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Der lange Hall des Krieges

Der in Kreuzlingen geborene Dokumentarfotograf Meinrad Schade spürt in einem Langzeitprojekt dem Krieg und dessen Industrie nach. Noch bis im Mai zeigt die Fotostiftung in Winterthur die Bilder seiner Spurensuche.
Von  Katharina Flieger
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Stepanakert, international nicht anerkannte Republik Nagorny- Karabach, Meinrad Schade, 2012

In Stepanakert (Nagorny-Karabach) verfolgt ein Passant mit seinen Kindern begeistert, wie sich die Panzer für die grosse Militärparade am kommenden Tag, dem Unabhängigkeitstag am 9. Mai, in Stellung bringen. Auf der Fotografie nebenan ein weiterer Panzer, auf Spielzeuggrösse geschrumpft allerdings und ferngesteuert: Der Modellpanzer demonstriert an einer der weltweit grössten Waffenmessen in Paris eines der Produkte der russischen Firma Uralvagonzawod, die bis auf Stalins Waffenindustrie zurückgeht.

Denkmäler und Militärparaden, Porträts von Vermissten und Waffenmessen: Sie alle sind Nebenschauplätze des Krieges, Inszenierungen der Erinnerung. Seit über zehn Jahren arbeitet Meinrad Schade an seinem Langzeitprojekt Vor, neben und nach dem Krieg – Spurensuche an den Rändern der Konflikte. Darin versammelt er Fotografien, die er seit 2003 im Nahen Osten und in Ländern der ehemaligen Sowjetunion – meist schlicht als «Konfliktgebiete» bezeichnet – aufgenommen hat: Bilder zerstörter Gebäude in Tschetschenien, Alltagsmomente im Leben Vertriebener in Inguschetien, körperliche Folgen von Atombombentests in Kasachstan oder Bilder des Grenzkonflikts zwischen Armenien und Aserbaidschan um das Gebiet Nagorny-Karabach im südlichen Kaukasus, wo seit 1994 zwar Waffenstillstand, aber kein Friede herrscht. Es sind keine Bilder expliziter Gewalt, wie sie heute massenhaft verfügbar sind, vielmehr sind es teils versteckte, teils überdeutliche Hinweise auf Spuren des Krieges.

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Herzlberg, Jerusalem, Israel, Meinrad Schade, 2013: Vor der Zeremonie anlässlich des 65. Jahrestages der Staatsgründung Israels flicht eine Teilnehmerin ihrer Kollegin die Haare.

Hoffnungslos im Nach-Krieg


Der 1968 in Kreuzlingen geborene Fotograf stellt sich mit seiner Arbeit dem Trend unmittelbar verfügbarer und schnelllebiger Kriegsbilder entgegen. Schade, der sich nach einer Anstellung beim «St.Galler Tagblatt» selbständig machte, beschäftigt sich im Gegenteil mit den langlebigen Folgen und Elementen der Erinnerungskultur.

Erinnerungen, die mancherorts ausgiebig zelebriert und inszeniert werden, etwa bei den zahllosen Paraden oder Denkmälern zum Sieg der Sowjets über die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Doch funktionieren Schades Bilder aus der Anfangsphase des Projekts auch als eigentliche Erinnerungsträger, die vernichtet zu werden drohen – wie in Grosny, Tschetschenien. Dort, wo heute nachts Hochhäuser in bunten Farben funkeln (viele davon leerstehend und von Russland finanziert), soll die Vergangenheit um die beiden Tschetschenien-Kriege 1994 – 1996 und 1999 – 2009 aus dem kulturellen Gedächtnis verdrängt werden.

Der kürzlich auf «Arte» ausgestrahlte (und bis Anfang Mai online verfügbare) Film Tschetschenien – Vergessen auf Befehl von Manon Loizeau zeigt eindrücklich auf, wie eben- diese Spuren des Krieges, die Meinrad Schade 2003 dokumentiert hat, vom neuen Machthaber Ramsan Kadyrow systematisch unterdrückt werden. Auf die in Schades Ausstellung omnipräsente Frage «Wann ist ein Krieg vorbei?» liesse sich mit einer der tschetschenischen Protagonistinnen im Film antworten: «Tagsüber erscheint das Leben in Grosny schön. Aber in der Nacht beginnt ein anderes Leben: Wir leben in ständiger Angst. Sie ist grösser als damals im Krieg. Es heisst, heute sei Frieden. Doch dies ist eine Illusion: Während des Krieges gab es wenigstens einen klaren Feind. Wir versteckten uns vor Bomben und Heckenschützen, flohen in benachbarte Republiken und hofften auf den Frieden. Heute habe ich keine Hoffnung mehr.»

