Die Bremsklötze von der St.Galler Elite-Uni hätten am Donnerstagabend im Raum für Literatur in der Hauptpost sein sollen. Die quälen sich ja bekanntlich mit gendergerechter Sprache herum. «Vom Binnen-I zum Gender*Stern» war das Motto, eine Veranstaltung der Reihe «Gender Matters», organisiert vom kantonalen Kompetenzzentrum Integration und Gleichstellung.
Zu Gast war die Psychologin Dr. phil. Franziska Moser. Sie forscht zu den Schwerpunkten Geschlechterrollen und -stereotype, geschlechtergerechte Sprache und Entwicklung der Geschlechtsidentität. Ebenfalls eingeladen war Lea Berger, Co-Präsidentin von Transgender Network Switzerland (TGNS), allerdings musste sie krankheitsbedingt absagen.
Gendergerechte Sprache sei heute unabdingbar, auch wenn kritische Stimmen sie für «überflüssig» halten, betonte Rahel Fenini vom Kompetenzzentrum Integration und Gleichstellung in ihrer Begrüssung. «Sozialer Wandel bringt auch einen sprachlichen Wandel mit sich.»
Das Rätsel um den verletzten Sohn
Dass das umgekehrt genauso der Fall ist bzw. sein kann, führte Franziska Moser in ihrem anschliessenden Referat aus. Die Psychologin zeigte auf, wie die Sprache unser Denken prägt und mit welchen Folgen. Sprache sei ein zentrales Mittel zur Konstruktion sozialer Wirklichkeiten, erklärte sie. Sie präge unsere Konzeptualisierung der Welt und des Alltags, unsere sozialen Beziehungen und ebenso die Wertvorstellungen.
Zur Veranschaulichung präsentierte sie das beliebte «Rätsel» um den verletzen Sohn:
Vater und Sohn haben einen schweren Autounfall, bei dem der Vater sofort stirbt. Der Bub wird mit schweren Kopfverletzungen ins Krankenhaus gebracht, die Operation wird vorbereitet. Als alles fertig ist, erscheint der Chirurg, wird blass wird und sagt: «Ich kann nicht operieren, das ist mein Sohn!» – Hä?
Der Chirurg ist natürlich eine Frau. Aber eben: Die meisten denken reflexartig nicht an diese Möglichkeit. Der Mann ist die Norm, auch in der Sprache. Dieses Machtgefälle wird in der feministischen Sprachkritik seit Jahrzehnten thematisiert. Mittlerweile ist man sich auch einig, dass das Weibliche in der Sprache sichtbar gemacht werden muss, der Bund und die meisten Institutionen orientieren sich darum an Genderleitfäden.
Moser hat unter anderem auch erforscht, wie sich die Verwendung des generischen Maskulinums auf Kinder auswirkt. Sie reagieren ähnlich wie Erwachsene – was sich selbstverständlich auch auf das Identifikationspotenzial auswirkt, erklärte sie. Studien hätten gezeigt, dass sich das Interesse von Mädchen für «geschlechtsatypische» Berufe erhöhe, wen beispielsweise von «Informatikerinnen und Informatikern» die Rede sei und nicht nur von der männlichen Form.
Die verlorene Generation
Diese Erkenntnisse sind nicht neu, aber es war gut, sie sich wiedermal in Erinnerung zu rufen. Trotzdem fühlte sich der Abend stellenweise ein bisschen an wie ein Basiskurs. Im Publikum sassen nicht wenige, die schon durchaus sensibilisiert waren für das Thema und sich eine vertieftere Diskussion über die Chancen und Grenzen von gendergerechter Sprache und die neusten Entwicklungen diesbezüglich gewünscht hätten. So war es angekündigt.
Mehr von Saiten zur gendergerechten Sprache: hier.
Dass es nicht dazu kam, liegt nicht an Franziska Moser oder an der Organisation. Es ist wichtig und gut, dass das Thema aufgenommen wurde. Wäre auch Lea Berger von TGNS im Raum für Literatur gewesen, hätte die Diskussion bestimmt eine weitere Wendung genommen. So aber blieb sie etwas gar fest im binären Geschlechtermodell stecken, Gendergap und Genderstern sprich die Sichtbarmachung der ganzen Vielfalt der Geschlechter und Identitäten wurde nur kurz angeschnitten, ebenso der konkrete Umgang mit gendergerechter Sprache im Alltag.
Stattdessen drehte es sich plötzlich um «die Jungen», die sich ständig nur auf TikTok und Insta rumtreiben, wo ja angeblich alles inklusive Sprache total sexistisch ist und man darum Gefahr laufe, «eine ganze Generation zu verlieren». Zum Glück widersprachen dann «die Jungen» im Publikum und erklärten, dass diese Plattformen mitunter zum diversesten gehören, was die Welt heute zu bieten hat und dass Sichtbarmachungen wie der Stern oder der Doppelpunkt für viele fix zur Sprachpraxis gehören.
Sprachgebrauch in den sozialen Medien wäre definitiv ein Thema, dem man ebenfalls einmal eine Diskussion widmen könnte. Oder der Kulturpessimismus gewisser Leute, wenn es um die Jugend geht. Alles in allem war der Abend ein guter Start ins Thema gendergerechte Sprache. Das Warum ist nun geklärt, jetzt fehlt noch ein Abend zum Wie.
Nächster Abend der Reihe «Gender Matters» zum Thema «Flâneusen* Urbanität, Gender und Gleichstellung»: 10. Dezember, 19 Uhr Raum für Literatur, Hauptpost St.Gallen.
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