Meine meisten Freund:innen in Frauenfeld arbeiten im gleichen Buchladen. Das habe sich so ergeben, sagen sie, und ich bin froh, denn hie und da mag ich kaum wen treffen und dann habe ich trotzdem sozialen Kontakt, wenn meine Bestellungen ankommen. Alle paar Wochen ein lesbischer Liebesroman, meistens aber Texte über Traumata.
Wenn ich ein solches Buch abhole, nehme ich es rasch in die Hand und drehe es so, dass sie die verfänglichen Dinge nicht lesen können: Das «Trauma» im Titel oder das «Für Überlebende von Kindsmissbrauch» auf dem Cover. Denn mit der Schweizer Literatur im Laden fühlt es sich so an, als ob Dinge wie sexualisierte Gewalt an Kindern nur mit einer blumigen, konzeptuellen oder metaphernreichen Sprache angesprochen werden könnten. Und weil ich eine solche Sprache nicht mag, reden wir dann übers Ficken mit irgendwelchen Thurgauer Kunstboys. Das lenkt gut von den Trauma-Büchern ab, denn zwischen Heimatliteratur und über die Verkaufstheke hinweg tuschelt es sich wahnsinnig gut übers Ficken.
Beim nächsten Besuch im Buchladen werde ich aber ein solches Heimatbuch kaufen. Das hilft vielleicht gegen Heimweh, wenn ich bald nach Wien ziehe. Einen neuen Buchladen hab ich da bereits, und beim ersten Besuch stand ich mit vier Büchern über sexualisierte Gewalt an der Kasse. Und da der Laden keine Schweizer Heimatliteratur führt und Wien von Thurgauer Kunstboys wohl nichts wissen will, hatte ich keine Ablenkung, und so sprachen die Verkäuferin und ich über eigene Betroffenheit und es war schön und verbündend, bis mich ihr Hund aus dem Laden bellte.
Ein paar Monate später war ich wieder da und die Verkäuferin fragte mich, wie es mit den Traumata so ginge. Ich sagte, mässig, aber ich träfe gleich ein cutes Girl und ausserdem würde ich vielleicht nach Wien ziehen. Sie lachte und fragte, ob ich wegen des lesbischen Dates auswandern würde. Ich winkte verlegen ab und sagte nur, dass ich hoffte, dass ich in Wien nicht mehr über Thurgauer Kunstboys reden müsste. Sie sagte, von denen wolle sie eh nichts hören, aber vom Date dürfe ich ihr gern erzählen.
Wenn diese Kolumne hier erscheint, werde ich wieder in Wien sein und genau das tun: Ich werde der Verkäuferin erzählen, dass das Date dann doch nur Traumata getriggert hat. Und wenn sie mir einen lesbischen Liebesroman zuschiebt, werde ich nicht in Sexfantasien mit Thurgauer Kunstboys fliehen, sondern mit ihr von lesbischen Liebschaften in Wien träumen, bis mich ihr Hund aus dem Laden bellt.
Mia Nägeli, 1991, arbeitet nach einer Journalismusausbildung und ein paar Jahren bei verschiedenen Medien heute in der Musikbranche in der Kommunikation, als Tontechnikerin und als Musikerin.
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.