«Eine frohe Botschaft: Diese Ladenfläche konnte wieder vermietet werden», steht in diesen Tagen auf einem Schaufenster an der Neugasse. Das tönt, als wäre dies eine grössere Überraschung. Dabei ist die Lage gut und der Vermieter zeigte sich flexibel: Nachdem eines der vielen Schuhgeschäfte in der Innenstadt aufgegeben hat, wurde dort eine Zwischennutzung mit einem Pop-up Store ermöglicht.
Aber natürlich fallen die leeren Schaufenster in der Innenstadt auf.
Das Problem ist allerdings keine St.Galler Spezialität und die Gründe dafür sind allgemein bekannt. Da ist der Onlinehandel, da gibt es den Shoppingtourismus. Dazu kommt die flächendeckende Sättigung der Konsumnachfrage durch die vielen Einkaufszentren auf der grünen Wiese. Wer einkaufen will, muss nicht mehr in die Stadt. Das Angebot an Markenläden in der Shopping-Arena ist praktisch identisch mit demjenigen der St.Galler Altstadt.
Nach Rezepten gegen leere Schaufenster wird überall gesucht. Auch in der Westschweiz: Freie Ladenflächen sind etwa in Fribourg oder Lausanne zum Problem geworden.
Strafsteuer für leerstehende Liegenschaften
Eine Idee dazu hat die SP Lausanne. Sie fordert in einem im Februar eingereichten Postulat eine «Taxe sur les locaux commerciaux vacants», eine progressive Steuer auf leerstehende Verkaufsflächen.
Unter anderem war das seit 2017 leerstehende Lokal des ehemaligen Cafés Saint-François einer der Gründe für die Forderung. Laut NZZ, die den Vorstoss letzthin in einem Artikel bekannt gemacht hat, gehört die Liegenschaft der PSP Swiss Property, einem der grössten Immobilienbesitzer in der Schweiz.
Die Überlegungen der SP zur Steuer: Die Besitzer der Immobilien spekulieren. Statt die Mieten zu senken, warten sie auf einen Interessenten, der ihre hohen Preise bezahlen kann und nehmen dafür in Kauf, dass die Ladenlokale leer stehen. Manchmal für Monate, manchmal jahrelang.
Es entstehe der Eindruck, dass die Stadt dem Tod nahe sei, dass die Geschäfte nicht gut gingen, heisst es im Postulat. Der Stadtrat soll nun abklären, welche Möglichkeit es für die geforderte Strafsteuer gibt.
Man kann von der Idee halten, was man will. Immerhin lenkt sie den Blick auf ein wesentliches Problem der städtischen Einkaufsmeilen: Der Abschöpfung der übersteigerten Mieten durch die Immobilienfirmen und Pensionskassen.
Um fünf beginnt der Exodus
Eine etwas andere Diskussion gibt es derweil in St.Gallen. Nach den fehlenden Parkplätzen werden seit kurzem die Ladenschlusszeiten als Grund dafür angeführt, dass die Umsätze schwinden. Die Vereinigung Pro City verlangt, dass Läden werktags bis 20 Uhr und am Samstag bis 18 Uhr geöffnet haben dürfen.
Dabei wären auch hier die Mieten ein Problem. Das Gebäude, in dem momentan noch die Buchhandlung Rösslitor einquartiert ist, könnte bald leerstehen. Dort würden die höchsten Mieten in der ganzen Stadt verlangt, heisst es. Herumerzählt werden Beträge bis zu einer Million Franken pro Jahr.
Doch zurück zu Pro City. Zum Thema Ladenöffnungszeiten kann man zwei banale Beobachtungen beisteuern. Kurz vor 17 Uhr beginnt in St.Gallen der Pendlerverkehr die Ausfahrtstrassen in Richtung Agglomerationen zu verstopfen. Bis nach 18 Uhr gibt es immer wieder Staus. Danach hat sich die Stadt entleert und die Lage beruhigt sich wieder.
Ein deckungsgleiches Bild zeigt sich in der Fussgängerzone. Ab 18 Uhr nimmt die Frequenz der Passanten stetig ab. Obwohl alle Geschäfte bis 19 Uhr geöffnet haben dürften, schliessen viele bereits um 18.30 Uhr. Das gilt vor allem für Läden, die nicht zu grossen Ketten gehören und deren Inhaber wissen, wann es Umsätze gibt – und wann sich der Aufwand nicht lohnt.
Zu den Geschäften mit kürzen Öffnungszeiten als erlaubt gehören etwa Zollibolli, Zigarren Wellauer, Kaffee Baumgartner, Papeterie und Bistro Schiff, die Buchhandlung Rösslitor oder die Weinhandlung Martel. Die halbe Stunde schenkt sich auch die Papeterie Markwalder. Der Geschäftsführer dort ist Präsident von Pro City St.Gallen.
Offenbar hat sich eine Mehrheit der in Pro City organisierten städtischen Detailhändler für längere Öffnungszeiten ausgesprochen. Darüber kann man sich wundern. Allerdings nur, bis man die Namen auf der aktuellen Mitgliederliste der Vereinigung nachliest: Dort finden sich neben dem lokalen Gewerbe auch die Grossverteiler Coop und Migros, Konzernfilialen von C&A und H&M, das Warenhaus Manor oder Interessensvertreter des motorisierten Individualverkehrs wie die City Parking AG oder der TCS.
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