Die Frage ist vor fünf Jahren in Heft 11 Obacht Kultur gestellt worden und also seit fünf Jahren unbeantwortet. Jetzt darf man bejahen! Ja, das leichte Land, den leichten Himmel muss es geben – und Gedenksteine wollen wir aus unserem Angedenken keine machen, allenfalls den Kopf neigen und einander die Hand geben. Vor Wochenfrist, am 17. Juli, ist Werner Lutz 85-jährig gestorben.
Martin Zinggs Nachruf in der NZZ vom Samstag, 23. Juli ist vielleicht die erste Verabschiedung im Schweizer Feuilleton gewesen. Angemessen noble Sätze, angemessen temperiertes Lob. Vom jüngsten, im Herbst 2015 erschienenen Gedichtbuch Die Ebenen meiner Tage (bei Waldgut in Frauenfeld, wo denn sonst) heisst es in Zinggs Nachruf: «Es war sein letzter Band.» In der Ostschweiz allerdings, wo Lutz ja herstammt und wohin er von Zeit zu Zeit bestlaunig zurückgekehrt ist (besuchsweis, versteht sich) – hierzulande rechnet man zuerst mit einem Nachlassband, später mit einem Werkquer- oder -längsschnitt. Darf auch umgekehrt erfolgen…
Lutz hat sich in Themen und Aussagen wiederholt, deutlich zum Beispiel im Gestus, das Fauna- und Flora-Vokabular in seine Poesie zu berufen (Nelkenduftferkel, ein Buchtitel); anders deutlich in der Thematik Fluss, zu beziehen auf den Basler Rhein, genauer auf den Flusszug beim St.Alban-Tal, am Dalbe-Quartier vorbei. Ein drittes dichterisches Reservoir muss sein Herkommen gewesen sein, seine Wolfhäldler Kindheit; ich führe aus Lutzens Langgedicht mit dem Refrain-Wort «Aufgewachsen» an:
Die glitzernde Sprache aller mitteleuropäischen Wasser, die flüstrige Rede der Hügel, der Äcker, der Nussbäume, der fruchtbaren Weite…
Die Appenzeller Anthologie (Sammlung literarischer Texte seit 1900 aus AI und AR, geht demnächst in Druck) wiederholt dieses «Aufgewachsen»-Gedicht und das oben anzitierte «Gibt es das»-Gedicht. Das Grosslesebuch säumt aber auch nicht, an Lutzens Ein- und Zweizeiler zu erinnern (versammelt im 1996er-Gedichtband, damals noch von Egon Ammann verlegt), will ausserdem zurückdenken an den Erstling, der 1979 davon ausgegangen war, dass einer dieses sein einziges Leben brauche.
Womit wir ja nicht etwa bei Lutz’ Anfängen wären! Sie gehen zurück bis 1970, 1967, ja bis 1956. Grad jetzt jedoch haben wir eher Augen für oder Anliegen an künftige Zeit. Lutz hiesse sie möglicherweise die Hügelzeiten (Buchtitel vom Jahr 2000). Ein Längs- oder Querschnittband dürfte thematisch Verwandtes bündeln; dürfte frühes / mittleres / spätes Schaffen reihen: Gedichte in zeitlicher Folge, wie ein zehn Meter langes Fries einzurichten; dürfte Texte nach formalen Gesichtspunkten versammeln – vom lyrischen Einzeiler übers Lakonische weg zum breitzeiligen Parlando.
Hat dieser Dichter denn nicht neben seiner sparsamen Sageweise auch Gesprächsbereitschaft verdichtet, ja eine unlaute, aber doch Lust am Echo und am Brückenschlag offenbart? Hat Lutz nicht neben spazierlichen Texten eine hochgradig eigene Bilderwelt aufgebaut? Und neben dem wachsten Sinn für Farben eine auffällige Vorliebe für Komposita (Zusammensetzungen), eine unauffällige Vorliebe fürs Reden im Infinitiv (der Grundform des Verbs) gehegt?
Das ist Herbst 2011 gesagt, in Blei gesetzt, mein drittes Exzerpt von einem Heftumschlag, der vier Gedichte von Werner Lutz im Appenzellerland hat bekanntmachen wollen. Hat vor Wochenfrist der Verfasser den Faden wirklich verloren – wir dünken uns seinetwegen noch jahrelang reich: in Händen (die wir uns reichen dürften) hundert Fäden aus sechzig Schaffensjahren.
Die drei Zitate aus Obacht Kultur Nr. 11, 3/2011.
Eine Hommage zu Werner Lutz’ 80. Geburtstag ist 2010 in Eggingen bei Isele erschienen, Hg. Markus Bundi, dreissig Gedichte, aufsatzbegleitet von Zeitgenossen, Leserinnen, Freunden.
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