Von 1853 bis 1982 war die Steig Waisenanstalt und Kinderheim und wurde von Ingenbohler Schwestern geführt. In diese Zeit fallen düstere Abschnitte. In der 2009 erschienen Jubiläumsschrift zum 25-jährigen Bestehen der «Werkstätte und Wohnheim Steig» heisst es mit Blick auf die frühere Geschichte:
«Ins Waisenhaus oder Kinderheim eingewiesen wurden Kinder, deren Mütter verstorben waren und der Vater nun alleine war. Solche Praktiken waren damals üblich. Auch ausserehelich geborene Kinder wurden in die Steig ver- setzt, weil die Mutter einem Erwerb nachgehen musste. Allgemein galten Kinder, welche nicht ehelich geboren worden waren, bis in die 60er-Jahre hinein leider als minderwertig, obwohl sie ja die Einzigen waren, die an ihrem Status unschuldig waren. Eine damals übliche und nicht nur in Appenzell verbreitete bedauernswerte Praxis.»
Schläge und knien auf Holzscheiten
Unter den Schwesternhauben gab es keine Barmherzigkeit für die Kinder. Im Rückblick der Jubiläumsschrift heisst es: «Schläge mit Teppichklopfern, Holzleisten und knien auf einem Holzscheit waren übliche Strafen, die Arme ausgestreckt und mit den damals verwendeten Chromstahltellern beladen. Schläge, wenn sich die Arme senkten.»
Der 1950 geborene Verfasser des Textes fährt fort:
«Auch zu meiner Schulzeit waren solche Methoden noch gängig und auch mehrtägige Einsperrung in dunkle Räume. In den Sommerferien mussten die Mädchen stricken: Pullover, Socken und Handschuhe. Dann mussten die Matratzen nach draussen getragen und ausgeklopft werden. Die Buben halfen in der Landwirtschaft. Während des Sommers mussten sie für die Konservenfabrik Bischofszell arbeiten: Bohnen put- zen, deren Spitzen abschneiden und die Fäden entfernen. Waren die Bohnen bearbeitet, folgten die Karotten.»
Fünf bis sechs Schwestern für die Betreuung von 100 Waisenkindern
Den Kindern wurde vor allem Gottes- und Obrigkeitsfurcht eingepflanzt. In der Jubiläumsschrift heisst es dazu:
«Es wurde viel gebetet. An und für sich ist das sicher richtig. Aber sehr oft geschah es unter Zwang. Zum Besuch des Sonntagsgottesdienstes in der Pfarrkirche St. Mauritius und der Schulen marschierten die Kinder in Uniformen und Zweierkolonne nach Geschlechtern getrennt. Schritten sie zur Schule, teilten sie sich am Landsgemeindeplatz auf, die Mädchen zur Mädchenschule in der Chlos und die Buben in die Landespädagogische Fachhochschule auf der Hofwiese, konsequent auch nach Geschlechtern getrennt.»
1948 waren fast 100 Waisenkinder in der Steig untergebracht. Betreut wurden sie von fünf bis sechs Schwestern. 1972 waren 50 bis 60 Kinder und lediglich fünf Schwestern im Heim. Oft kamen die Kinder als Babys in die Steig und blieben bis zum Ende ihrer Ausbildung.
Dreikönigsfeier im Kinderheim Steig, 1972. Bild: Museum Appenzell
Annette Konrad sprach mit Schwester Prisca Siffert, die von 1948 bis 1972 im Waisenhaus arbeitete, und diesem auch als Oberin vorstand. «Es war schrecklich für mich, als ich hinkam», sagte die Schwester. «Es war alles arm, das Kinderheim war sehr arm eingerichtet. Es war da kein WC mit Spülung. Das erste halbe Jahr war ganz schlimm. Ich wollte immer gehen.» Das Gespräch ist im Sammelband FrauenLeben Appenzell veröffentlicht worden.
