«S’isch langsam zit, mer söted üs glaubi bewege, ab i di nöchscht Stadt, denn i gseh scho blaui Kollege», rappt Khaled Aissaoui alias D.Ü.V. alias E.S.I.K., als ich am 11. September gegen 14 Uhr in Basel zu den üblichen Verdächtigen stosse. Damit sind nicht die beiden Quöllfrischs in meiner Hand gemeint, sondern die blau beuniformten Freunde und Helfer aka Cops, die das Treiben auf der Claramatte bereits seit einigen Minuten aus sicherer Distanz beobachten.
Zu sehen ist folgendes: ein Typ im orangen Overall, rappend im schalgrünen Pavillon, daneben ein gispliger Backup-MC, dahinter die Band, ein Drummer, ein lockenköpfiger Pianist und ein volltätowierter Bassist. Drumherum: Kinder, Randständige, betreute Rollstuhlgängige. Applaus und gute Stimmung. Und der beste Groupie-Talk ever: «Hast du gesehen, er hat mich angerappt!» Und die andere so: «Die Zugabe haben sie aber nur wegen mir gemacht, weil ich so fest geklatscht habe.»
Zeigfinger, mei mei!
Die Polizisten können dem unangemeldeten Platzkonzert nicht so viel abgewinnen wie die zwei Frauen. Immerhin, statt einzugreifen warten sie mit ihrer Standpauke bis nach dem letzten Stück: Bewilligungs-Blabla. Zeigfinger, mei, mei. «Wir werden Sie im Auge behalten»-Sätze.
Alles halb so schlimm, schliesslich wartet bereits die sechste Stadt, Lozärn, auf die üblichen Verdächtigen. Die sind wenigstens wieder wach nach dem kurzen Intermezzo mit der Kleinbasler Streife. Okay, halbwegs. Aber Basel ist auch bereits ihre fünfte Station und langsam aber sicher geht ihnen die Tour ziemlich an die Substanz.
Angefangen haben die neun St.Galler nämlich in Genf, um sieben Uhr morgens – nachdem ihr Chauffeur Nigel den streikenden Generator endlich zum Laufen gebracht hat. Abgesehen von dieser Panne zum Auftakt verlief bisher aber alles reibungslos. Nach Genf knöpften sie sich Lausanne vor, dann kamen Bern, Biel und am Nachmittag eben Basel.
Zum Znüni in Lausanne: die üblichen Verdächtigen.
Der Ablauf ist immer etwa derselbe: zehn Minuten ausladen, zwölf Minuten spielen, zehn Minuten einladen. Erst auf der Weiterfahrt nach Luzern zeigt sich, was es alles so braucht für ein derartiges Unterfangen: Iklemmti, Couscous, Rüeblitorte, Algifor, Bierkühler. Eine gute Seele (Samira Lutz), einen Pedell (Nigel Wood), einen Kameramann (Martin Wohlgensinger), eine Tontechnikerin (Claudia Frey) und natürlich Smartphones respektive genügend Akku für die Live-Berichterstattung vom Roadtrip.
Die D.Ü.V.-Crew ist in der Tat bestens vorbereitet. Sehr schweizerisch. Fleischgewordene Funktionskleidung quasi. Deshalb ist es auch keine Überraschung, dass die hellblauen Riesenschirme fast schneller aufgestellt sind, als die Wolken über Luzern platzen können. Statt Läbä und läbä loh, Track Nummer drei auf der EP, heisst es nun wohl oder übel: Rägnä und rägnä loh.
Platz(Regen)konzert
«Nachdenken statt vor sich hin leben»
Zwei Jahre haben E.S.I.K. und Ham-E (Simon Hämmerli) an ihrer EP gearbeitet. In Läbä und läbä loh geht es, wie der Titel schon sagt, um Toleranz. Oder besser: um Grossmut. In diesem Track habe er die gesellschafts- und sozialkritischen Gedanken verpackt, sagt E.S.I.K.. «Eigentlich ist es eine Aufzählung von Dingen, die in meinen Augen schief laufen. Manches spreche ich explizit an, anderes nur zwischen den Zeilen.» Er wünscht sich, dass man beim Hören «beginnt nachzudenken, statt nur vor sich hinzuleben».
Die anderen Tracks auf Schuldig und verdächtig sind unpolitischer, doch nicht minder hörenswert. Im Opener beispielsweise hat Ham-E ein Sample der Jazzrocker von Blood, Sweat & Tears (I can’t quit her) als Basis verwendet und mit Cuts von Nas (It ain’t hard to tell), Guru (Conflict) und anderen Rap-Vätern gepimpt. Ein vielversprechender Einstieg.
Nummer zwei war namensgebend für die EP und erinnert an die Battles der alten Schule. Der Beat kommt düster daher, hat was von einem irren Bienenschwarm. Chali 2na (J5) und Big L bereiten den Boden für die Raps von, Achtung: Guilty Simpson. Schick, dass E.S.I.K. den Rapper aus Detroit – ein früherer Weggefährte J Dillas, möge auch er in Frieden ruhen – für dieses Feature gewinnen konnte.
