Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Aufklärung statt Ausschluss»

Am Samstag ist Patrick Bütschi alias Collie Herb mit seinem neuen Album Bambus und The Mighty Roots in der Grabenhalle St.Gallen. Ein Gespräch über Homophobie im Reggae, politische Songs und die Multioptionsgesellschaft.
Von  Corinne Riedener , 
Bild: pd

Saiten: Kulturelle Aneignung ist immer wieder ein Thema. Was entgegnest du jemandem, der dich fragt, wieso du als «Weisser» Dreadlocks trägst?

Collie Herb: Ich persönlich wurde noch nie explizit darauf angesprochen, aber darüber nachgedacht habe ich natürlich schon. Als Schweizer bin ich wesentlich privilegierter als die meisten anderen auf dieser Welt, so viel ist klar. Ich trage die Dreadlocks aber nicht, weil ich jemandem etwas wegnehmen will, sondern weil sie für meine Werte stehen, meine rebellische Grundhaltung. Einen religiösen Hintergrund gibt es nicht.

Die Religion. Auch ein leidiges Thema. Wie gehst du um mit der Homophobie in der Reggae- und Rapszene?

Homophobie ist eine Krankheit, und sie betrifft alle Hautfarben. Ich kann nur für die Schweiz reden, und auch bei uns ist es nach wie vor so, dass Schwule und Lesben nicht gleichberechtigt sind. Das darf man nicht vergessen. Wenn sie unterdrückt werden, muss man aufstehen und dagegen ankämpfen, egal wo – aber nicht, indem man zum Beispiel alle Afrikaner als «rückständig» bezeichnet und sie belehrt. Man muss den Dialog suchen. Als Künstler geht es mir deshalb vor allem um Aufklärung und nicht darum, die Moralkeule zu schwingen.

The Mighty Roots feat. Treesha, Collie Herb & Jo Elle: 26. November, 21 Uhr, Grabenhalle St.Gallen
grabenhalle.ch

Wie «krank» ist die Schweizer Reggae-Szene?

Vor zehn Jahren hat mich das Thema Homophobie sehr beschäftigt; mein allererstes Lied handelt davon. In der Schweiz geht man mittlerweile zum Glück sehr differenziert damit um. Sicher, es gibt auch hier schwarze Schafe, aber die meisten bekannten Schweizer Künstler beziehen klar Position gegen Homophobie. Das Publikum ebenfalls, denke ich, allerdings gibt es ziemlich viele, die sich gar nicht bewusst sind, wie homophob die Texte von manchen afrikanischen oder jamaikanischen Künstlern sind, einfach weil sie Patwa nicht verstehen.

Wer also gegen Homophobie kämpft, müsste zum Beispiel Chichiman von T.O.K. eigentlich boykottieren und nicht noch dazu tanzen – weil das Lied dazu aufruft, Schwule zu verbrennen.

Genau. Oder sich zumindest im Klaren darüber sein, aus welcher Kultur dieser Song stammt. Die Leute in Jamaica sind ja nicht homophob wegen der Musik, sondern umgekehrt. Dort ist Homosexualität immer noch verboten wie auch in vielen afrikanischen Ländern. Das spiegelt sich leider auch in der Musik wider. Künstler deswegen auszuladen, ist aber der falsche Weg. Wer das tut, will sich politisch profilieren, habe ich den Eindruck. Denn wie gesagt: Es geht um Aufklärung, nicht um Ausschluss. Nur so kann man sich konstruktiv mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Ist Bambus, dein neues Album, weniger politisch als die letzten oder ist das nur ein subjektiver Eindruck?

Das stimmt, ja. Früher habe ich oft Klartext gesungen, heute ist meine Musik ein Stück weit entpolitisiert. Das hat damit zu tun, dass ich irgendwann realisiert habe, dass ich dem Publikum mit meinen politischen Texten nur Dinge erzähle, die es ohnehin schon weiss. So geht es nur noch um Solidarität und Bestätigung von «den eigenen Leuten». Das reizt mich nicht mehr. Meine Message hat sich deswegen aber nicht verändert. Ich will nach wie vor die Welt verbessern, einfach gesagt. Aber ich versuche die Leute jetzt eher mit Emotionen abzuholen und weniger mit Politik.

