Matteo ist das überzeichnete Klischee eines rebellierenden Fünfzehnjährigen. Er kifft exzessiv, bestellt sich Prostituierte nach Hause und hört Slayer. «Eine schwierige Phase», sagen Eltern und Lehrer oft in solchen Fällen. Matteos Eltern aber schweigen. Am Esstisch, bei Fitness-Übungen in der Garage, überall. So lange und so oft, dass sich die beklemmende Atmosphäre auf den Zuschauer überträgt. Der Film ist unangenehm. Nicht, weil er düster wäre. Sondern weil er so nah am schleichenden, stillen und alltäglichen Elend ist. Bevor zwei Männer Matteo mitten in der Nacht aus dem Bett reissen, in einen Lieferwagen sperren und auf einer Alp abladen, sagt sein Vater dann doch noch etwas. Lapidar und doch bezeichnend: «Matteo, es isch guet».
An der Kette
Gut ist für Matteo (Benjamin Lutzke) ziemlich nichts. Und im Erziehungscamp bei Älpler Hanspeter wird’s nicht besser. Die drei Jugendlichen Ali, Anton und Dion haben hier das Sagen, der Älpler ist ein Gefangener im eigenen Heim. Die Drei demütigen Matteo nach dessen Ankunft. Er wird zur Begrüssung in einen Käfig eingesperrt und geschlagen. Ali (Ella Rumpf), die eigentlich eine junge Frau ist, im Camp aber als Junge angesehen wird («Da isch für sie und üs am beschte»), führt Matteo an einer Kette im Stall umher und weist ihn an: «Bell! Bell wie en richtige Hund!». Warten auf Godot meets Verdingbueb.
Als Matteo sich den Respekt der anderen erkämpft hat, entsteht das erste Mal ein Wir-Gefühl. Aus dem «Ich gegen die anderen» wird ein «Wir gegen die Welt», dessen einziger Antrieb die Rachsucht ist. Eine jugendliche Utopie ohne die Romantik von «Herr der Fliegen». Es sind aber keine adoleszenten Robin Hoods, die aus Gerechtigkeitssinn rauben, stehlen und prügeln. Es sind Enttäuschte, die ihre Ernüchterung in einem letzten grossen Aufbäumen gegen die Gesellschaft manifestieren – nichts zu verlieren haben, kein Zurück kennen.
Simon Jaquemet träumte als Jugendlicher von einem Königreich hinter den Bergen, «einem Lager, in dem die Erwachsenen die Kontrolle verloren haben und die Jugendlichen sich selbst überlassen sind», schreibt der Regisseur. Diese Idee stand am Ursprung des Drehbuchs von «Chrieg». Der Druck auf Jugendliche werde immer grösser, Freiräume für Rebellion jeglicher Art würden immer weniger. Mit diesem Königreich hinter den Bergen schuf Jaquemet einen Platz für Rebellen, die in der konsumorientierten und wertenormierten Gesellschaft zwischen die Maschen gefallen sind.
Fünf Filmpreis-Nominationen
Die Darsteller in «Chrieg» sind hauptsächlich Laien. Benjamin Lutzke, der Matteo mit einer beeindruckenden Authentizität spielt, wurde von Regisseur Simon Jaquemet am Zürcher Hauptbahnhof entdeckt. Im Casting setzte sich Lutzke dann gegen über tausend Mitbewerber durch. Am Donnerstag ist der Streifen erstmals im Kinok zu sehen. Während der Vorstellung vom Samstag sind dann auch Regisseur Simon Jaquemet und Hauptdarsteller Benjamin Lutzke in der Lokremise vor Ort.
Die Chancen stehen gut, dass die beiden mit mindestens einer Auszeichnung nach St. Gallen kommen. Am Freitag wird in Genf nämlich der Schweizer Filmpreis verliehen. «Chrieg» ist gleich in fünf Kategorien nominiert, unter anderem für den besten Spielfilm und die beste Montage. Ella Rumpf ist ausserdem für die beste Nebenrolle nominiert, Benjamin Lutzke für die beste Hauptrolle.
Mit verschreckten Securitys in einer bunten Inszenierung von Angelika Zacek präsentiert das Vorarlberger Landestheater in Bregenz Shakespeares Ein Sommernachtstraum.
Das Filmdrama Fuori erzählt ein kurzes Kapitel der aussergewöhnlichen Lebensgeschichte italienischen Schriftstellerin, Schauspielerin und Widerstandskämpferin Goliarda Sapienza.
Die St.Galler Festspiel-Oper spielt dieses Jahr im Haus statt auf dem Klosterplatz – ein Glücksfall für Verdis Aida, die menschlich und musikalisch in die Tiefe geht. Modestas Pitrenas dirigiert ein letztes Mal, Ben Baur inszeniert bildstark.
Im Werk 2 in Arbon dreht sich derzeit alles um Mythen. «Sehnsucht Mythos. Wie Geschichten unsere Welt gestalten» ist eine ästhetische Ausstellung, die mit ihrem sehr breiten Mythosbegriff arbeitet und vielfältige Geschichten unter einem Dach vereint.
Neue Eigenproduktion
Tunneleröffnung
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache