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«Mehr Berufung als Beruf»

Co-Betriebleiter Fabian Mösch verlässt Ende Saison das Palace. Ein Gespräch über den pandemischen Palace-Alltag, die FINTA*-Nachfolge, die allgemeine kulturpolitische Bilanz der letzten zwei Jahre und die loyale Horde, die das St.Galler Kulturlokal zusammenhält.
Von  Corinne Riedener
Fabian Mösch, 1994, ist Co-Betriebsleiter im Palace und macht auch selber Musik. (Bild: co)

Saiten: Vor fünf Jahren hast du im Palace als Assistenz angefangen, seit 2018 bist du Co-Betriebsleiter. Ende Saison verlässt du die Hütte bereits wieder – warum?

Fabian Mösch: Ich würde nicht sagen «bereits wieder». So ein Job hat ja auch ein gewisses Ablaufdatum. Vielleicht muss der Wechsel nicht schon nach fünf Jahren passieren, aber irgendwann ist der Zeitpunkt der Veränderung gekommen. Zudem haben mir die letzten zwei Jahre viel Energie geraubt.

Dein Abgang hat auch mit Corona zu tun.

Ja, definitiv. Für mich war immer klar, dass ich möglichst viel Energie ins Palace stecken will. Dadurch habe ich auch immer viel Energie zurückbekommen. An einem Ort wie dem Palace zu arbeiten, ist ja mehr Berufung als Beruf. Doch in den letzten zwei Jahren hat die Arbeit hier völlig andere Züge angenommen. Der Alltag hat sich komplett verändert, das war auch psychisch anstrengend.

Wie hat sich die Arbeit verändert?

Es war ein einziges Hin und Her. Wir konnten nicht mehr auf ein Ziel hinarbeiten. Trotzdem haben wir versucht, möglichst vielen möglichst viel zu ermöglichen, auch wenn wir eigentlich nie wussten, was wie und wann stattfinden konnte und uns auch teilweise die kreativen Ideen ausgegangen sind. Der Alltag war harzig und kreiste immer etwa um dieselben Fragen: Können wir ein bisschen vorausschauen? Wenn ja, wie weit? Getrauen wir uns überhaupt, weiter vorauszuschauen? Wie geht es dem Team? Mit wem müssen wir uns noch austauschen? Das zerrt schon an den Kräften.

Was nimmst du an Positivem mit aus diesen zwei Pandemiejahren?

Das Wissen, dass das Palace aus einem richtig schönen Haufen von Leuten besteht, die für sich, das Haus und die Idee dahinter einstehen. Es ist sehr schön zu sehen, dass in diesem Netzwerk so viel Vertrauen und eine grosse Loyalität herrscht.

Und wie sieht deine allgemeine kulturpolitische Bilanz aus?

Die kleinen Kulturbetriebe und freien Kulturschaffenden kamen aus meiner Sicht viel zu kurz. Die Politik hat die alternative Szene nicht mitgedacht bei ihren Entscheidungen. Das Miteinander in der Kulturszene ist mit Corona gewachsen und mittlerweile unglaublich stark – nur schlägt sich das leider nicht in der Politik nieder. Bedauerlicherweise. Die Pandemie hat uns in der Kulturszene einander gewissermassen nähergebracht, aber sie hat auch die Schere weiter aufgehen lassen.

Deine Hoffnungen für die Post-Coronazeit?

Einerseits hoffe ich, dass wir unsere kulturellen Bedürfnisse wieder freier angehen und ausleben können. Andererseits dass die Neugierde zurückkehrt. Nicht nur beim Publikum, auch bei mir selber. Ich brauche wieder neue Inputs, Gedankenanstösse und Anregungen. In den letzten zwei Jahren hat sich gesellschaftlich eine gewisse Versteifung breitgemacht, durch Algorithmen und Gewohnheiten. Das gilt es zu durchbrechen. Und zuletzt hoffe ich, dass die Verbundenheit und Loyalität in der Kulturszene erhalten bleibt und weiter gestärkt wird.

