Kategorie
Autor:innen
Jahr

Bewegt euch!

Die «Aktion Rotes Herz» von 1969 an der St.Galler Kanti wirft fast ein halbes Jahrhundert später nochmals Wellen. Dabei geht es auch um die Frage, in wessen Geist Geschichte geschrieben wird.
Von  Michael Felix Grieder
Was damals «vergammelt» und «verwildert» genannt wurde, würde heute als Anzug durchgehen.

Interessierte unterschiedlichster Altersgruppen brachte der Gedenkanlass zur fünfzig Jahre alten politischen Liebesgeschichte am Montagabend im Raum für Literatur zusammen: ehemalige Beteiligte und Solidarische, Historiker, Lehrerinnen und Lehrer.

Äusserer Anlass war die Aufarbeitung des Themas im Neujahrsblatt des historischen Vereins; darin wurde auf «Geschichtsklitterung» in den beiden bisherigen Darstellungen der Ereignisse aufmerksam gemacht. Kann der Bericht des damaligen Rektors Paulfritz Kellenberger aus dem Jahre 1981 noch durch «Befangenheit» und «zeitliche Nähe» entschuldigt werden, entpuppte sich ein weiterer Text von 2006 gar als Plagiat. Dessen Autor Daniel Baumann hat seinen Beitrag in der Jubiläumsschrift Die Kantonsschule am Burggraben St.Gallen: 1856-2006 vor kurzem widerrufen: Es fehle darin die «Aufarbeitung der 2006 zur Verfügung stehenden Quellenlage». Er sei nicht stolz auf seinen Beitrag, entschuldige sich bei den Betroffenen und bitte «historisch Interessierte oder Forschende», den «Text in Zukunft nicht mehr als historischen Referenztext zu betrachten», schreibt der Historiker.

Angst vor «sexueller Verwilderung»

Die Aktion Rotes Herz:
ein Ereignis zwischen Dezember 1969 und Februar 1970, welches der Kanti Burggraben nationale und internationale Presse bescherte. Eine Liebesgeschichte hatte den Ausschluss einer Schülerin und eines Schülers zur Folge, ein weiterer kam mit Ultimatum davon. Neun Schülerinnen und Schüler solidarisierten sich mit auf einem Flugblatt mit der «Aktion Rotes Herz» und liefen so ihrerseits in Gefahr, von der Schule gewiesen zu werden, was der Erziehungsrat schliesslich verhinderte. Das Ereignis hatte grosse Symbolkraft: HSG-Studenten, darunter der spätere Tagesanzeiger-Chef Res Strehle, engagierten sich in Form von Teach-In’s, der Schriftsteller Adolf Muschg erklärte seine Solidarität in einem offenen Brief. Andere, darunter Konrad Hummler, damals seinerseits Gymeler, fanden es stattdessen wichtig, sich gegen solche Linksextremisten zu empören.

Historischer Verein des Kantons St.Gallen [Hg.]: 156. Neujahrsblatt – Neue soziale Bewegungen in der Ostschweiz, Toggenburger Verlag 2016

Verantwortlich für die Neubeurteilung ist neben den «Neujahrsblatt»-Autoren Johannes Huber und Ralph Hug insbesondere der vermeintliche «Rädelsführer» der Aktion Rotes Herz, Matthias Federer. Er hat länger nicht mehr an seine Schulzeit zurückgedacht, nun aber seit vergangenem Winter täglich, sagte er. Was den Rektor damals befürchten liess, die Schule würde zu einem «Freudenhaus» durch die zu unterbindende «sexuelle Verwilderung», war für die Beteiligten, die über solche Einschätzungen heute auflachen, damals Grund, einiges zu riskieren. Wenn auch einer mit zugeknöpftem Hemd in der Diskussion das Ganze im Rückblick nicht mehr unbedingt als politische Aktion verstehen will, so sind andere heute noch wütend über die Heuchelei von Lehrern, die einerseits Schülerinnen «ziemlich nahe» kamen, sich andererseits gegen eine «neue Moral» wehrten.
Klar war damals für alle, das man etwas tun muss – und sie sehen das heute noch so.

Liebe als subversive Kraft, von den einen mit revolutionärer Geste propagiert, von den anderen gefürchtet und repressiv bekämpft: Man kann sich das heute kaum mehr vorstellen. Niemand wird mehr von einer Schule geworfen, weil er mal geknutscht hat. Der einstige Staatsfeind Haschisch wurde inzwischen ausgerechnet in US-amerikanischen Staaten legalisiert, und «die Kommunisten» bekämpft auch keiner mehr. Jedoch interessieren die ’68er-Jahre noch immer: primär aus historischen Gründen, denn von den Auswirkungen dieser Umbrüche profitieren wir seither in diversen Lebensbereichen. Doch Geschichte zu schreiben, bedeutet darüber hinaus immer auch, in gewisser Weise die Gegenwart zu schreiben.

