess den Saal, das Foyer, die Kassenkabine und die Treppen zum Balkon umbauen. Im Foyer vor dem Balkon hing dann ein Leuchter aus Murano-Glas. Doch die Stukkaturdecke musste weichen. Damals wurde der Saal auch mit dem «rotbraunen Plastikverputz» versehen und die Ostfassade wurde neu gestaltet. (Mehr zur Architektur des Hauses und zum Architekten Moritz Hauser schildert Nina Keel im Rahmen der Jubiläumstage im Palace am 21. und am 23. März jeweils um 12 Uhr.)
Jules Schulthess war nach dem Kauf des Hotels Hecht nicht nur Kinokönig, sondern auch der wichtigste Hotelbesitzer der Stadt. Die Liste der vom Kanton eingetriebenen Wirtschaftspatenttaxen von 1958 zeigt das «Hecht» als Betrieb mit dem zweithöchsten Umsatz nach dem St.Galler Bahnhofbüffet, gefolgt vom damaligen Epa-Restaurant und dem Café Kränzlin. Erst auf Platz 13 findet sich der «Quellenhof», Bad Ragaz.
«Viele klingende Namen der Künstlerwelt»
1963 stirbt Jules Schulthess kurz vor seinem 85. Geburtstag. Danach führt seine zweite Ehefrau Trudy die Kinos weiter und kümmert sich als Eigentümerin auch ums Hotel Hecht. St.Galler Glamour fand sich dann mehr im «Hecht» als in den Kinos. Laut NZZ standen im Hotel-Gästebuch «viele klingende Namen der Künstlerwelt, Stars von Fernsehen und Radio, Literaten und Bestseller- Autoren, Idole des Sports, nicht zu reden von der Gästeschaft aus der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Politik». Genannt werden unter anderem Yehudi Menuhin, Gilbert Bécaud, Mireille Mathieu, Udo Jürgens, Marcel Marceau, Rudolf Nurejew oder Hans Habe.
Mehr zum Palace und dem 100-Jahr-Jubiläum im Märzheft von Saiten.
Jules Schulthess wird in den Nachrufen als «rastloser Geist» mit «eiserner Energie und Tatkraft» beschrieben, der sich aus einfachsten Verhältnissen hochgearbeitet hatte. Er habe einen guten Kern in der manchmal rauen Seele, aber auch einen treffenden Humor gehabt.
Und weil er «von ganz unten» kam, habe er sich den Sorgen und Nöten des Personals immer angenommen. Mitarbeiter waren teils 40 Jahre für seine Kinos tätig. Der Nachruf im «Tagblatt» schliesst martialisch: Jules Schulthess habe gewusst, dass «nur eine strenge Schule den jungen Menschen so erzieht, dass er im Lebenskampf bestehen kann».
Inserat im «Tagblatt» vom 17. März 1930
Kunst in Oberuzwil
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.