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Waffenmesse in Paris, Frankreich, Meinrad Schade, 2014: Alle zwei Jahre findet in Paris eine der weltweit grössten Waffenmessen statt. Uralvagonzawod ist einer der bedeutendsten Hersteller für Panzer und anderes Kriegsgerät. Die russische Firma geht auf Stalins Waffenindustrie zurück, die auch den legendären Panzer T-34 baute. Dieser war im Zweiten Weltkrieg den deutschen Panzern überlegen und trug wesentlich zum Sieg über die Wehrmacht bei.

«Seltsame Normalität»


Schades Fotoessays sind in der Ausstellung teils in thematischen Gruppen nach unterschiedlichen geografischen Gebieten sortiert. Doch wird diese Ordnung immer wieder gebrochen und nach visuellen Analogien formiert, wie beim eingangs beschriebenen Objekt «Panzer». Unter anderem in solchen Entsprechungen und unerwarteten Dialogen liegt für Schade der Reiz eines Projekts, das über einen derart langen Zeitraum verfolgt wird, wie er in einem in der Ausstellung zu sehenden Film betont: So passe ein Bild, das er zehn Jahre zuvor aufgenommen habe, unvermittelt mit einem neuen Bild zusammen.

Bereist man diese Regionen, wird bald eine spezifische Art Normalität auffällig. Ist der Krieg vorbei, sehnen sich alle nach ihr, sie ist dringende Notwendigkeit: Man muss waschen, kochen, essen, leben. Gleichzeitig findet irgendwo eine Waffenmesse statt. Die Herausgeberin des bei Scheidegger & Spiess erschienenen Bildbands, Nadine Olonetzky, nahm in ihrer Eröffnungsrede Bezug auf diese «seltsame Normalität», die aus den Bildern zu spüren sei: «Es sind diese Parallelen, die das Groteske hervorheben – in Schades Bildern kommen sie zum Ausdruck.»

Das «vor», «nach» und «neben» dem Krieg schlägt sich auch im Aufbau des Ausstellungskatalogs nieder: Olonetzky und das Grafikduo Megi Zumstein und Claudio Barandun verzichteten auf einen klassisch chronologischen Auf- bau. Stattdessen versuchen sie, über visuelle Parallelen auch inhaltliche strukturelle Zusammenhänge aufzuzeigen. Im Gegensatz zur Ausstellung konzentriert sich das Buch auf den Raum der ehemaligen Sowjetunion und die Kriegsindustrie. Schade sei «Kriegsfotograf, ohne in den Krieg zu gehen». Zum Glück. Denn die Ergebnisse seiner Spurensuche sind, einzeln betrachtet, leise Hinweise auf eine diffuse Maschinerie. In der Gesamtheit der Ausstellung schwellen sie zu einem beunruhigenden Summen an.

 

Titelbild: War & Peace Show, Beltring, Kent, England, Meinrad Schade, 2009: Re-enactors in der amerikanischen Uniform aus dem Zweiten Weltkrieg: Jedes Jahr im Juli findet in der Grafschaft Kent die «War & Peace Show» statt. Es ist eine grosse Living History-Veranstaltung, an der sich das Nachspielen vor allem des Zweiten Weltkrieges besonderer Beliebtheit erfreut. Die Menschen, die ein solches Hobby pflegen, nennen sich Re-enactors und ihr angeblich grösstes Anliegen sei, die Geschichte für andere erfahrbar zu machen und so das Bewusstsein für die Schrecken des Krieges zu schärfen. (Legende: Fotostiftung Schweiz)

 

Meinrad Schade, Krieg ohne Krieg:
Bis 17. Mai, Fotostiftung in Winterthur, weitere Infos: fotostiftung.ch

Bildband zur Ausstellung:
Krieg ohne Krieg / War Without War –  mit Texten von Nadine Olonetzky, Fred Ritchin, Michail Schischkin und Daniel Wechlin, Verlag Scheidegger & Spiess, Fr. 54.–

Manon Loizeau, Tschetschenien – Vergessen auf Befehl:
Bis 2. Mai online verfügbar auf: arte.tv

 

Dieser Text erschien im April-Heft von Saiten.

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