Fragen zum Widerstand heute

Wie man den Vorfall (Liebe) und die Solidaritätsbewegung (für Liebe, gegen Repression) fünfzig Jahre später einordnet, zeigt auf, was wir in unserer Gegenwart als normal definieren wollen, was wir kritisch beäugen und diskutieren und was wir ignorieren. Dabei geht es weniger darum, wie Moderator Johannes Huber vorschlägt, heutige Handy-Verbote auf Pausenplätzen mit der Situation von 1969 an der Kanti Burggraben (Repression gegen Freundschaften, Flugblätter, Schülerzeitungen uvm.) zu vergleichen. Es könnte aber darum gehen, sich generell über Widerständiges der Jetztzeit Gedanken zu machen, an inklusiven und gemeinsamen Ebenen zu arbeiten, welche den historischen Herausforderungen der Gegenwart etwas entgegensetzen können.

Die 68erInnen sind nicht mehr die jüngsten, zumindest physisch, doch deren Esprit muss man teilweise noch immer beneiden. Es ist diese Generation, welche für uns alle mit der weit über hundert Jahre alten Disziplinargesellschaft gebrochen hat. Die beiden Liebenden hätten ganz im Sinne der Theorie gehandelt, kann man in einer Verteidigungsschrift lesen, und beklagen darum das fehlende Verständnis. Die Geschichte hätte zwar alles, um als beklemmende Homestory rezipiert zu werden, doch nicht mit ’68, denn: Liebe ist politisch, punkt.

Dass das kein abwegiger Gedanke ist, hat der junge kroatische Philosoph Srećko Horvat anhand Che Guevara (seriously!) in seinem feinen Büchlein Die Radikalität der Liebe dargelegt. Nützlich ist es sicher, die (philosophische) Differenz von Liebe und Korruption zu bedenken, welche Michael Hardt und Toni Negri vorschlagen: Dies ist eine politische Differenz, welche ermöglicht, die Liebe zu Institutionen (Ehe, Vaterland, etc.) von einer anderen Liebe zu unterscheiden, welche man emanzipatorisch nennen könnte. Vorbei ist die Geschichte nicht.

bildschirmfoto-2016-09-13-um-20-03-00

Der 2013 mit 96 Jahren verstorbene Résistance-Kämpfer Stéphane Hessel hat mit «Indignez-vous!» ein widerständisches Vermächtnis seiner Generation hinterlassen. Das revolutionäre Vermächtnis der Generation ’68 lautet nicht mehr «empört euch!», sondern einfach: «bewegt euch!». Schliesslich mache dies auch Spass, wie sich Matthias Federer erinnert.

Der einst von der Schulleitung Gefürchtete ist Kinder- und Jugendpsychologe geworden. Er fasst diese Erkenntnis in seinem Schlusswort in klare Worte: «Sich bewegen tut gut, und zwar in jeder Beziehung. Als Psychologe und Psychotherapeut weiss ich folgendes: Das A und O, um aus der Depression herauszukommen, ist: Man muss sich bewegen! Merkt man, dass ein Vortrag, ein Referat oder eine Schulstunde langsam langweilig wird, stelle man eine Frage oder mache eine kritische Bemerkung, und schon ist man für eine halbe Stunde ‹tagwach›. Und das gilt meiner Meinung nach im übertragenen Sinn genauso, für das Gesellschaftliche – dass wir uns damals bewegt haben, hat uns aufgeweckt, wir waren nachher in einem anderen Verhältnis zum Zeitgeschehen, als wenn wir nichts getan hätten. Dies wäre die Message, welche man an SchülerInnen heute weitergeben könnte».

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Mu­si­ka­li­sches Fest zum 150.

Die Ton­hal­le Wil wur­de 1876 er­öff­net. Seit­her be­rei­chert sie prak­tisch un­un­ter­bro­chen das kul­tu­rel­le Le­ben der Äb­te­stadt. An den kom­men­den zwei Wo­chen­en­den wird ge­fei­ert.

Von  Roman Hertler
DSC2639

Lau­te Ein­sam­keit

Jo­nas Ul­rich taucht mit sei­nem ers­ten Spiel­film in die Black-Me­tal-Welt ab. Wol­ves ist ei­ne bild­star­ke Ge­schich­te über Ein­sam­keit und das Da­zu­ge­hö­ren, vol­ler Ge­gen­sät­ze und mit et­was holp­ri­gen Dia­lo­gen.