Hier das Resultat:
Nun zur guten Laune: Jänu ist recht witzig. Weil E.S.I.K. und Ölsen (MC Olio von Seaside) über alte Zeiten rappen, über abverheite Tattoos und Handys, die ins Klo fallen. Oder Grüänä Helm, E.S.I.K.’s Hommage an Shiva Sativa, Bobbies & Bubblegum – «sticky Stuff» halt (siehe Saiten im September 2014). Hat Ohrwurmqualitäten.
Und dann ist da noch Niä älai, mein persönlicher Favorit. Nicht nur, weil Ham-E Foreigners Schnulze I Want To Know What Love Is in die einzig hörbare Form bringt, sondern vor allem wegen der Raps: Es geht um verschiedene Facetten der Persönlichkeit. Um diese auszudrücken nutzt E.S.I.K verschiedene Techniken, Stimmlagen und – als in Lausanne Geborener mit algerischen Wurzeln – zum Glück auch Sprachen.
Ham-E & E.S.I.K.: Schuldig und verdächtig, schuldigundverdächtig.ch
Weitere Konzerte: Samstag, 24. Oktober: Grabenhalle St.Gallen Freitag, 6. November, Kaff Frauenfeld
Von den französischen Parts hätte die EP locker noch mehr vertragen. Dass diese tipptopp flowen, war abzusehen. Auf Deutsch war das bisher nicht nur der Fall.
Umso schöner ist es zu hören, dass der 40-Jährige in den letzten Jahren offenbar fleissig am Ostschweizer-Flow gefeilt hat. Das Eis für jene, die gern betonen, dass E.S.I.K. zwar ein guter DJ, aber kein guter Rapper sei, ist jedenfalls mehr als dünn geworden.
Hochform bei HUM-Records
Wie Schuldig und verdächtig mit Live-Band tönt? Ziemlich verhebig. Gerade wenn man bedenkt, dass die üblichen Verdächtigen (Thiemo Legatis am Schlagzeug, Kenneth Müller am Bass, Mark Lowe am Keyboard und Francis Knight als Backup- MC) auf ihrer Tour de Suisse kein 50’000-fränkiges Bühnenequipment zur Verfügung haben, sondern nur einen Verstärker, zwei Boxen und einen Mini-Mischer.
Gast-MC in Tsüri: MC Zitrone (links)
In Zürich, auf dem Vorplatz von HUM-Records, jenem einschlägigen Fachgeschäft, das vom Exil-Ostschweizer und regelmässigen Gast an der Rap-History, DJ Reezm, mitbetrieben wird, läuft die D.Ü.V.-Crew jedenfalls zu Hochform auf. Vielleicht liegt es daran, dass endlich auch DJ Ham-E dazugestossen ist. Vielleicht liegts auch an Fab und MC Zitrone, die sich spontan zum Beatboxen bzw. Freestylen hinreissen lassen. Oder an der leicht södrigen Stimmung vorhin im Bus von Lozärn nach Tsüri und dem anschliessenden Knatsch beim Einparken, wer weiss das schon. Aber das Platzkonzert ist definitiv nice.
Und sonst so?
The Four Owls & DJ Madnice: Freitag, 25. September, Gare de Lion, Wil
Rap History 2013: Samstag, 26. September, 22 Uhr, Palace St.Gallen
Snowgoons, Projekt Gummizelle & Raboose: Samstag, 26. September, 22 Uhr, Grabenhalle St.Gallen
Freestyle-Bar mit Johnny Crash Beatz: Donnerstag, 1. Oktober, im Flon St.Gallen
UpTownRaps präsentiert Heaven in Hell: Freitag, 23. Oktober, Tankstell St.Gallen
Rap History 2014: Samstag, 24. Oktober, Palace St.Gallen
An der siebten Station ist aus dem anfangs «nur» eingespielten Team also eine eingeschworene Gang geworden. Nach all den Strapazen. Vielleicht gerade wegen der Strapazen. Da ist es auch nicht weiter beschämend, dass Winti, die achte Station, nur im Vorbeifahren berappt und dem schönen Wil nur ein husches Stelldichein mit der Ortstafel gegönnt wird. Ausserdem ist es schon kurz nach neun.
Als die Gang glücklich, aber gebodigt dort ankommt, gibts erstmal ein kühles Grosses. Danach ein wenig Freizeit, oder einen kurzen Plausch mit Kool Savas, der nebenan im Kugl gastiert, und gegen Mitternacht das zehnte und allerletzte Live-Konzert an diesem Tag. Mit Lokalsupport.
Es geht was im Business , so scheint es. Die D.Ü.V.- Tour samt Drumherum bleibt jedenfalls in recht wohliger Erinnerung. Was man von der schäbigen Soundanlage im Flon nicht behaupten kann. Aber das wäre ein anderes, ein eigenes Thema.
Zufrieden und gebodigt: die D.Ü.V-Gang bei der Ankunft im Flon.
Bilder: Samira Lutz, Claudia Frey, pd Dieser Text erschein im Oktoberheft von Saiten.
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