Kategorie
Autor:innen
Jahr

Den Faden verlieren. Eben nicht verlieren! Werner Lutz zum Abschied

Am 17. Juli ist der im ausserrhodischen Wolfhalden geborene Lyriker Werner Lutz 85-jährig gestorben. Ein Nachruf von Rainer Stöckli.
Von  Gastbeitrag
Bild: wernerlutz.ch

«Gibt es das / ein leichtes Land mit einem leichten Himmel / […] mit Steinen die keine Gedenksteine sind»?

 

Die Frage ist vor fünf Jahren in Heft 11 Obacht Kultur gestellt worden und also seit fünf Jahren unbeantwortet. Jetzt darf man bejahen! Ja, das leichte Land, den leichten Himmel muss es geben – und Gedenksteine wollen wir aus unserem Angedenken keine machen, allenfalls den Kopf neigen und einander die Hand geben. Vor Wochenfrist, am 17. Juli, ist Werner Lutz 85-jährig gestorben.

Martin Zinggs Nachruf in der NZZ vom Samstag, 23. Juli ist vielleicht die erste Verabschiedung im Schweizer Feuilleton gewesen. Angemessen noble Sätze, angemessen temperiertes Lob. Vom jüngsten, im Herbst 2015 erschienenen Gedichtbuch Die Ebenen meiner Tage (bei Waldgut in Frauenfeld, wo denn sonst) heisst es in Zinggs Nachruf: «Es war sein letzter Band.» In der Ostschweiz allerdings, wo Lutz ja herstammt und wohin er von Zeit zu Zeit bestlaunig zurückgekehrt ist (besuchsweis, versteht sich) – hierzulande rechnet man zuerst mit einem Nachlassband, später mit einem Werkquer- oder -längsschnitt. Darf auch umgekehrt erfolgen…

Lutz hat sich in Themen und Aussagen wiederholt, deutlich zum Beispiel im Gestus, das Fauna- und Flora-Vokabular in seine Poesie zu berufen (Nelkenduftferkel, ein Buchtitel); anders deutlich in der Thematik Fluss, zu beziehen auf den Basler Rhein, genauer auf den Flusszug beim St.Alban-Tal, am Dalbe-Quartier vorbei. Ein drittes dichterisches Reservoir muss sein Herkommen gewesen sein, seine Wolfhäldler Kindheit; ich führe aus Lutzens Langgedicht mit dem Refrain-Wort «Aufgewachsen» an:

 

«Aufgewachsen / mit den Brunnenworten einer Brunnenröhre […] / verstehe ich als einer der Letzten diese glitzernde Sprache.»

 

Die glitzernde Sprache aller mitteleuropäischen Wasser, die flüstrige Rede der Hügel, der Äcker, der Nussbäume, der fruchtbaren Weite…

Die Appenzeller Anthologie (Sammlung literarischer Texte seit 1900 aus AI und AR, geht demnächst in Druck) wiederholt dieses «Aufgewachsen»-Gedicht und das oben anzitierte «Gibt es das»-Gedicht. Das Grosslesebuch säumt aber auch nicht, an Lutzens Ein- und Zweizeiler zu erinnern (versammelt im 1996er-Gedichtband, damals noch von Egon Ammann verlegt), will ausserdem zurückdenken an den Erstling, der 1979 davon ausgegangen war, dass einer dieses sein einziges Leben brauche.

Womit wir ja nicht etwa bei Lutz’ Anfängen wären! Sie gehen zurück bis 1970, 1967, ja bis 1956. Grad jetzt jedoch haben wir eher Augen für oder Anliegen an künftige Zeit. Lutz hiesse sie möglicherweise die Hügelzeiten (Buchtitel vom Jahr 2000). Ein Längs- oder Querschnittband dürfte thematisch Verwandtes bündeln; dürfte frühes / mittleres / spätes Schaffen reihen: Gedichte in zeitlicher Folge, wie ein zehn Meter langes Fries einzurichten; dürfte Texte nach formalen Gesichtspunkten versammeln – vom lyrischen Einzeiler übers Lakonische weg zum breitzeiligen Parlando.