Von  Daria Frick
001 wolves

Das Ge­dächt­nis der Zu­kunft

St.Gal­len be­wahrt nicht mehr nur 1000-jäh­ri­ge Hand­schrif­ten. Mit dem In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land ent­steht hier ein Ar­chiv für Web­sei­ten, künst­li­che In­tel­li­genz und das di­gi­ta­le Ge­dächt­nis der Zu­kunft.

Von  Philipp Bürkler
2606 Internet Archive 01
Heftvorschau 06/26
archive.org, Generalverdacht, 80er-Aufbruch

Mit In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land ent­steht in St.Gal­len ein Ab­le­ger des gröss­ten Ar­chivs für Web­si­ten und Künst­li­che In­tel­li­genz welt­weit. Aus­ser­dem im Ju­ni­heft: Män­ner un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht, das gros­se St.Gal­ler 80er-Buch, das Ab­schieds­in­ter­view mit dem lang­jäh­ri­gen Kel­ler­büh­nen­chef und die Fla­schen­post aus Ve­ne­dig.

Saiten 2606 01 Cover

«Han­deln wi­der bes­se­res Wis­sen ist wie­der po­pu­lär»

Der WWF St.Gal­len wird 50 Jah­re alt. Sein Ge­schäfts­lei­ter Lu­kas In­der­maur zieht bei der Be­ur­tei­lung der ak­tu­el­len Si­tua­ti­on von Na­tur und Um­welt ei­ne durch­zo­ge­ne Bi­lanz.

Von  Reto Voneschen
2605 Redeplatz Lukas Indermaur

Freu­de am Ma­chen

«Urs Frei. A – Z» im Kunst­mu­se­um St. Gal­len ist die ers­te Re­tro­spek­ti­ve zum aus­ser­or­dent­li­chen Schaf­fen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Ar­bei­ten ge­ben Ein­blick in ein Werk, das kaum zu fas­sen ist. Das ge­hört zu sei­ner Qua­li­tät.

Von  Ursula Badrutt
Urs frei online

Ideen für die Zu­kunft

Wie wol­len wir künf­tig le­ben und un­se­re Nah­rungs­mit­tel pro­du­zie­ren? Die Aus­stel­lung «How goes To­mor­row» der Ost­schwei­zer Künst­le­rin Clau­de Büh­ler in der Shed­hal­le in Frau­en­feld sen­si­bi­li­siert für nach­hal­ti­ge Hand­lungs­stra­te­gien. 

Von  Vera Zatti
IMG 9114

Vom Un­glück der Frau, die ihn ge­bo­ren hat

«Das Kind zu­rück­las­sen? Wie kann man so dumm und herz­los sein», schreibt der Schwei­zer Au­tor Lu­kas Bär­fuss über sei­ne Mut­ter, die kei­ne Mut­ter für ihn sein konn­te. In sei­nem neu­en Buch schaut er in die Ver­gan­gen­heit und hat Ver­ständ­nis, nicht für die Mut­ter, aber doch für die­se Frau, die nie Glück und im­mer zu we­nig Geld hat­te.

Von  Sieglinde Wöhrer
Jhqzg1tg 1 1 Stefano de Marchi

Lau­sanne-Ouchy vs. FCSG – St. Gal­len ist end­lich Cup­sie­ger!

Gaal, Gört­ler und Wit­zig schies­sen St. Gal­len zum lang­ersehn­ten Cup­sieg!

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bis­se am Bo­den­see­ufer

Die Me­di­ka­men­ten­ver­su­che von Müns­ter­lin­gen als Teil ei­nes Vam­pir-Mu­si­cals? Auf die Idee muss man erst ein­mal kom­men. Die Büh­ne Mam­mern wagt den Ver­such. Ab 29. Mai im Zir­kus­zelt.

Von  Michael Lünstroth
Cast landscape

Zwi­schen Gleis, Ge­gen­wart und Ge­sell­schaft

Die dies­jäh­ri­ge Kul­tur­lands­ge­mein­de fin­det ent­lang der Bahn­li­nie zwi­schen Gos­sau und Was­ser­au­en statt. Es ist ein in­ter­dis­zi­pli­nä­res Ex­pe­ri­m­ent­zwi­schen Kunst, Ge­sell­schaft und Ak­ti­vis­mus. Aus­ser­dem stellt die Kul­tur­lands­ge­mein­de künst­le­risch und or­ga­ni­sa­to­risch die Wei­chen für die Zu­kunft.

