Onlinehandel, E-Books, Krise der Innenstadt-Ladengeschäfte: Die Gründe, die die St.Galler Traditionsbuchhandlung zum Standortwechsel bewogen haben, sind schon hinlänglich diskutiert worden. Doch von möglichen Zukunftsbedenken ist am Montag bei der Eröffnung nichts zu spüren; es herrschen schönstes Wetter und fröhliche Stimmung. In einem symbolischen Akt soll der letzte Rest des Sortiments per Menschenkette vom alten an den neuen Ort gelangen.
Menschenkette statt Mathematik
Nein, von einer solchen Menschenkette wüssten sie nichts, sagen die Schülerinnen, die sich kurz vor zehn Uhr vor dem neuen Rösslitor versammeln, sie seien doch zum Spalierstehen hier? Andere Frage: Können sie sich vorstellen, warum gezügelt wird? Man wirft einander unsichere Blicke zu, bevor eine der Schülerinnen freimütig meint, sie habe sich vor allem gefragt, was dieses Spalierstehen genau bedeute. Für die Vierzehnjährigen hat die letzte Woche vor den Sommerferien begonnen, für die Bücherkette sind sie allein schon deshalb zu begeistern, weil es die Klasse von einer Mathelektion befreit.
«Der neue Standort ist wohl besser!», wird eine zweite Mutmassung laut; hier an der Marktgasse kämen doch viel mehr Leute vorbei, hier sei ausserdem der Starbucks gleich nebenan. Tatsächlich stehen jetzt, bei schönstem Sommerwetter, die Stühle der Kaffeehauskette bis bündig vor den Eingang des neuen Rösslitor; wer es nicht besser weiss, könnte leicht glauben, die beiden Betriebe gehörten zusammen.
Inzwischen ist zehn Uhr knapp vorbei, die schwarz-goldenen Ballontrauben vor dem Eingang sind montiert, die Filialleiterin und ihre Angestellten stehen, von Fotografen umkreist, erwartungsvoll bereit. Jetzt kommt Bewegung in die Gruppe; Lehrpersonen gehen von hier nach da und rufen ihren Klassen Anweisungen zu.
Doch bevor es losgeht, müssen offenbar noch letzte Objekte aus der alten Filiale hinausgeschafft werden; eine Kassentheke und Kartenständer (daran ein Zettel: «Eigentum OF») verschwinden in einem Van, und erst als dieser den Platz geräumt und man sich schon gefragt hat, was wohl bei Regen gewesen wäre, tröpfeln die Bücher heran, zuerst in stockendem Rhythmus, und dann flüssig, angetrieben von einzelnen Schülern, die «schneller» rufen, oder «Halt».
Am Ende der Kette steht Vera Lüchinger, die Filialleiterin. Sie gibt die Bücher an ihre Mitarbeitenden weiter, welche die Fracht sogleich am richtigen Ort einsortieren.
Was wird eigentlich transportiert? Bestseller, Neuerscheinungen, einiges aus den Bereichen Soziologie und Psychologie. Trotz allgemeiner Sorgfalt fällt ganz selten auch eins der Bücher mit einem verräterischen Klatsch zu Boden. Was die Kettenglieder angeht, so gibt es unter ihnen die Pragmatiker, welche gleich drei Bücher zugleich weiterreichen, andere, die automatisiert links nehmen, rechts geben, und jene ausserdem, die kleine Staus verursachen, weil sie jeweils erst noch den Titel studieren.
Bald ist die Kette eingespielt, Passanten bleiben stehen und schauen zu. Und dann ist schon das letzte Buch geschickt; die Schlange zerbröckelt, viel schneller, als sie sich zuvor aufgebaut hat, Vera Lüchinger trägt den letzten Stapel hinein. Für sie und ihr Team ist die Aktion Umzug und Neueröffnung noch lange nicht beendet; als nächstes wartet bereits das Kamerateam von TVO auf sie.
Der ideale Leser
Drinnen sind Bücher und Besucher auf sechs Stockwerken verteilt, und nicht alle haben von der Bücherkette draussen etwas mitbekommen, sie waren in – nun ja – die Bücher vertieft. «Ich bin immer hier», erklärt ein Mann, «vom Einweihungsfest wusste ich nichts, nur, dass das Rösslitor jetzt eben hier ist.» Ist das der ideale Leser? Der nicht wegen der Räumlichkeiten kommt, nur wegen der Bücher?
(Bilder: Julia Sutter)
Für eine weitere Besucherin ist das Rösslitor «sowieso Routine», sie kommt immer vorbei, wenn sie in der Stadt ist. Die Kinderabteilung erscheint ihr im Moment noch ungeordnet, aber «das gibt sich bestimmt», einzig die Möglichkeit, gleich nebenan Kaffee zu trinken und dabei in Büchern zu blättern, fehlt ihr. Dafür seien die Leseecken schön, von denen es drei Stück gibt, allesamt mit Teppichen ausgestattet, darunter Holzfussboden, und im Hintergrund eine wunderschöne Jugendstilfensterfront.
Die Ungeduld der Dienstältesten
Und was sagen jene, die von nun an den ganzen Tag in diesen Räumen verbringen werden? Monika Lieberherr zum Beispiel, die seit 1985 zum Rösslitor gehört und heute ihren zweiten Umzug in 33 Jahren erlebt? Schon jetzt weiss sie, dass sie sich dieses Mal schneller an den neuen Ort gewöhnt haben wird als damals an die Multergasse; das denkmalgeschützte Gebäude habe einfach mehr Stil, strahle soviel Gemütlichkeit aus. Sie selber strahlt ebenfalls – und erzählt, dass mit der Eröffnung eine grosse Anspannung wegfalle, noch heute Morgen sei sie um vier Uhr erwacht und habe nicht wieder einschlafen können, weil sie sich so wünschte, «dass es endlich losgeht». Jetzt sei sie, wie alle hier, stolz auf das Geschaffte, und froh, dass alles gut gegangen sei.
Nachmittags um drei ist die alte Filiale vollständig hinter dem Bauzaun verschwunden; dahinter tönt ein Klopfen und Hämmern. Ein paar Schritte weiter Richtung Marktplatz aber stehen die Leute nun mit Cüpliglas in der Hand über die Auslagen gebeugt; die Mittagspause ist längst vorbei, doch der Wunsch einer weiteren Buchhändlerin, der richtige Ansturm möge noch kommen, hat sich nun eindeutig erfüllt; es scheint, als hätten sich schon jetzt alle an Anwesenden an ihr neues Rösslitor gewöhnt.
Einst Musik Hug, jetzt Orell Füssli: die Eingangspartie der neuen Buchhandlung. (Bild: OF)
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