«Neujahrsblatt des Historischen Vereins des Kantons St.Gallen»: Das klingt einigermassen gemächlich. Doch die ehrwürdige Schriftenreihe hat es in sich, und diesmal besonders. Das jetzt, Mitte Jahr erst, fertiggewordene Neujahrsblatt Nummer 156 zeigt Flagge: rotes Cover, schwarzweisses Demobild (vom 1. Mai 1972, s. Bild oben), zwei stilisierte Figuren, die ein Transparent mit der Aufschrift «Aufbruch» tragen.
Transparente und Demonstrationsbilder finden sich im reich illustrierten Buch immer wieder. Sie zeugen vom Geist des Widerstands, des Protests gegen die herrschenden Verhältnisse, der ökologischen und kulturellen Selbstermächtigung: einem Geist, der – das kommt mehrfach zur Sprache – zwar spät, aber seit den Siebzigerjahren doch wirkungsvoll durch St.Gallens Gassen und Köpfe gerauscht ist.
Rot: Die Farbe der Wut
Damals… «Rote Steine», «Roter Gallus», «Aktion Rotes Herz»: Junge St.Gallerinnen und St.Galler lehnen sich in den Siebzigerjahren auf gegen die rigide Moral, den kalten Krieg, die bürgerliche Dominanz. Das Establishment schlägt zurück, exemplarisch im Fall der «Roten Herzen», als ein Schüler-Liebespaar mit Rausschmiss aus der Kantonsschule bestraft wird. Wer kurz danach dort zur Schule ging, hat sie noch im Gefühl, die auf die Rebellion folgende «Eiszeit».
Damals… In Wartensee, in der Friedensbewegung, der Liga für Menschenrechte, in Anti-AKW-Gruppen (s. dazu den Vorabdruck im Juli-August-Heft von Saiten), im WWF-Ökozentrum, in der Anti-Apartheid-Bewegung, in der HASG, mit der Gründung der Grünen Partei, im Cabi, mit Buchhandlungen von Kaktus bis Comedia oder mit dem Aufbau von Wohngenossenschaften wird an einer besseren Welt und einer solidarischen Gesellschaft gearbeitet. Beizen wie die Posthalle, der Bündnerhof, der Engel werden zu Treffpunkten.
Politisierungen vom «Hecht» bis Neuchlen
Und der Widerstand entzündet sich immer wieder neu. Gegen die Pläne einer Südumfahrung wehrt sich ein ganzes Quartier und entsteht der Picobello-Zirkus. Die Besetzung des Hotels «Hecht» wird zum Fanal für eine neue, kritische Stadtpolitik. Der Widerstand gegen den Waffenplatz Neuchlen-Anschwilen politisiert eine ganze Generation und Region. Ein AJZ gibt es (vorübergehend) auch in St.Gallen. Und rundherum tut sich ebenfalls einiges, revolutionär in Rorschach, kulturell in Wil, sozial im Linthgebiet.
«Aufbruch»: Mittwoch, 31. August, 19.30 Uhr, Raum für Literatur in der Hauptpost St.Gallen, Buchpremiere und Podium mit Arne Engeli, Esther Meier, Michael Walther, Patrick Ziltener, Moderation Marina Widmer.
«Aktion Rotes Herz – St.Gallens 68er»: Montag, 12. September, 19.30 Uhr, Raum für Literatur in der Hauptpost St.Gallen, mit Matthias Federer und weiteren Beteiligten von damals.
Damals… In 29 Beiträgen kommen all diese «Neuen sozialen Bewegungen in der Ostschweiz», wie das 200-Seiten-Buch im Untertitel heisst, zur Sprache, kundig recherchiert und plastisch nacherzählt. Die Herausgeberin Marina Widmer vom Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz hat aufgeboten, was Rang und Namen in Geschichtsschreibung und kritischem Journalismus in der Region hat. In alphabetischer Reihe: Andreas Kneubühler, Arne Engeli, Bettina Dyttrich, Christian Huber, Esther Meier, Harry Rosenbaum, Heinrich Zwicky, Iris Blum, Johannes Huber, Kaspar Surber, Marcel Elsener, Max Lemmenmeier, Michael Walther, Patrick Ziltener, Pius Frey, Ralph Hug, Rea Brändle, René Hornung, Richard Butz, Ruedi Tobler und Wolfi Steiger.
Und die Kultur?
Nichts ist, leider, vom Thurgau und aus dem Appenzellerland zu hören. Und kaum zur Sprache kommen die kulturellen Aufbrüche in der Stadt. Kunsthalle, Kinok, Grabenhalle: Das waren ihrerseits Brennpunkte und Katalysatoren des Wandels, die in eine so umfassende Rundumschau gehört hätten. Die Herausgeberin stellt in ihrer Einleitung fest, dass notgedrungen manches fehlt: neben der Kultur auch Initiativen wie der Dritte-Welt-Laden, die Gründung linker Parteien oder die Migranten-Organisationen. Während der wohl einschneidendste Aufbruch, die Frauenbewegung, bereits 2005 in einem Neujahrsblatt gewürdigt worden ist.
Damals… und heute? Wie es heute um den rot-grünen Widerstandsgeist in Stadt und Land steht, könnte anhand des Buchs wunderbar diskutiert – oder mit dem sädtischen Wahlzettel Ende September demonstriert werden…
Gelegenheit zur Debatte bietet sich an der Buchpremiere vom 31. August – eine weitere folgt am 12. September: Dann geht es an einem Podium im Raum für Literatur um die «Aktion Rotes Herz» an der Kantonsschule. Beteiligte von damals erinnern sich und diskutieren.
Es war das Jahrzehnt der Kultur: In den 80ern kam die Stadt St.Gallen zu einer Kunsthalle, einem Programmkino, der Frauenbibliothek, der Grabenhalle, genossenschaftlichen Beizen und anderem. Wie das gelang und wer die Fäden zog, zeichnen Ralph Hug und Corinne Schatz im Buch Der grosse Aufbruch nach.
Das Filmdrama Fuori erzählt ein kurzes Kapitel der aussergewöhnlichen Lebensgeschichte italienischen Schriftstellerin, Schauspielerin und Widerstandskämpferin Goliarda Sapienza.
Mit verschreckten Securitys in einer bunten Inszenierung von Angelika Zacek präsentiert das Vorarlberger Landestheater in Bregenz Shakespeares Ein Sommernachtstraum.
Die St.Galler Festspiel-Oper spielt dieses Jahr im Haus statt auf dem Klosterplatz – ein Glücksfall für Verdis Aida, die menschlich und musikalisch in die Tiefe geht. Modestas Pitrenas dirigiert ein letztes Mal, Ben Baur inszeniert bildstark.
Im Werk 2 in Arbon dreht sich derzeit alles um Mythen. «Sehnsucht Mythos. Wie Geschichten unsere Welt gestalten» ist eine ästhetische Ausstellung, die mit ihrem sehr breiten Mythosbegriff arbeitet und vielfältige Geschichten unter einem Dach vereint.
Neue Eigenproduktion
Tunneleröffnung
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.