Ganz unpolitisch bist du ja nicht geworden. In Gift zum Beispiel zitierst du Bertolt Brecht, wenn du singst: «Wenn Unrecht zu recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.»

In diesem Lied geht es um die Angst vor dem Fremden, die vielerorts geschürt wird. In den Medien, am Stammtisch und mittlerweile sogar von Künstlern wie Gölä. Dagegen will ich ankämpfen, deshalb heisst es im Refrain: «Los dich ned la vergifte!»

 

Ein guter Ansatz. Hast du noch andere?

Am besten ist es wohl, wenn man selber Teil dessen wird, was man vertritt: dass man seinen Worten auch Taten folgen lässt. Ich will aber niemandem vorschreiben, wie er oder sie zu kämpfen hat. Es gibt verschiedene Wege und alle haben ihre Berechtigung.

In Was Wenn Wo geht es um unsere Multioptionsgesellschaft, ums Reisen und den Drang immer noch mehr zu erleben. Eine Form von Selbstkritik? Schliesslich bist du selber auch schon weit herumgekommen…

Sicher. Und auch ironisch gemeint. Wir alle leiden an der Sucht, immer noch eine bessere Option zu suchen. Das zeigt sich zum Beispiel auch in Beziehungen: Viele haben Angst sich zu binden, weil sie denken, dass irgendwo noch jemand «besseres» wartet. Dabei müssten wir doch einfach einmal zufrieden sein, mit dem was wir machen und haben. Das ist für mich der Schlüssel für ein friedliches Miteinander!

Die Songs auf dem neuen Album hast du in Mexiko und Guatemala geschrieben, zwischen Surfen und Hängematte. Wie ging es danach weiter mit der Produktion?

Ich hatte weder Computer noch Internet, darum hatte ich das meiste nur im Kopf gespeichert. Als ich wieder zuhause war, habe ich die Songs dann gleich vorproduziert, ganz rudimentär, und bin damit zu meinem Produzenten Loopsided ins Studio, wo ich schon das letzte Album produziert habe. Zusammen haben wir die Songs dann ausgearbeitet und aufgenommen und parallel dazu auch die Parts mit unserer 12-köpfigen Band, TheMighty Roots, eingespielt. Die Features kamen zuletzt – und ganz am Schluss die Videos.

Die Videos: wichtig oder ein notwendiges Übel zur besseren Vermarktung?

Videos gehören mit zu den wichtigsten Promo-Tools, das ist so. Man erreicht die Leute einfach besser damit. Und man will ja auch ein ansprechendes Gesamtpaket bieten. Ich mache Videos nicht ungern, im Gegenteil, aber die Live-Auftritte stehen für mich ganz klar an erster Stelle.

 

CD’s und Musik: collieherb.ch

Die Meis­te­rin der Bei­läu­fig­keit

Ei­gent­lich woll­te Zsuz­san­na Gah­se kei­ne Bü­cher mehr schrei­ben. Nun hat sie mit An­ge­rich­tet ihr Werk doch noch ein­mal er­wei­tert. Ih­re Spra­che dar­in bleibt neu­gie­rig, hu­mor­voll und spie­le­risch. Und wirkt fast wie ein Kom­men­tar zum ei­ge­nen li­te­ra­ri­schen Schaf­fen.

Von Michael Lünstroth,
226736

Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel

Ana­ly­se des müt­ter­li­chen Wahn­sinns

Von Veronika Fischer,

Zwi­schen Ruhm und Knast

Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

Von Peter Surber,
01 Jakob Stutz 11 cut

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
DSC02464

Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
IMG 1890 2

«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller