Das einzig ernstzunehmende öffentliche Wohnzimmer in der Stadt St.Gallen hat im letzten Jahr sein zehnjähriges Jubiläum gefeiert. Nicht das rote tote Etwas im Bleicheliquartier ist gemeint, sondern die rote rege Kulturstube am Blumenbergplatz.
Palazzo, Haus der Begegnungen, plüschrotes Juwel, Festhütte, Longterm Relationship oder Gastrechtsstaat: Das Palace darf sich vieler Namen rühmen. Und es hat entsprechend viele Funktionen, ist Konzert- und Konspirationslokal, Vorlesungssaal, Pogo-Lounge und gastliches Auffangbecken in einem.
Das «Cinema Palace Theater» in St.gallen wurde 1924 eröffnet und war eines der ersten Kinos der Schweiz. Nicht überraschend also, dass es nun nebst den Feierlichkeiten im letzten Jahr auch noch einen Film zum Zehnjährigen des «neuen» Palace gibt.
In dessen Anfangsszene berichtet Manuel Stahlberger von früher; vom Kino-Zampano Jules Albert Schulthess und seinem Nachfolger Franz Anton Brüni, der das Palace 2003 an die Stadt St.Gallen verkaufte, die das Haus wiederum – nach einem Ideenwettbewerb samt gescheiterter Abstimmung – den Leuten vom Rorschacher Hafenbuffet, dem ehemaligen Frohegg und dem Klang & Kleid für einen zweijährigen Probebetrieb anvertraute. 2006 schliesslich wurde das Palace zum fixen Konzert- und Veranstaltungsort – und ist seither einer der bewegtesten Orte der Stadt.
Dominik Kesseli, Michael Gallusser und Manuel Stahlberger im Palace-Backstage
Wie viel rund ums Palace gegangen ist in den vergangenen zehn Jahren, wird auch im Film von Cyril Ziffermeier und Florian Geisseler deutlich. Wenn zum Beispiel Kaspar Surber erzählt, wie die allerersten Versammlungen gewesen seien – «räuberhaft» – und Johannes Stieger sich erinnert, dass man am Anfang nie recht weiter gewusst habe, abgesehen vom «Wir müssen die Hütte kapern». Aus den bier- und rauchgeschwängerten Diskussionen von damals ist längst ein Betrieb mit etwa 50 Leuten, professioneller Infrastruktur, Löhnen und breitem Kulturangebot geworden.
10 Jahre Palace – Eine Hütte in Bewegung: 9. November, 20:30 Uhr, Palace St.Gallen
palace.sg
Umrahmt werden diese Interviewszenen aus dem vergangenen Jubiläumsjahr – gedreht im Foyer, im Perron Nord, draussen, im Backstageraum oder nebenan im Palace-Büro, vor der wohl grusigsten Mikrowelle der Stadt – von vielen unkommentierten Szenen rund um den schönen Schuppen: Konzertausschnitte, Aufbauarbeiten, Flaschen entsorgen, Instruktionen an der Kasse, Spaghettifrass im Baratella ums Eck, Installation der Glühbirnen zum Jubiläum – und dann ist da noch die hotteste Baritonista der Alpennordseite (mit Klappventilen!).
Eine der schönsten Szenen im Film ist jene, in der der Putzmann mit italienischem Akzent erzählt, wie er frühmorgens kommt und manche Leute immer noch am Tanzen sind. «Wenn ich komme, wissen sie, dass es Zeit ist zu gehen», sagt er, dessen Namen man leider nicht erfährt.
Auch die Namen der anderen Palacemacherinnen und -macher sind nicht eingeblendet. Es gibt lediglich eine Namensliste im Abspann (des mit 23 Minuten etwas kurz geratenen Films), was vermutlich dem Kollektivgedanken entsprungen, aber trotzdem bedauerlich ist, besonders für Aussenstehende.
Ansonsten: wohliger Streifen!
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Neue Eigenproduktion
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