Interessierte unterschiedlichster Altersgruppen brachte der Gedenkanlass zur fünfzig Jahre alten politischen Liebesgeschichte am Montagabend im Raum für Literatur zusammen: ehemalige Beteiligte und Solidarische, Historiker, Lehrerinnen und Lehrer.
Äusserer Anlass war die Aufarbeitung des Themas im Neujahrsblatt des historischen Vereins; darin wurde auf «Geschichtsklitterung» in den beiden bisherigen Darstellungen der Ereignisse aufmerksam gemacht. Kann der Bericht des damaligen Rektors Paulfritz Kellenberger aus dem Jahre 1981 noch durch «Befangenheit» und «zeitliche Nähe» entschuldigt werden, entpuppte sich ein weiterer Text von 2006 gar als Plagiat. Dessen Autor Daniel Baumann hat seinen Beitrag in der Jubiläumsschrift Die Kantonsschule am Burggraben St.Gallen: 1856-2006 vor kurzem widerrufen: Es fehle darin die «Aufarbeitung der 2006 zur Verfügung stehenden Quellenlage». Er sei nicht stolz auf seinen Beitrag, entschuldige sich bei den Betroffenen und bitte «historisch Interessierte oder Forschende», den «Text in Zukunft nicht mehr als historischen Referenztext zu betrachten», schreibt der Historiker.
Angst vor «sexueller Verwilderung»
Die Aktion Rotes Herz:ein Ereignis zwischen Dezember 1969 und Februar 1970, welches der Kanti Burggraben nationale und internationale Presse bescherte. Eine Liebesgeschichte hatte den Ausschluss einer Schülerin und eines Schülers zur Folge, ein weiterer kam mit Ultimatum davon. Neun Schülerinnen und Schüler solidarisierten sich mit auf einem Flugblatt mit der «Aktion Rotes Herz» und liefen so ihrerseits in Gefahr, von der Schule gewiesen zu werden, was der Erziehungsrat schliesslich verhinderte. Das Ereignis hatte grosse Symbolkraft: HSG-Studenten, darunter der spätere Tagesanzeiger-Chef Res Strehle, engagierten sich in Form von Teach-In’s, der Schriftsteller Adolf Muschg erklärte seine Solidarität in einem offenen Brief. Andere, darunter Konrad Hummler, damals seinerseits Gymeler, fanden es stattdessen wichtig, sich gegen solche Linksextremisten zu empören.
Historischer Verein des Kantons St.Gallen [Hg.]: 156. Neujahrsblatt – Neue soziale Bewegungen in der Ostschweiz, Toggenburger Verlag 2016
Verantwortlich für die Neubeurteilung ist neben den «Neujahrsblatt»-Autoren Johannes Huber und Ralph Hug insbesondere der vermeintliche «Rädelsführer» der Aktion Rotes Herz, Matthias Federer. Er hat länger nicht mehr an seine Schulzeit zurückgedacht, nun aber seit vergangenem Winter täglich, sagte er. Was den Rektor damals befürchten liess, die Schule würde zu einem «Freudenhaus» durch die zu unterbindende «sexuelle Verwilderung», war für die Beteiligten, die über solche Einschätzungen heute auflachen, damals Grund, einiges zu riskieren. Wenn auch einer mit zugeknöpftem Hemd in der Diskussion das Ganze im Rückblick nicht mehr unbedingt als politische Aktion verstehen will, so sind andere heute noch wütend über die Heuchelei von Lehrern, die einerseits Schülerinnen «ziemlich nahe» kamen, sich andererseits gegen eine «neue Moral» wehrten.Klar war damals für alle, das man etwas tun muss – und sie sehen das heute noch so.
