Rote Herzen, tolle Hechte

Lange erdauert, jetzt erschienen: Heute Mittwoch wird das Buch zum politischen und kulturellen Aufbruch St.Gallens nach 1968 vorgestellt und diskutiert. Pflicht- und Lustlektüre!
Von  Peter Surber

«Neujahrsblatt des Historischen Vereins des Kantons St.Gallen»: Das klingt einigermassen gemächlich. Doch die ehrwürdige Schriftenreihe hat es in sich, und diesmal besonders. Das jetzt, Mitte Jahr erst, fertiggewordene Neujahrsblatt Nummer 156 zeigt Flagge: rotes Cover, schwarzweisses Demobild (vom 1. Mai 1972, s. Bild oben), zwei stilisierte Figuren, die ein Transparent mit der Aufschrift «Aufbruch» tragen.

Transparente und Demonstrationsbilder finden sich im reich illustrierten Buch immer wieder. Sie zeugen vom Geist des Widerstands, des Protests gegen die herrschenden Verhältnisse, der ökologischen und kulturellen Selbstermächtigung: einem Geist, der – das kommt mehrfach zur Sprache – zwar spät, aber seit den Siebzigerjahren doch wirkungsvoll durch St.Gallens Gassen und Köpfe gerauscht ist.

Rot: Die Farbe der Wut

Damals… «Rote Steine», «Roter Gallus», «Aktion Rotes Herz»: Junge St.Gallerinnen und St.Galler lehnen sich in den Siebzigerjahren auf gegen die rigide Moral, den kalten Krieg, die bürgerliche Dominanz. Das Establishment schlägt zurück, exemplarisch im Fall der «Roten Herzen», als ein Schüler-Liebespaar mit Rausschmiss aus der Kantonsschule bestraft wird. Wer kurz danach dort zur Schule ging, hat sie noch im Gefühl, die auf die Rebellion folgende «Eiszeit».

Damals… In Wartensee, in der Friedensbewegung, der Liga für Menschenrechte, in Anti-AKW-Gruppen (s. dazu den Vorabdruck im Juli-August-Heft von Saiten), im WWF-Ökozentrum, in der Anti-Apartheid-Bewegung, in der HASG, mit der Gründung der Grünen Partei, im Cabi, mit Buchhandlungen von Kaktus bis Comedia oder mit dem Aufbau von Wohngenossenschaften wird an einer besseren Welt und einer solidarischen Gesellschaft gearbeitet. Beizen wie die Posthalle, der Bündnerhof, der Engel werden zu Treffpunkten.

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Politisierungen vom «Hecht» bis Neuchlen

Und der Widerstand entzündet sich immer wieder neu. Gegen die Pläne einer Südumfahrung wehrt sich ein ganzes Quartier und entsteht der Picobello-Zirkus. Die Besetzung des Hotels «Hecht» wird zum Fanal für eine neue, kritische Stadtpolitik. Der Widerstand gegen den Waffenplatz Neuchlen-Anschwilen politisiert eine ganze Generation und Region. Ein AJZ gibt es (vorübergehend) auch in St.Gallen. Und rundherum tut sich ebenfalls einiges, revolutionär in Rorschach, kulturell  in Wil, sozial im Linthgebiet.

«Aufbruch»: Mittwoch, 31. August, 19.30 Uhr, Raum für Literatur in der Hauptpost St.Gallen, Buchpremiere und Podium mit Arne Engeli, Esther Meier, Michael Walther, Patrick Ziltener, Moderation Marina Widmer.

«Aktion Rotes Herz – St.Gallens 68er»: Montag, 12. September, 19.30 Uhr, Raum für Literatur in der Hauptpost St.Gallen, mit Matthias Federer und weiteren Beteiligten von damals.

Damals… In 29 Beiträgen kommen all diese «Neuen sozialen Bewegungen in der Ostschweiz», wie das 200-Seiten-Buch im Untertitel heisst, zur Sprache, kundig recherchiert und plastisch nacherzählt. Die Herausgeberin Marina Widmer vom Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz hat aufgeboten, was Rang und Namen in Geschichtsschreibung und kritischem Journalismus in der Region hat. In alphabetischer Reihe: Andreas Kneubühler, Arne Engeli, Bettina Dyttrich, Christian Huber, Esther Meier, Harry Rosenbaum, Heinrich Zwicky, Iris Blum, Johannes Huber, Kaspar Surber, Marcel Elsener, Max Lemmenmeier, Michael Walther, Patrick Ziltener, Pius Frey, Ralph Hug, Rea Brändle, René Hornung, Richard Butz, Ruedi Tobler und Wolfi Steiger.

Und die Kultur?

Nichts ist, leider, vom Thurgau und aus dem Appenzellerland zu hören. Und kaum zur Sprache kommen die kulturellen Aufbrüche in der Stadt. Kunsthalle, Kinok, Grabenhalle: Das waren ihrerseits Brennpunkte und Katalysatoren des Wandels, die in eine so umfassende Rundumschau gehört hätten. Die Herausgeberin stellt in ihrer Einleitung fest, dass notgedrungen manches fehlt: neben der Kultur auch Initiativen wie der Dritte-Welt-Laden, die Gründung linker Parteien oder die Migranten-Organisationen. Während der wohl einschneidendste Aufbruch, die Frauenbewegung, bereits 2005 in einem Neujahrsblatt gewürdigt worden ist.

Damals… und heute? Wie es heute um den rot-grünen Widerstandsgeist in Stadt und Land steht, könnte anhand des Buchs wunderbar diskutiert – oder mit dem sädtischen Wahlzettel Ende September demonstriert werden…

Gelegenheit zur Debatte bietet sich an der Buchpremiere vom 31. August – eine weitere folgt am 12. September: Dann geht es an einem Podium im Raum für Literatur um die «Aktion Rotes Herz» an der Kantonsschule. Beteiligte von damals erinnern sich und diskutieren.

 

 

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