Saiten: Vor fünf Jahren hast du im Palace als Assistenz angefangen, seit 2018 bist du Co-Betriebsleiter. Ende Saison verlässt du die Hütte bereits wieder – warum?
Fabian Mösch: Ich würde nicht sagen «bereits wieder». So ein Job hat ja auch ein gewisses Ablaufdatum. Vielleicht muss der Wechsel nicht schon nach fünf Jahren passieren, aber irgendwann ist der Zeitpunkt der Veränderung gekommen. Zudem haben mir die letzten zwei Jahre viel Energie geraubt.
Dein Abgang hat auch mit Corona zu tun.
Ja, definitiv. Für mich war immer klar, dass ich möglichst viel Energie ins Palace stecken will. Dadurch habe ich auch immer viel Energie zurückbekommen. An einem Ort wie dem Palace zu arbeiten, ist ja mehr Berufung als Beruf. Doch in den letzten zwei Jahren hat die Arbeit hier völlig andere Züge angenommen. Der Alltag hat sich komplett verändert, das war auch psychisch anstrengend.
Wie hat sich die Arbeit verändert?
Es war ein einziges Hin und Her. Wir konnten nicht mehr auf ein Ziel hinarbeiten. Trotzdem haben wir versucht, möglichst vielen möglichst viel zu ermöglichen, auch wenn wir eigentlich nie wussten, was wie und wann stattfinden konnte und uns auch teilweise die kreativen Ideen ausgegangen sind. Der Alltag war harzig und kreiste immer etwa um dieselben Fragen: Können wir ein bisschen vorausschauen? Wenn ja, wie weit? Getrauen wir uns überhaupt, weiter vorauszuschauen? Wie geht es dem Team? Mit wem müssen wir uns noch austauschen? Das zerrt schon an den Kräften.
Was nimmst du an Positivem mit aus diesen zwei Pandemiejahren?
Das Wissen, dass das Palace aus einem richtig schönen Haufen von Leuten besteht, die für sich, das Haus und die Idee dahinter einstehen. Es ist sehr schön zu sehen, dass in diesem Netzwerk so viel Vertrauen und eine grosse Loyalität herrscht.
Und wie sieht deine allgemeine kulturpolitische Bilanz aus?
Die kleinen Kulturbetriebe und freien Kulturschaffenden kamen aus meiner Sicht viel zu kurz. Die Politik hat die alternative Szene nicht mitgedacht bei ihren Entscheidungen. Das Miteinander in der Kulturszene ist mit Corona gewachsen und mittlerweile unglaublich stark – nur schlägt sich das leider nicht in der Politik nieder. Bedauerlicherweise. Die Pandemie hat uns in der Kulturszene einander gewissermassen nähergebracht, aber sie hat auch die Schere weiter aufgehen lassen.
Deine Hoffnungen für die Post-Coronazeit?
Einerseits hoffe ich, dass wir unsere kulturellen Bedürfnisse wieder freier angehen und ausleben können. Andererseits dass die Neugierde zurückkehrt. Nicht nur beim Publikum, auch bei mir selber. Ich brauche wieder neue Inputs, Gedankenanstösse und Anregungen. In den letzten zwei Jahren hat sich gesellschaftlich eine gewisse Versteifung breitgemacht, durch Algorithmen und Gewohnheiten. Das gilt es zu durchbrechen. Und zuletzt hoffe ich, dass die Verbundenheit und Loyalität in der Kulturszene erhalten bleibt und weiter gestärkt wird.
Anders als bei der letzten Ausschreibung können sich dieses Mal auch Zweierteams für die Stelle als «Betriebsleiterin*» bewerben. Kommt jetzt endlich eine Frau in die Palace-Leitung?
Ja, eine Frau – bzw. die FINTA*-Person – soll jetzt diese Stelle besetzen. Die Stelle ist darum explizit so ausgeschrieben. FINTA* steht für Frauen, inter Menschen, nichtbinäre Menschen, trans Menschen und agender Menschen.