Licht in die Zeit de fürsorgerischen Zwangsmassnahmen bringen
Jetzt soll der Heimalltag zwischen dem Zweiten Weltkrieg und den 1980er-Jahren wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Damit schliesst sich die Kantonsregierung von Appenzell Innerrhoden den gesamtschweizerischen Bestrebungen an, Licht in die Zeit der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen zu bringen und die Opfer dieser Willkürzustände zu entschädigen. Grossrat Martin Breitenmoser machte im März dieses Jahres im Kantonsparlament einen Vorstoss, um die Geschehnisse im Kinderheim Steig aufzuklären und die Opfer finanziell zu entschädigen.
Regierungsrätin Antonia Fässler sagt auf Anfrage, dass wahrscheinlich noch in diesem Jahr ein Historiker oder eine Historikerin mit entsprechenden Erfahrungen beauftragt werde, den Heimalltag in der Steig unter dem Einfluss der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen wissenschaftlich aufzuarbeiten.
Laut Fässler ist in dieser Sache die Aktenlage im Landesarchiv sehr dürftig. Die Magistratin erhofft sich aber, dass sowohl ehemalige Heimkinder wie auch frühere Beschäftigte des Heims gefunden werden, die sich zu den Geschehnissen äussern wollen. Für die Opferbehandlung respektive die Entschädigungsfrage sei für den Kanton massgebend was der Bund entscheide. Für Fässler ist die Problematik der von den fürsorgerischen Zwangsmassnahmen betroffenen Menschen mit der Aufarbeitung der Geschehnisse im Kinderheim Steig wahrscheinlich nur teilweise gelöst, weil die traumatischen Nachwirkungen damit nicht ausgeblendet werden könnten.
Ohm41 stellen wieder aus
Das Thurgauer Pop-Phänomen Noemi Beza veröffentlicht Anfang Juni ihre neue EP. You’ll Find Me There vereint Country-Vibes mit astreinem Pop – was man ein wenig vermisst, sind Ecken und Kanten.
Kolumne: Stimmrecht im Juni
Ausstellung in Herisau
Nach 22 Jahren gibt Matthias Peter die Leitung der St.Galler Kellerbühne ab. Vom Raum ist er nach wie vor begeistert. Aber dem Kabarett ging es auch schon besser, erzählt er im Gespräch.
Die Thurgauer Künstlerin Micha Stuhlmann befasst sich in ihrem neuen Projekt mit dem Dasein im Moment. Am 7. Juni findet dazu ein Workshop in St.Gallen statt und am 26. Juni zeigt sie mit ihrem Ensemble die finale Performance in Kreuzlingen.
Die Tonhalle Wil wurde 1876 eröffnet. Seither bereichert sie praktisch ununterbrochen das kulturelle Leben der Äbtestadt. An den kommenden zwei Wochenenden wird gefeiert.
Jonas Ulrich taucht mit seinem ersten Spielfilm in die Black-Metal-Welt ab. Wolves ist eine bildstarke Geschichte über Einsamkeit und das Dazugehören, voller Gegensätze und mit etwas holprigen Dialogen.
St.Gallen bewahrt nicht mehr nur 1000-jährige Handschriften. Mit dem Internet Archive Switzerland entsteht hier ein Archiv für Webseiten, künstliche Intelligenz und das digitale Gedächtnis der Zukunft.
Mit Internet Archive Switzerland entsteht in St.Gallen ein Ableger des grössten Archivs für Websiten und Künstliche Intelligenz weltweit. Ausserdem im Juniheft: Männer unter Generalverdacht, das grosse St.Galler 80er-Buch, das Abschiedsinterview mit dem langjährigen Kellerbühnenchef und die Flaschenpost aus Venedig.
Der WWF St.Gallen wird 50 Jahre alt. Sein Geschäftsleiter Lukas Indermaur zieht bei der Beurteilung der aktuellen Situation von Natur und Umwelt eine durchzogene Bilanz.
«Urs Frei. A – Z» im Kunstmuseum St. Gallen ist die erste Retrospektive zum ausserordentlichen Schaffen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Arbeiten geben Einblick in ein Werk, das kaum zu fassen ist. Das gehört zu seiner Qualität.
Wie wollen wir künftig leben und unsere Nahrungsmittel produzieren? Die Ausstellung «How goes Tomorrow» der Ostschweizer Künstlerin Claude Bühler in der Shedhalle in Frauenfeld sensibilisiert für nachhaltige Handlungsstrategien.
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.