Blumen aus Musik
Die St.Galler Musikerin Akryl, die inzwischen in Deutschland lebt, erobert mit ihrer Musik die Indie-Szene. In sehr persönlichen Songs verarbeitet sie ihre Sorgen und Ängste. Nun tauft sie im Palace ihre erste EP.
Die St.Gallerin Akryl zählt derzeit zu den vielversprechendsten deutschsprachigen Musiker:innen. (Bild: Lilli Witte)
Etwas mehr als fünf Jahre ist es her, seit Akryl St.Gallen verlassen hat. Damals nannte sie sich noch Lynn, war eine vielversprechende Nachwuchsmusikerin, die live mit einer unglaublichen Aura beeindruckte. Sie ging nach Mannheim, um an der Popakademie zu studieren. Nun kehrt sie in ihre Heimatstadt zurück und tauft im Palace ihre erste EP wenn ich groß bin, will ich alles werden außer alt. Aber von wegen «wenn ich gross bin»: Akryl ist gerade dabei, richtig gross zu werden.
Mit ihren ersten beiden Singles, Blumen aus Metall im April und Wachstumsschmerzen im Juni, schoss Akryl quasi aus dem Nichts auf den Radar der Indie-Szene. Inzwischen gilt die 25-Jährige als eine der spannendsten jungen deutschsprachigen Musikerinnen. Ihre Musik ist eine einzigartige Mischung aus Indie-Pop und Dream-Folk, die Songs sind Blumen aus Musik: mit verschiedenen (Klang-)Farben, Düften und Grössen. Getragen von dieser gefühlvollen und einnehmenden Stimme.
Auf Madagaskar geboren, kommt Akryl mit ihrer Familie im Alter von drei Jahren über Frankreich nach St.Gallen. Die Musik hat schon früh einen hohen Stellenwert in ihrem Leben: Mit sechs Jahren nimmt sie Klavierunterricht, mit sieben steht sie im Theater auf der Bühne und lernt dort Tanz und Schauspiel, später singt sie auch in einem Chor. Als Teenager – «so mit 14, als es angefangen hat, in meinem Kopf manchmal ganz turbulent zu werden» – entdeckt sie das Schreiben als Ventil. Sie verfasst Texte und gleich auch die Melodien dazu. «Ich merkte, dass es mir guttut, diese Emotionen hinauszusingen.» Ein paar Jahre lang macht sie das nur für sich, im Stillen, entwickelt ihre Musik ganz behutsam, ehe sie mit 18 Jahren beginnt, ihre ersten Konzerte zu spielen.
Nach der Kanti sei es für sie keine Option gewesen, hauptberuflich Musikerin zu sein, erzählt Akryl. «Ich hatte nicht das Gefühl, dass das funktionieren könnte.» Sie überlegt stattdessen, Medizin oder Psychologie zu studieren, und absolviert entsprechende Praktika. «Da wurde mir bewusst, dass es mich wahnsinnig machen würde, wenn ich es mit der Musik nicht probiere.» Sie schreibt sich für das Precollege an der ZHdK ein, merkt aber, dass es nicht das Richtige für sie ist. So kommt sie schliesslich an die Popakademie in Mannheim, wo sie Popmusikdesign mit dem Schwerpunkt Gesang und Songwriting studiert. Und sich gewissermassen neu erfindet.
Bis heute ist Schreiben als Verarbeitungsstrategie zentral für Akryl. Sie führt ein Tagebuch, notiert darin aber nicht in erster Linie Alltagserlebnisse, sondern hält so oft wie möglich direkt nach dem Aufwachen ihre Gedanken fest. Sie schreibt auch all die Dinge auf, die sie beschäftigen. Diese Notizen sind die Saat, aus der später ihre Songtexte entstehen. Diese sind folglich sehr persönlich – und voller harter Metaphern.
Nicht nur Akryls Musik geht unter die Haut, das tun buchstäblich auch die Lyrics – etwa wenn sie in Wachstumsschmerzen davon singt, sich die Haut auszuziehen, weil sie ihr zu eng wird. Der Song handle zum einen von all den Veränderungen in ihrem Leben in den vergangenen zwei, drei Jahren, sagt Akryl. In ihrer Familie sei viel passiert, sie habe sich getrennt, alte Freundschaften seien zerbrochen, neue entstanden. An all diesen Erlebnissen sei sie gewachsen, auch wenn – oder gerade weil – sie schmerzhaft waren. Zum anderen geht es ums Älterwerden. «Davor habe ich grosse Angst.» Diese fühle sich an wie die Wachstumsschmerzen, die sie als Kind in den Beinen hatte. Es sind Erwachsen-werden-Schmerzen.
Warum ihr das Älterwerden schon in so jungen Jahren Mühe bereite, wisse sie selbst nicht so genau, sagt Akryl. Sie habe sich in den vergangenen Jahren fest mit der Frage beschäftigt, was es bedeute, erwachsen zu werden, aber auch mit ihrer Kindheit, die sie loslassen müsse, obwohl sie sich manchmal gerne noch wie ein Kind fühlen möchte, erzählt die Mittzwanzigerin. Sie sei eine sehr melancholische Person. «Ich kann mich unglaublich auf einen Tag oder einen Anlass freuen und gleichzeitig schon Tage im Voraus traurig sein darüber, dass er irgendwann vorbei sein wird. Völlig absurd.»
Ähnlich sei es beim Älterwerden, Stichwort EP-Titel. Das sei auch gesellschaftlich bedingt, weil Jugendlichkeit so glorifiziert werde, gerade im Musikbusiness. Davon singt sie in Blumen aus Metall.
Ihr Studium ist inzwischen auf der Zielgeraden. Doch viele Prüfungen des Daseins als Musikerin warten noch auf Akryl. Dessen ist sie sich bewusst: «Diese Hype-Kultur ist unheimlich, alles ist so kurzatmig und kurzlebig.» Sie spüre bereits den Druck, neue Songs zu veröffentlichen, am besten gleich sofort, um ja nicht die Aufmerksamkeit zu verlieren, weil alles so übersättigt sei. Dabei sei es ihr wichtig, sich Zeit zu nehmen und nur das zu veröffentlichen, was gehört werden sollte. «Musik ist nicht für den To-go-Konsum gemacht.»
Akryl: wenn ich groß bin, will ich alles werden außer alt, ist am 12. September digital und auf Tape erschienen. Live: 6. Dezember, 20:45 Uhr, Palace, St.Gallen (EP-Taufe); Support: Juli Gilde.
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