Von  Philipp Bürkler
KULA Vorstand Oleksandra Tsapko

Ein Fes­ti­val für Punk­rock

Am Sams­tag fin­det in St.Gal­len erst­mals das Punk­fes­ti­val El Car­tel statt. Es soll da­zu bei­tra­gen, die Sze­ne zu stär­ken. Da­bei fehlt es ge­ra­de in St.Gal­len an Nach­wuchs.

Von  David Gadze
Yellow tales grabepunk

Wy­bora­da: Die fe­mi­nis­ti­sche Bi­blio­thek der Ost­schweiz

Seit 40 Jah­ren macht die Bi­blio­thek Wy­bora­da in St.Gal­len sicht­bar, was lan­ge fehl­te: Li­te­ra­tur von und über Frau­en. Heu­te sind Au­torin­nen und fe­mi­nis­ti­sche The­men zwar stär­ker prä­sent in der Öf­fent­lich­keit, doch die Re­le­vanz der Bi­blio­thek ist nach wie vor gross.

Von  Marion Loher
2605 Wyborada Laura Tura room

Or­ches­trier­ter An­griff ge­gen ex­ter­nen Auf­klä­rungs­un­ter­richt 

Mit ei­ner In­ter­pel­la­ti­on grei­fen SVP und EDU im St.Gal­ler Kan­tons­rat den aus­ser­schu­li­schen Auf­klä­rungs­un­ter­richt an. Und mit Un­ter­stüt­zung des «Leh­rer­netz­werks Schweiz» wol­len El­tern aus Büt­schwil ei­ne Mit­ar­bei­te­rin der Fach­stel­le für Aids- und Se­xu­al­fra­gen vor Ge­richt brin­gen. Da­hin­ter steckt ei­ne or­ches­trier­te Ak­ti­on.

Von  René Hornung
2502 Aufklaerung Badges Inv nr 1300

Brü­cke zwi­schen mu­si­ka­li­scher und sprach­li­cher Tra­di­ti­on

«Die­ci», die ita­lie­ni­sche Zahl für zehn, ist das Mot­to des dies­jäh­ri­gen Hei­den-Fes­ti­vals. Es ver­weist da­bei nicht nur auf das Ju­bi­lä­um, son­dern auch auf ei­ne kul­tur­po­li­ti­sche Hal­tung.

Von  Lilli Kim Schreiber
Heiden Festival Nicoals Senn Tom Rigney USA

Naturmuseum Thurgau

Der Grim­bart zum An­fas­sen

Von  Vera Zatti
Dachs Illustration quer def 1

Ein Ber­ner in St.Gal­len

Das St.Gal­ler Thea­ter Trou­vail­le ent­deckt den Mu­si­ker und Ju­ris­ten Ma­ni Mat­ter neu. «’S isch ei­nisch ei­ne gsy»– 90 Jah­re Ma­ni Mat­ter ver­bin­det zahl­rei­che Lie­der und li­te­ra­ri­sche Tex­te des Ber­ners zu ei­nem abend­fül­len­den Pro­gramm. Sai­ten hat mit dem Thea­ter­lei­ter Mat­thi­as Flü­cki­ger ge­spro­chen.

Von  Vera Zatti
Mani Matter Pressefoto

Ein Kurz­trip durch Schein­wel­ten

Vier Jah­re nach ih­rem De­büt keh­ren Lev Ti­gro­vich mit ei­ner neu­en EP zu­rück. Die­se han­delt von Kon­troll­ver­lust, Il­lu­sio­nen und gros­sen Ge­füh­len – und ent­hält erst­mals ei­nen Song, der nicht auf Rus­sisch ge­sun­gen ist.

Von  David Gadze
Lev Tigrovich Press Photo 4 Lena Frei

FC St. Gal­len vs. FC Thun 1:1 – Kein Sie­ger zwi­schen den bes­ten zwei Teams der Sai­son

Im letz­ten Spiel der Sai­son trifft der FC St.Gal­len auf den neu­en Schwei­zer Meis­ter aus Thun - ei­nen Sie­ger gibt es nicht.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Phy­sik und er­schöpf­te Ma­schi­nen

Ca­li­ne Aoun in­ter­es­sie­ren die Mo­men­te der Ver­än­de­rung, die Über­gän­ge und Zu­stän­de. Ih­re Aus­stel­lung in Kunst­mu­se­um und Kunst­hal­le Ap­pen­zell wird zum En­de der sechs­mo­na­ti­gen Lauf­zeit ei­ne an­de­re sein als zu Be­ginn. 

Von  Kristin Schmidt
Kunsthalle Appenzell Caline Aoun 03 High Res RGB