Hat dieser Dichter denn nicht neben seiner sparsamen Sageweise auch Gesprächsbereitschaft verdichtet, ja eine unlaute, aber doch Lust am Echo und am Brückenschlag offenbart? Hat Lutz nicht neben spazierlichen Texten eine hochgradig eigene Bilderwelt aufgebaut? Und neben dem wachsten Sinn für Farben eine auffällige Vorliebe für Komposita (Zusammensetzungen), eine unauffällige Vorliebe fürs Reden im Infinitiv (der Grundform des Verbs) gehegt?

 

«Und nun habe ich den Faden verloren, bin ein alter Mann geworden, [… und] Nacht wächst über meinen Arbeitstisch.»

 

Das ist Herbst 2011 gesagt, in Blei gesetzt, mein drittes Exzerpt von einem Heftumschlag, der vier Gedichte von Werner Lutz im Appenzellerland hat bekanntmachen wollen. Hat vor Wochenfrist der Verfasser den Faden wirklich verloren – wir dünken uns seinetwegen noch jahrelang reich: in Händen (die wir uns reichen dürften) hundert Fäden aus sechzig Schaffensjahren.

 

Die drei Zitate aus Obacht Kultur Nr. 11, 3/2011.

Eine Hommage zu Werner Lutz’ 80. Geburtstag ist 2010 in Eggingen bei Isele erschienen, Hg. Markus Bundi, dreissig Gedichte, aufsatzbegleitet von Zeitgenossen, Leserinnen, Freunden.

 

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Kabarett in Herisau

Apo­ka­lyp­se ist auch nicht al­les

Von  Vera Zatti
P1200733 x jpg

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler

Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02

St.Gal­len plant Kon­sum­raum für Sucht­kran­ke

Hin­ter dem St.Gal­ler Haupt­bahn­hof soll ein Kon­sum­raum für Men­schen mit schwe­ren Sucht­er­kran­kun­gen ent­ste­hen. Die­se Wo­che ha­ben die Stadt und die Stif­tung Sucht­hil­fe An­woh­ner:in­nen ein­ge­la­den, um ei­nen ers­ten Dia­log zu star­ten. 

Von  Philipp Bürkler
Liegeschaft Lagerstrasse 2 4

Auf der Ziel­ge­ra­den

Es ist sei­ne letz­te Ses­si­on nach zehn Jah­ren im St.Gal­ler Kan­tons­rat. SP-Kul­tur­po­li­ti­ker Mar­tin Sai­ler setzt künf­tig ganz auf den Zel­tai­ner. Das Geld für den Neu­bau in Wild­haus ist fast zu­sam­men, 2027 soll es los­ge­hen.

Von  Peter Surber
Foto1 Zeltainer

Im di­gi­ta­len Dschun­gel zu Hau­se

Die An­sied­lung des In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land in St.Gal­len ist Pie­ro Sti­nel­li zu ver­dan­ken. Er kon­tak­tier­te vor zehn Jah­ren die Ver­ant­wort­li­chen von ar­chi­ve.org aus ei­ge­nem An­trieb. In den 90er-Jah­ren war der Mit­grün­der von Va­di­an.net und Klang und Kleid ein In­ter­net­pio­nier.

Von  David Gadze
2606 Internet Archive pino stinelli andri voehringer

Ohm41 stellen wieder aus

Kunst auf der Kip­pe

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 03 um 11 14 39

Sehn­sucht nach Frei­heit

Das Thur­gau­er Pop-Phä­no­men Noe­mi Be­za ver­öf­fent­licht An­fang Ju­ni ih­re neue EP. You’ll Find Me The­re ver­eint Coun­try-Vi­bes mit ast­rei­nem Pop – was man ein we­nig ver­misst, sind Ecken und Kan­ten.

Von  Jeremias Heppeler
1 Pressefoto Noemi Beza Youll Find Me There

Kolumne: Stimmrecht im Juni

Back to the Fu­ture

Von  Liliia Matviiv

Ausstellung in Herisau

70 Jah­re und 70 Pup­pen

Von  Vera Zatti
70 Jahre SG Ausstellung

«Gros­ses Lob für die­sen Kel­ler»

Nach 22 Jah­ren gibt Mat­thi­as Pe­ter die Lei­tung der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne ab. Vom Raum ist er nach wie vor be­geis­tert. Aber dem Ka­ba­rett ging es auch schon bes­ser, er­zählt er im Ge­spräch.

Von  Peter Surber
2606 Redeplatz Matthias Peter