Anders als bei der letzten Ausschreibung können sich dieses Mal auch Zweierteams für die Stelle als «Betriebsleiterin*» bewerben. Kommt jetzt endlich eine Frau in die Palace-Leitung?

Ja, eine Frau – bzw. die FINTA*-Person – soll jetzt diese Stelle besetzen. Die Stelle ist darum explizit so ausgeschrieben. FINTA* steht für Frauen, inter Menschen, nichtbinäre Menschen, trans Menschen und agender Menschen.

Ihr schreibt ausserdem: «Der Wille, das Palace in den kommenden Jahren mitzugestalten und mitzuprägen ausdrücklich erwünscht.» Ein Standardsatz oder strebt die Hütte einige Veränderungen an?

Das Palace freut sich über Bewerbungen von Einzelpersonen oder Zweierteams bis am 7. März 2022.

Weitere Infos hier.

Etwas vom Schönsten am Palace ist ja – auch für mich rückblickend –, dass man nicht einfach angestellt wird und sich in einem komplett klar abgesteckten Stellenprofil bewegt. Die Stelle entwickelt sich permanent weiter und wird immer wieder neu verhandelt. Das ist mit «prägen» sicher auch gemeint. Ob es konkrete Veränderungen gibt, kann ich nicht sagen, das ist Sache des neuen Teams. Schön wäre aber, wenn Angefangenes beendet und Neues aufs Tapet gebracht werden kann.

Steht es nach wie vor nicht zur Debatte, das Palace für Fremdveranstalter:innen zu öffnen?

Das Palace setzt auf Kooperationsveranstaltungen. Uns ist es lieber, mit anderen zusammenzuarbeiten, gemeinsam Pläne zu schmieden und Dinge zu erreichen, als das Haus ganz aus den Händen zu geben und einfach nur einen Raum zu verleihen. Das ist bereichernder für alle Beteiligten.

Bis Ende Saison arbeitest du noch im Palace. Hast du in diesen Monaten noch ein paar grossartige Abende geplant?

Da würde ich dir jetzt gern die ultimative Antwort geben, aber wir wissen ja noch nicht einmal, was in zwei Wochen sein wird. Zumindest der März ist noch unglaublich schwierig zu planen. Im April und im Mai ist es dann hoffentlich wieder etwas entspannter. Wir versuchen so gut es geht Dinge aufzugleisen, wissen aber noch nicht, wann welche Band spielt. Das Programm bis im Sommer wird aber sicher dicht, soviel kann ich schon sagen.

Was wünschst du dem Palace für die Zukunft?

Dass es weiterhin so mutig bleibt, wie es nur geht, und die Auseinandersetzung sucht. Das macht den Reiz und die Strahlkraft dieses Ortes aus. Und dass das Palace weiterhin keine «Profi-Hütte» wird, die sich auf einfache, bewährte Rezepte stützt. Aber daran zweifle ich überhaupt nicht, insofern bin ich wunschlos glücklich.

Das Palace soll also ein «Ort der Verhandlung» bleiben, wie es sich auch dein Vorgänger Damian Hohl gewünscht hat. Wie er sollst auch du dich zum Schluss noch outen: Was hörst du privat, das du niemals auf die Palace-Bühne lassen würdest?

Ich könnte das gleiche sagen wie er damals, Lana Del Rey. Gute Frage… Ich weiss nach fünf Jahren gar nicht mehr so recht, wo mein persönlicher Musikgeschmack liegt. Ist er vom Palaceprogramm geprägt oder hat mein Geschmack das Palaceprogramm geprägt? Schwer zu sagen. Kurz gesagt: Was nicht auf die Palacebühne passt, können wir uns nicht leisten. Ich persönlich höre oft sehr experimentelle Musik, das würde auch eher weniger auf unsere Bühne passen, weil dann kaum jemand käme.

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