Liebe als subversive Kraft, von den einen mit revolutionärer Geste propagiert, von den anderen gefürchtet und repressiv bekämpft: Man kann sich das heute kaum mehr vorstellen. Niemand wird mehr von einer Schule geworfen, weil er mal geknutscht hat. Der einstige Staatsfeind Haschisch wurde inzwischen ausgerechnet in US-amerikanischen Staaten legalisiert, und «die Kommunisten» bekämpft auch keiner mehr. Jedoch interessieren die ’68er-Jahre noch immer: primär aus historischen Gründen, denn von den Auswirkungen dieser Umbrüche profitieren wir seither in diversen Lebensbereichen. Doch Geschichte zu schreiben, bedeutet darüber hinaus immer auch, in gewisser Weise die Gegenwart zu schreiben.
Fragen zum Widerstand heute
Wie man den Vorfall (Liebe) und die Solidaritätsbewegung (für Liebe, gegen Repression) fünfzig Jahre später einordnet, zeigt auf, was wir in unserer Gegenwart als normal definieren wollen, was wir kritisch beäugen und diskutieren und was wir ignorieren. Dabei geht es weniger darum, wie Moderator Johannes Huber vorschlägt, heutige Handy-Verbote auf Pausenplätzen mit der Situation von 1969 an der Kanti Burggraben (Repression gegen Freundschaften, Flugblätter, Schülerzeitungen uvm.) zu vergleichen. Es könnte aber darum gehen, sich generell über Widerständiges der Jetztzeit Gedanken zu machen, an inklusiven und gemeinsamen Ebenen zu arbeiten, welche den historischen Herausforderungen der Gegenwart etwas entgegensetzen können.
Die 68erInnen sind nicht mehr die jüngsten, zumindest physisch, doch deren Esprit muss man teilweise noch immer beneiden. Es ist diese Generation, welche für uns alle mit der weit über hundert Jahre alten Disziplinargesellschaft gebrochen hat. Die beiden Liebenden hätten ganz im Sinne der Theorie gehandelt, kann man in einer Verteidigungsschrift lesen, und beklagen darum das fehlende Verständnis. Die Geschichte hätte zwar alles, um als beklemmende Homestory rezipiert zu werden, doch nicht mit ’68, denn: Liebe ist politisch, punkt.
Dass das kein abwegiger Gedanke ist, hat der junge kroatische Philosoph Srećko Horvat anhand Che Guevara (seriously!) in seinem feinen Büchlein Die Radikalität der Liebe dargelegt. Nützlich ist es sicher, die (philosophische) Differenz von Liebe und Korruption zu bedenken, welche Michael Hardt und Toni Negri vorschlagen: Dies ist eine politische Differenz, welche ermöglicht, die Liebe zu Institutionen (Ehe, Vaterland, etc.) von einer anderen Liebe zu unterscheiden, welche man emanzipatorisch nennen könnte. Vorbei ist die Geschichte nicht.
Der 2013 mit 96 Jahren verstorbene Résistance-Kämpfer Stéphane Hessel hat mit «Indignez-vous!» ein widerständisches Vermächtnis seiner Generation hinterlassen. Das revolutionäre Vermächtnis der Generation ’68 lautet nicht mehr «empört euch!», sondern einfach: «bewegt euch!». Schliesslich mache dies auch Spass, wie sich Matthias Federer erinnert.
Der einst von der Schulleitung Gefürchtete ist Kinder- und Jugendpsychologe geworden. Er fasst diese Erkenntnis in seinem Schlusswort in klare Worte: «Sich bewegen tut gut, und zwar in jeder Beziehung. Als Psychologe und Psychotherapeut weiss ich folgendes: Das A und O, um aus der Depression herauszukommen, ist: Man muss sich bewegen! Merkt man, dass ein Vortrag, ein Referat oder eine Schulstunde langsam langweilig wird, stelle man eine Frage oder mache eine kritische Bemerkung, und schon ist man für eine halbe Stunde ‹tagwach›. Und das gilt meiner Meinung nach im übertragenen Sinn genauso, für das Gesellschaftliche – dass wir uns damals bewegt haben, hat uns aufgeweckt, wir waren nachher in einem anderen Verhältnis zum Zeitgeschehen, als wenn wir nichts getan hätten. Dies wäre die Message, welche man an SchülerInnen heute weitergeben könnte».
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.