Saiten: Zwei Jahre hast du an Eigentlich Normal, deinem jüngsten Werk, gearbeitet. Ist es das versprochene «Masterpiece» geworden?
Flows Powers: Es ist sehr gelungen, aber das habe ich schon von Anfang an gewusst. Vor allem konzeptionell ist es besser als meine vorherigen Alben.
Was ist die Message von Eigentlich Normal?
Schwer zu sagen. Ich hatte schon immer ein ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis, egal bei welchem Thema. Und ich gehe halt grundsätzlich davon aus, dass alles, was ich denke und tue, interessant ist für die Leute.
In deinen Tracks wird ständig gewichst, schon 2011 in Youpornstyle war das so. Was hat es damit auf sich?
90 bis 95 Prozent aller Männer sind chronische Wichser, behaupte ich. Ich sowieso. Über Selbstbefriedigung wird vielleicht unter Kollegen ab und zu gewitzelt, aber für die Gesellschaft ist es doch eher ein Tabuthema. Heutzutage wollen sich alle gegenseitig überbieten – noch mehr Blut, noch mehr Scheisse, noch mehr Gewalt. Mit dem Wichsen habe ich etwas gewählt, das eigentlich alltäglich ist, etwas das alle machen, aber über das niemand öffentlich reden will.
Unter Rappern gehört es ja quasi zum guten Ton, seiner Hood einen Track zu widmen. Soll St.Gallenfornia City die neue «Hymne an die Gallusstadt» sein?
Nicht unbedingt. Jedenfalls wollte ich keinen übertriebenen Gangster-Track machen, auch wenn der Beat in diese Richtung geht. Es sollte «real» sein. Inhaltlich geht es vor allem um persönliche Geschichten und Probleme aus meinem Umfeld, nicht um die Stadt an sich.
Sag, wie seid ihr aufs Rathausdach gekommen?
Flows Powers hat natürlich Connections bis ganz weit hinauf! Nein, ernsthaft: Ein Kumpel von uns kennt den Hausmeister dort. Wir haben ihm den Track gezeigt und von unserem Vorhaben erzählt – ihm hats gefallen und so konnten wir auf dem Dach filmen. Um ganz oben zu drehen, mussten wir allerdings warten, bis der Hauswart Pause gemacht hat, hehe…
Was den Flow angeht, hatte ich noch ziemlich Mühe mit Youpornstyle. Jetzt, muss ich zugeben, klingst du ganz annehmbar, auch wenn es noch Verbesserungspotenzial gibt…
Für mich war schon immer klar, dass ich der beste Rapper aller Zeiten bin, darum kann ich mit dieser Kritik ganz gut leben. Aber selbstverständlich muss auch ein Genie wie ich an seiner Technik arbeiten – was ich auch getan habe in den letzten Jahren. Mein Bruder und Sean Ferrari, der meine Beats gemacht hat, haben mir sehr geholfen dabei. Heute rappe ich total «on point». Meistens jedenfalls. Abgesehen davon: Wenn man sich die Schweiz anschaut, könnte ich auch halb so gut rappen und ich wär noch der beste.
Du sagst, dir seien die Texte wichtig. Nebst recht lustigem Zeugs rappst du aber auch oft von «Hurensöhnen», nennst sie «behindert» oder «schwul» – wie das leider so ist im Battle- und Freestylerap. Noch nie auf die Idee gekommen, dass das eigentlich «voll 90ies» ist und man auch etwas unternehmen könnte gegen Sexismus und Homophobie im Rap?
Ich orientiere mich nunmal am Strassenrap der 90er-Jahre, weil mir diese Ära am meisten zusagt. Ich mag es, wenn Rap extrem direkt, extrem ignorant und klar humoristisch ist. Eigentlich müsste ich mich als «Slim Shady für Arme» bezeichnen…
Aber dir ist schon bewusst, dass sich Frauen, Queers und Menschen mit Handicap von dir diskriminiert fühlen könnten, oder?
Schon, aber für mich gehört das einfach zum Rap. Selbst die grössten Conscious-Rapper in Amerika haben «Bitches» und «Hoes» in ihrem Vokabular, und von der homophoben Reggae- und Dancehall-Szene will ich gar nicht erst anfangen.
Man könnte sich ja auch kreativere Beleidigungen einfallen lassen. Oder einen Track machen, der zwar nach Sexismus tönt, aber genau aufs Gegenteil abzielt, so wie Edgar Wasser zum Beispiel…
Bei mir ist nicht alles so überironisch wie bei Edgar Wasser. Zweitens gehe ich davon aus, dass die Leute wissen, wie Rap funktioniert und nicht alles wörtlich nehmen. Selbstverständlich habe ich nichts gegen Homosexuelle und natürlich sind Frauen nicht grundsätzlich «Bitches» für mich. Wer mich kennt, weiss das auch. Abgesehen davon, habe ich diese ständige Political Correctness immer und überall langsam satt.
