Chasch doch nöd eifach nüüt tue! Moritz kann es nicht fassen, wie dieser Nigel sich verhält. Gerade haben sie sich kennengelernt am St.Galler Bärenplatz, genauer gesagt: Moritz hat sich einfach so vorgestellt, aufgedrängt, ein neugieriger Typ halt, der auf die Mitmenschen zugeht – während Nigel auf stur stellt, kaum ein Wort herausrückt. Steht bloss da und zählt Passanten. Tut nichts. Da isch doch nöd normal!
Was ist normal? Das ist die Frage, auf die es immer wieder hinausläuft in der episodischen Begegnung der beiden jungen Spieler. Es ist auch die Frage: Wie stelle ich mich in diese Erwachsenenwelt, was wird von mir erwartet, welchen Bildern will ich unbedingt oder kann ich gar nicht entsprechen?
Zwei an der Schwelle zum Erwachsensein
Moritz hat Fantasie, «das ist doch normal», aber den andern gilt er als Träumer. Nicht zufällig ist sein Übername «Momo»: einer, der alles wissen will und der sich ausmalt, was er nicht weiss. Eine Figur, wie geschaffen für das Spiel hier am Bärenplatz: Wo geht der hin, wo kommt jene her, was hat sie im Sinn, wen trifft sie, ist sie nachher glücklicher als vorher? Wenn Moritz so fragt, fängt man als Zuschauer selber an, die Passanten mit neuen, neugierigen Augen zu betrachten.
Nigel hat einen Vater, der ihn drängt, endlich etwas zu tun. Lehre, Schule, irgendetwas Sinnvolles. Aber er will sich Zeit lassen, «das ist doch normal». Auch dafür eignet sich der Bärenplatz hervorragend: Tag für Tag steht Nigel an der Ecke bei der Buchhandlung, zählt die Leute bis tausend, dann klebt er seinen Kaugummi an die Wand und geht. Dass das alles andere als leeres Nichtstun ist, wird Moritz im Verlauf des Stücks lernen – und wir als Zuschauer auch.
Darran Murray (Nigel, auf dem Bild oben links) und Simon Schmalz (Moritz) haben ihre beiden Figuren, unterstützt von Regisseur Adrian Strazza, selber entwickelt, ihnen packende Konturen gegeben. Über Kopfhörer erfährt das Publikum zu Beginn in Monologen, wer die beiden sind. Dann kommt es zur Begegnung, zum Streit, zum Duell, zu wachsender gegenseitiger Neugier, schliesslich zu einer Art Freundschaft.
Geschickt spielt das Stück mit der Örtlichkeit, mit den Gassenfluchten, mit Auf- und Abtritten und zwischendrin auch mit den Passanten selber. Moritz macht Kurzinterviews auf der Gasse: «Wie alt schätzen Sie diesen Nigel? Und was könnte er von Beruf sein?» Bei der Premiere klappt das bestens, etwas schwieriger wird es später mit einer zweiten Frage: «Wie lang dauert das Leben?» Es wäre ein Wunder, wenn ein Vorbeikommender da gleich eine Antwort parat hätte.
Und dann? Und dann?
Vorbei promenierten am Premierenfreitag immer mal wieder Gäste der abendlichen Festspiel-Oper – ein pikanter Kontrast: dort der hochsubventionierte professionelle Musiktheater-Goliath, hier der zum Teil mit Crowdfunding mitfinanzierte Jugendtheater-David. Vorbei kam auch Stadtrat Markus Buschor – als Bildungschef der Stadt natürlich eine Idealbesetzung für ein kurzes Fragespiel. Mit solchen Zufallsbegegnungen könnten Darran und Simon noch risikofreudiger spielen. Mut genug haben sie, sich dem öffentlichen Raum auszusetzen.
Und die Dialoge der beiden haben Witz und Tiefgang. Einer der spannendsten geht los, als Nigel Moritz mit der Frage nach seiner Zukunft löchert. Nach der Schule? Beruf. Und dann? Autokauf? Und dann? Familie. Und dann? Ferien. Kinder. Arbeit. Ferien… Und dann und dann und dann…. Am Ende steht das Leben fertig da und das Sterben vor der Tür und ein Sinn ist nicht auszumachen. Nigel, der Eckensteher-Philosoph, wirbelt seinen Kollegen und uns ganz schön durch.
Oneway 15, der Titel des Stücks, deutet eine Sackgasse an. Die Örtlichkeit am Bärenplatz ist aber auf alle Seiten offen, und so offen ist auch die Stückanlage. Überraschungen eingeschlossen – je nachdem, wer Moritz gerade vors Mikrofon gerät. Was die beiden Schauspieler da treiben, ist für manche Passanten zwar vermutlich «nicht ganz normal» – aber es öffnet den Blick für die Stadt und für die Lebensfragen (woher? wohin?), die jeder mit sich herumträgt neben den Einkaufstaschen, auf dem Weg über den Bärenplatz.
Weitere Vorstellungen: Montag, 22. Juni, 18 Uhr, Mittwoch, 24. Juni, 14 Uhr und 18 Uhr, Freitag, 26. Juni, 14 Uhr und 18 Uhr. Infos und Tickets: 071 223 38 43
Bild: Urs Bucher
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