Bro Records schliesst

In St.Gallen geht schon bald eine Ära zu Ende: Bro Records, der älteste Plattenladen der Stadt, schliesst Ende Januar. 52 Jahre nach der Eröffnung. Mit dem Bro verschwindet mehr als nur ein weiterer Plattenladen. Es verschwindet eine Musikinstitution.
Von  David Gadze
Seit 2009 ist der Bro an der Rorschacher Strasse 128 – noch bis Ende Januar 2025. (Bild: dag)

Wer in den 80er- und 90er-Jahren Musik kaufte, in einer Zeit, als es Spotify, YouTube & Co. noch nicht gab, kam früher oder später mit dem Bro in Berührung. Über viele Jahre war der Laden ein Mekka für Pop-, Rock-, Metal- und Punk-Liebhaber:innen aus der ganzen Ostschweiz, ja auch aus dem Vorarlberg. Aeronauten-Sänger Olifr M. Guz bezeichnete ihn einst gar als «besten Plattenladen im Land».

Der Bro war aber mehr als das: Inhaber Alex Spirig brachte neue Gruppen nicht nur auf Tonträgern in die Plattenregale, sondern auch live auf die Bühne: Insbesondere in den ersten Jahren nach der Eröffnung der Grabenhalle 1984 veranstaltete er dort regelmässig Konzerte.

Doch Ende Januar 2025 ist Schluss: Bro Records hat die Schliessung verkündet. Der Grund dafür ist gemäss einem Infoschreiben der Verkauf der Liegenschaft an der Rorschacher Strasse 128, wo Bro seit 2009 drin ist. Die neuen Besitzer möchten demnach das Gebäude totalsanieren, deshalb habe Bro die Kündigung erhalten. Ein Umzug sei wirtschaftlich sowie wegen der «auf tiefem Niveau bleibenden Frequenzen» unrealistisch. «Somit sind wir gezwungen den Bro früher als geplant, per 31.1.2025 zu schliessen.»

Digitalisierung als Sargnagel vieler Plattenläden

Der Bro (Abkürzung für British Records Organisation) wurde Anfang der 70er-Jahre als Schallplatten-Mailorder in Zürich gegründet, kurze Zeit später kamen Läden in Zürich, Bern, Basel, Olten und St.Gallen hinzu. Die St.Galler Filiale wurde 1973 an der Gallusstrasse eröffnet. 1976 zog er an die Katharinengasse um, wo er sich abkettete: 1987 übernahm Alex Spirig, der seit der Eröffnung im St.Galler Bro arbeitete, den Laden und führte ihn unter dem bisherigen Namen weiter. Von 1990 bis 1996 befand sich der Bro an der Museumstrasse, gleich bei der Brühltor-Unterführung, und von 1996 bis 2009 am Oberen Graben, über dem Durchgang zur Neugasse neben dem heutigen Globus.

Doch Discounter wie Media Markt, der 1999 seine Filiale im Westcenter eröffnete und selbst neue CDs zu Billigpreisen verkaufte, und Onlineshops machten das Leben den traditionellen Plattenläden schwer, Filesharing und Musikstreaming liessen die Tonträgerverkäufe einbrechen. Gab es in den 90er-Jahren gefühlt an jeder Ecke in St.Gallen einen Musikladen, schloss einer nach dem anderen, bis nur noch einige wenige übrig blieben. Auch Bro konnte sich dieser Entwicklung nicht entziehen und zügelte 2009 nicht zuletzt aus finanziellen Gründen aus der Innenstadt an die Rorschacher Strasse, in unmittelbarer Nähe des Einkaufszentrums Grossacker.

Ein bisschen Bro gibts weiterhin

Das Ende von Bro steht beispielhaft für das Ende einer Ära, die viele der heutigen Musikhörer:innen gar nicht miterlebt haben. Damit verbleiben in der Stadt St.Gallen mit Klang & Kleid, Analog und Yesterday’s Music noch drei Plattenläden – immerhin noch drei. Doch auch wenn es Bro als Ladenlokal nicht mehr geben wird, kündigt Alex Spirig, im nächsten Jahr 75-jährig, an, auch weiterhin CDs und Schallplatten aufzutreiben. Ein Dienst, für den Bro seit Jahrzehnten bekannt war und der – «wenn gewünscht» – auch künftig angeboten werden soll.

Die Freude über eine vergriffene CD oder eine seltene Pressung einer LP, die einem der Plattenladen des Vertrauens über Umwege besorgt hat, kann die Streaming-Generation aber ebenso wenig nachvollziehen wie das Bedauern über das Ende eines Plattenladens wie des Bro.

Besitzer Alex Spirig wollte sich zur Schliessung nicht äussern.

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Toby Hüneberg,  

Ein riesiger Verlust einer Institution, fraglos. Wenn man aber den Markt für Vinyl betrachtet und die Wachstumszahlen von zweistelligen Prozentzahlen sieht, muss die Frage doch in den Raum gestellt werden, ob Bro Records mit einer leicht angepassten Geschäftsidee und an einer besser frequentierten Lage hätte überleben können. Analog zeigt vor, wie das Business heute noch funktionieren kann.

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