Ihr schreibt ausserdem: «Der Wille, das Palace in den kommenden Jahren mitzugestalten und mitzuprägen ausdrücklich erwünscht.» Ein Standardsatz oder strebt die Hütte einige Veränderungen an?
Das Palace freut sich über Bewerbungen von Einzelpersonen oder Zweierteams bis am 7. März 2022.
Weitere Infos hier.
Etwas vom Schönsten am Palace ist ja – auch für mich rückblickend –, dass man nicht einfach angestellt wird und sich in einem komplett klar abgesteckten Stellenprofil bewegt. Die Stelle entwickelt sich permanent weiter und wird immer wieder neu verhandelt. Das ist mit «prägen» sicher auch gemeint. Ob es konkrete Veränderungen gibt, kann ich nicht sagen, das ist Sache des neuen Teams. Schön wäre aber, wenn Angefangenes beendet und Neues aufs Tapet gebracht werden kann.
Steht es nach wie vor nicht zur Debatte, das Palace für Fremdveranstalter:innen zu öffnen?
Das Palace setzt auf Kooperationsveranstaltungen. Uns ist es lieber, mit anderen zusammenzuarbeiten, gemeinsam Pläne zu schmieden und Dinge zu erreichen, als das Haus ganz aus den Händen zu geben und einfach nur einen Raum zu verleihen. Das ist bereichernder für alle Beteiligten.
Bis Ende Saison arbeitest du noch im Palace. Hast du in diesen Monaten noch ein paar grossartige Abende geplant?
Da würde ich dir jetzt gern die ultimative Antwort geben, aber wir wissen ja noch nicht einmal, was in zwei Wochen sein wird. Zumindest der März ist noch unglaublich schwierig zu planen. Im April und im Mai ist es dann hoffentlich wieder etwas entspannter. Wir versuchen so gut es geht Dinge aufzugleisen, wissen aber noch nicht, wann welche Band spielt. Das Programm bis im Sommer wird aber sicher dicht, soviel kann ich schon sagen.
Was wünschst du dem Palace für die Zukunft?
Dass es weiterhin so mutig bleibt, wie es nur geht, und die Auseinandersetzung sucht. Das macht den Reiz und die Strahlkraft dieses Ortes aus. Und dass das Palace weiterhin keine «Profi-Hütte» wird, die sich auf einfache, bewährte Rezepte stützt. Aber daran zweifle ich überhaupt nicht, insofern bin ich wunschlos glücklich.
Das Palace soll also ein «Ort der Verhandlung» bleiben, wie es sich auch dein Vorgänger Damian Hohl gewünscht hat. Wie er sollst auch du dich zum Schluss noch outen: Was hörst du privat, das du niemals auf die Palace-Bühne lassen würdest?
Ich könnte das gleiche sagen wie er damals, Lana Del Rey. Gute Frage… Ich weiss nach fünf Jahren gar nicht mehr so recht, wo mein persönlicher Musikgeschmack liegt. Ist er vom Palaceprogramm geprägt oder hat mein Geschmack das Palaceprogramm geprägt? Schwer zu sagen. Kurz gesagt: Was nicht auf die Palacebühne passt, können wir uns nicht leisten. Ich persönlich höre oft sehr experimentelle Musik, das würde auch eher weniger auf unsere Bühne passen, weil dann kaum jemand käme.
Mit Hildegard Fässler (1951–2026) verstarb kurz vor ihrem 75. Geburtstag eine der profiliertesten Ostschweizer Politikerinnen an den Folgen einer schweren Erkrankung. Nachruf einer langjährigen Weggefährtin.
Versteckt im Sittertal produziert die Kunstgiesserei Werke renommierter Künstler:innen. Dabei gilt es oft, Neues auszuprobieren und Lösungen zu finden – mit Zucker, Wachs und natürlich Metall. Saiten erhält einen Einblick in das verrückte Schaffen am Rande St.Gallens.
Der FC St.Gallen gewinnt gegen den haushohen Favoriten aus Lissabon mit 2:1. Die grösste Sensation, die dieses Stadion je gesehen hat. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.