Es ist früher Nachmittag an einem Montag Mitte Oktober. Wo sie nicht bewusst ausgesperrt ist, scheint die Sonne durch die Fenster des Chalets im Gründenmoos, wo Catalyst ihren Bandraum haben. Das St.Galler Alternative-Rock-Duo hat soeben eine dreistündige Probe hinter sich. In einem Nebenraum stapeln sich die limitierten Vinyl-Exemplare ihres neuen Albums Double Sky. Dominic Curseri (Gesang und Gitarre) und Ramon Wehrle (Schlagzeug) müssen sie von Hand nummerieren und unterschreiben. Vier Tage bleiben noch bis zum Release.
Sie seien glücklich, aber müde, sagen die beiden Musiker. Am Vorabend sind sie nach einer fast achtstündigen Autofahrt aus Österreich zurückgekommen. In Wien, Linz und Graz haben sie Konzerte im Vorprogramm von Steaming Satellites gespielt. Es war die Feuertaufe für die neuen Songs, nachdem die Konzerte in Wil und Dornbirn krankheitshalber ausgefallen waren.
Doch ausspannen liegt nicht drin, St.Gallen ist nur ein Zwischenstopp, die Probe ein Warmhalten der Songs, denn schon am nächsten Abend wartet die nächste achtstündige Autofahrt. Es geht nach Hamburg, wo der Deutschland-Teil der kurzen Tour mit vier Konzerten beginnt, ehe es zum Abschluss, nach einem neuerlichen Zwischenstopp in St.Gallen, nach Salzburg geht, in die Heimatstadt von Steaming Satellites. Und am 11. November steht das eigene Heimspiel an: Dann wird Double Sky in der Grabenhalle getauft.
Ein Hochdruckgebiet
Auf ihrem zweiten Longplayer setzen Catalyst gewissermassen den Weg fort, den sie vor zwei Jahren auf dem Debüt A Normal Day eingeschlagen haben. Nach zwei EPs war es den BandXOst-Gewinnern von 2016 dort erstmals gelungen, diese unbändige Energie und Wucht ihres Livesounds im Studio einzufangen und auf Platte zu konservieren. Das gelingt ihnen auch auf Double Sky. Ein Hochdruckgebiet, obwohl es das bisher poppigste Werk des Duos ist.
Von den Grunge-Einflüssen ihrer Anfangstage haben sich Catalyst weitgehend verabschiedet. Die zehn vielschichtigen Songs mäandern zwischen bluesigem Alternative Rock à la Royal Blood oder Jack White, schmissigem Indie Rock und einer ordentlichen Prise Pop, sind mal explosiv, mal melancholisch. Der Opener Canapé beginnt mit einer zarten Gitarrenmelodie, über die sich Curseris Kopfstimme legt, nach 30 Sekunden setzen ein scharfes Blues-Rock-Riff und das Schlagzeug ein, ehe sich der Song in einem Fuzz-Feuerwerk entlädt.
Muse Of The Double Sky, ein hymnisches Ausrufezeichen, hätte auch den frühen Mando Diao gut zu Gesicht gestanden. Und The Mirror, ein Song über die Hassliebe zum eigenen Spiegelbild, stürzt mit Stoner-Rock-Anleihen wie ein Steinschlag aus den Lautsprechern.
Die Songs verpackt Curseri in teils skurrile Geschichten. In Strays schlüpft der Sänger in die Rolle verschiedener Outlaws, und in Jim Jimmy gibt es ein Wiedersehen mit der Bankräuberin Jolene aus dem gleichnamigen Song vom Debüt – sie wird von ihrem Lover aus dem Gefängnis befreit.
Neu mit Bass
Was sofort auffällt: Die Musik ist nicht nur breitwandiger, sie hat auch mehr Tiefe. Der Grund dafür ist so einfach wie erstaunlich: Im Klangbild findet sich nun erstmals (abgesehen vom Stück Fairytales auf A Normal Day) eine Bassgitarre. Nachdem sich Curseri und Wehrle zuvor immer dagegen gesträubt hatten, die Zwei-Mann-Formation aufzubrechen, sahen sie sich diesmal dazu gezwungen. Von ihren eigenen Songs.
Schon kurz nach Erscheinen von A Normal Day fingen die beiden Musiker an, neue Songideen zu entwickeln. Sie merkten jedoch schnell, dass diese nicht richtig funktionierten. Curseri, der bisher die Basslinien parallel zu den Riffs auf seiner Gitarre imitierte, fand keine Lösung für jene Passagen, bei denen er hohe Töne spielte. Und ganz ohne Bass an diesen Stellen wirkten die neuen Songs unvollständig. Also entschieden sich Catalyst, ihren Sound durch eine richtige Bassgitarre zu erweitern.
Die Zeit drängte, denn das Studio in Südfrankreich war bereits gebucht. Also fragten sie Franca Mock, ob sie mit ihnen spielen würde. Die Bassistin von Velvet Two Stripes war eine naheliegende Wahl, denn Wehrle war zwischenzeitlich Liveschlagzeuger der St.Galler Frauenband und hatte auf deren drittem Album Sugar Honey Iced Tea getrommelt. Das Rhythmus-Duo war aufeinander eingegroovt – und so klappte es auch bei Catalyst auf Anhieb. Ein Glücksfall. «Wir hätten es uns gar nicht leisten können, mit jemandem ins Studio zu gehen, den wir nicht kannten und bei dem wir nicht wussten, ob es funktionieren würde», sagt der Drummer.
Catalyst bleibt ein Zweitaktmotor
Und erstmals seit der Bandgründung 2015 arbeiteten Catalyst schon während der Ausarbeitung der Songideen mit einem Produzenten: Sie zogen Martin Hofstetter, der bereits ihr Debüt gemischt hatte, hinzu, um aus der Zweier-Routine auszubrechen. Hofstetter kannte die Band gut genug, um zu wissen, wo sie ihre Stärken hat, brachte aber gleichzeitig ein frisches Paar Ohren ein. Auch das hört man.
Bei einzelnen anstehenden Konzerten werden Ramon Wehrle und Dominic Curseri einen Bassisten oder eine Bassistin hinzuholen. Wichtig sei aber, dass auch die Songs live nur mit Gitarre, Schlagzeug und Gesang funktionierten, betonen die beiden Musiker – und versichern, dass aus dem Duo nun nicht ein Trio werde: «Wir bleiben zu zweit.» Inzwischen sind Catalyst eine gestandene Band. Und zum Stehen reichen zwei Beine.
Catalyst: Double Sky (Radicalis) ist am 20. Oktober auf Vinyl sowie digital auf allen gängigen Plattformen erschienen.
Live: 11. November, Grabenhalle St. Gallen (Plattentaufe); 9. Dezember, X-Tra Musikcafé Zürich; 1. März, Gare de Lion Wil (im Vorprogramm von Steaming Satellites)
catalyst-official.com
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