Wieso rappst du nicht über relevantere Themen, wo du doch auch mit Schlagworten à la Bankensystem, Kapitalismus oder Kriegstreiberei hantierst?
Manchmal dreht sich alles, so viel habe ich in meinem Kopf. Aber die politischen Themen sind meistens so komplex, dass es verdammt schwer ist, nicht auf der Propaganda-Schiene zu landen. Und ich will ja weder dogmatisch sein noch Halbwahrheiten verbreiten…
Aber «lasst endlich niemanden mehr sterben auf dem Mittelmeer» wäre ja keine wahnsinnig komplexe Message…
Schon klar, aber die Zusammenhänge sind es trotzdem. Ich bin kein Fachmann für weltpolitische Fragen. Wenn ich in Zukunft ernstere Tracks mache – und das habe ich definitiv vor –, werde ich eher über Alltägliches rappen; zum Beispiel über psychische Probleme in meinem Bekanntenkreis, über Liebeskummer, Leistungsdruck und solche Sachen.
Zurück zur Political Correctness: Was nervt dich daran?
Egal von welcher Seite eine Meinung kommt heutzutage, es hat immer etwas Diktatorisches, sei sie nun kapitalistisch oder sozialistisch. Dazwischen gibt es irgendwie nichts mehr, habe ich das Gefühl. Mir geht es um Meinungsfreiheit: Die soll so gross wie möglich bleiben, auch wenn es Leute betrifft, die absoluten Bullshit erzählen.
Du spielst auch gerne mit dem Stereotyp des Verschwörungstheoretikers. Wie ernst ist das gemeint?
Früher war ich schlimmer. Angefangen hat es mit Zeitgeist und so. Mittlerweile bin ich wieder etwas davon weggekommen, glaube aber nach wie vor noch nicht alles, was uns die Medien, Konzerne und Regierungen weismachen wollen. Das heisst nicht, dass ich grundsätzlich alles anzweifle, nur dass ich glaube, dass es auch alternative Blickwinkel gibt.
Erzähl noch, was es mit dieser Stalking-Geschichte um Dominique Rinderknecht auf sich hat.
Zuerst mal: Jede prominente Frau hat einen Stalker verdient! Ich kannte Dominique vom «Blick» und fand sie hübsch. Eines Tages habe ich ihr auf die Facebook-Pinnwand geschrieben, dass ich sie verehre, dass ihre Kulleraugen in meine Seele blicken und dass ich ihren «von sportlicher Ertüchtigung gestrafften Köper» anhimmle. Dann schlug ich ihr vor, eine Pro-und-Contra-Liste für mich und ihren Freund zu machen, damit ihr klar wird, dass sie ihn verlassen soll für mich. Darauf reagiert hat sie nie. Als ich einige Zeit später einen Post von ihr likte, mit einem «Schwanz-hoch» statt mit einem «Daumen-hoch», hat sie mich leider gesperrt. Da wurde mir klar: Diese Frau braucht einen Lovesong.
Daraufhin titelte ein gewisses Gratisblatt: «Dominique Rinderknecht wird gestalkt»…
Mein Song ist ein Mariah Carey-Cover. Unter anderem erzähle ich darin von meinem Plan, Dominiques Freund umzubringen. Irgendwann – lange nachdem ich den Song auf YouTube gestellt hatte – wurde ich von «20Minuten» St.Gallen kontaktiert. Die Journalistin sprach mit mir über das neue Album und hat die Rinderknecht-Sache nur beiläufig erwähnt. Sie war ziemlich cool drauf. Einige Stunden später rief sie mich an und sagte, dass sich «20Minuten» Zürich den Bericht unter den Nagel gerissen habe. Zuerst hoffte ich auf eine schöne «Skandal-Rapper-Geschichte», doch am Schluss wurde nichtmal mehr mein Name erwähnt. Stellung nehmen konnte ich dazu auch nicht, obwohl mir das ursprünglich zugesagt wurde.
Darum auch die ständigen Seitenhiebe an die Adresse der Medien?
Die Redakteure wussten, dass ich ein Künstler bin, der gerne spielt mit solchen Themen. Doch «20Minuten» hat die Geschichte ausgeschlachtet und für Propagandazwecke benutzt: «Wir brauchen härtere Gesetze!», war der Tenor – «Kuscheljustiz!» und so weiter… Das ist das Bösartige an den Medien: Sie haben mich verstanden, aber absichtlich Mist verbreitet. Sowas schockiert mich.
Artwork: Mario Miles
Flows Powers: Eigentlich Normal, 2016. Erhältlich via igroove, flowspowers.ch
Plattentaufe: irgendwann im Herbst, vermutlich in der Grabenhalle St.Gallen.
Mehr zu Homophobie im Rap: hier.
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