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Der Aufstand der Enttäuschten

Die Protagonisten des Spielfilms «Chrieg» sind jung, wütend und lassen es raus. Regisseur Simon Jaquemet mischt einen bittersüssen Cocktail aus Rache, Rausch und Chaos. Am Donnerstag ist Premiere, am Samstag sind Regisseur und Hauptdarsteller im St.Galler Kinok zu Gast. von Luca Ghiselli
Von  Gastbeitrag

Matteo ist das überzeichnete Klischee eines rebellierenden Fünfzehnjährigen. Er kifft exzessiv, bestellt sich Prostituierte nach Hause und hört Slayer. «Eine schwierige Phase», sagen Eltern und Lehrer oft in solchen Fällen. Matteos Eltern aber schweigen. Am Esstisch, bei Fitness-Übungen in der Garage, überall. So lange und so oft, dass sich die beklemmende Atmosphäre auf den Zuschauer überträgt. Der Film ist unangenehm. Nicht, weil er düster wäre. Sondern weil er so nah am schleichenden, stillen und alltäglichen Elend ist. Bevor zwei Männer Matteo mitten in der Nacht aus dem Bett reissen, in einen Lieferwagen sperren und auf einer Alp abladen, sagt sein Vater dann doch noch etwas. Lapidar und doch bezeichnend: «Matteo, es isch guet».

An der Kette

chrieg6Gut ist für Matteo (Benjamin Lutzke) ziemlich nichts. Und im Erziehungscamp bei Älpler Hanspeter wird’s nicht besser. Die drei Jugendlichen Ali, Anton und Dion haben hier das Sagen, der Älpler ist ein Gefangener im eigenen Heim. Die Drei demütigen Matteo nach dessen Ankunft. Er wird zur Begrüssung in einen Käfig eingesperrt und geschlagen. Ali (Ella Rumpf), die eigentlich eine junge Frau ist, im Camp aber als Junge angesehen wird («Da isch für sie und üs am beschte»), führt Matteo an einer Kette im Stall umher und weist ihn an: «Bell! Bell wie en richtige Hund!». Warten auf Godot meets Verdingbueb.

Als Matteo sich den Respekt der anderen erkämpft hat, entsteht das erste Mal ein Wir-Gefühl. Aus dem «Ich gegen die anderen» wird ein «Wir gegen die Welt», dessen einziger Antrieb die Rachsucht ist. Eine jugendliche Utopie ohne die Romantik von «Herr der Fliegen». Es sind aber keine adoleszenten Robin Hoods, die aus Gerechtigkeitssinn rauben, stehlen und prügeln. Es sind Enttäuschte, die ihre Ernüchterung in einem letzten grossen Aufbäumen gegen die Gesellschaft manifestieren – nichts zu verlieren haben, kein Zurück kennen.

Simon Jaquemet träumte als Jugendlicher von einem Königreich hinter den Bergen, «einem Lager, in dem die Erwachsenen die Kontrolle verloren haben und die Jugendlichen sich selbst überlassen sind», schreibt der Regisseur. Diese Idee stand am Ursprung des Drehbuchs von «Chrieg». Der Druck auf Jugendliche werde immer grösser, Freiräume für Rebellion jeglicher Art würden immer weniger. Mit diesem Königreich hinter den Bergen schuf Jaquemet einen Platz für Rebellen, die in der konsumorientierten und wertenormierten Gesellschaft zwischen die Maschen gefallen sind.

Fünf Filmpreis-Nominationen

Die Darsteller in «Chrieg» sind hauptsächlich Laien. Benjamin Lutzke, der Matteo mit einer beeindruckenden Authentizität spielt, wurde von Regisseur Simon Jaquemet am Zürcher Hauptbahnhof entdeckt. Im Casting setzte sich Lutzke dann gegen über tausend Mitbewerber durch. Am Donnerstag ist der Streifen erstmals im Kinok zu sehen. Während der Vorstellung vom Samstag sind dann auch Regisseur Simon Jaquemet und Hauptdarsteller Benjamin Lutzke in der Lokremise vor Ort.

Die Chancen stehen gut, dass die beiden mit mindestens einer Auszeichnung nach St. Gallen kommen. Am Freitag wird in Genf nämlich der Schweizer Filmpreis verliehen. «Chrieg» ist gleich in fünf Kategorien nominiert, unter anderem für den besten Spielfilm und die beste Montage. Ella Rumpf ist ausserdem für die beste Nebenrolle nominiert, Benjamin Lutzke für die beste Hauptrolle.

 

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