Am Sonntagabend des 24. Februar 1965 vergass Pater Benedikt Josef (1912–1980) im Gebetszimmer Nr. 5 der Abtei Thelema in Stein AR ein Taschenmesser mit Elfenbeingriff, einen Silberlöffel, eine silberne Taschenuhr und zwei Wachskügelchen an Schnüren.
Es waren die Utensilien seines persönlichen Gesundheits-Rituals: Mit dem Messer wurde ein Teil des Wachses abgeschnitten und auf dem Silberlöffel geschmolzen, der heisse Wachs dann auf die Haut gegossen und dort während vier Minuten getrocknet. Je ausgelaufener der Wachsfleck, desto mehr Schmerz brachte der kommende Tag.
Pater Benedikt Josef war ein orthodoxer Wanderpriester und pflegte ein freundschaftliches Verhältnis mit Niklaus Keller, Ordensführer der Abtei Thelema. Er war häufig für mehrere Tage zu Besuch. Dem Pater waren die Themen Gesundheit und Politik besonders wichtig. Später in diesem Jahr schrieb er an Niklaus Keller:
«Die Herren, welche mit der Zigarre im Munde sich hinter den Schoppen setzen und über die Lösung der sozialen Frage philosophieren, die Herren sind nicht ernst zu nehmen! Die werden die soziale Frage nicht lösen!»
Keller nahm die Briefe des Paters persönlich. Ein Streit um den Konsum von Messwein führte in der Folge zum Bruch der Männerfreundschaft. Trotzdem erhielt Pater Benedikt Josef im Juni 1965 eine Einladung nach Stein. Darauf reagierte er:
«Liebe Thelemiten! Eure Einladung zum Jahrestag der Glockenweihe habe ich mit Dank erhalten. Da ich von Euch in Stein ausquartiert u. obdachlos gemacht worden bin, muss ich annehmen, dass ich euch nicht mehr genehm bin. Mit freundlichem Gruss!»
Von da an radikalisierte sich der Pater. Er trug stets das Programm der Weltrevolution mit sich, welches in der Zeitschrift «Antimilitarist» 1964 veröffentlicht wurde. Das Programm enthält 22 Punkte zur Revolution. Zwei Beispiele:
«Wir werden stufenweise jede Verfassung abschaffen, um sie durch den absoluten Despotismus (Bolschewismus, sogenannte Diktatur des Proletariates) zu ersetzen.»
«Wir werden den Untergang der Staaten vorbereiten. Wir werden die Menschheit durch Schrecken u. Entbehrungen erschöpfen, denn der Hunger schafft Sklaven.»
Fortan engagierte er sich vor allem im linken Untergrund, bis er krank wurde und sich entschloss, trotz des Zwists seine letzten Tage in der Abtei Thelema zu verbringen. Er verstarb 1980.
2009 wurde der Orden aufgelöst und der gesamte Nachlass der Abtei Thelema fiel an den Staat. So lagern seither im Archiv der Kantonsbibliothek von Appenzell Ausserrhoden in Trogen neben tausenden von Objekten und Büchern der Abtei nicht nur die Ritualgegenstände von Pater Benedikt – der Staat erbte auch das Programm seiner eigenen Abschaffung.
Dieser Text ist ein Erbstück. Noch mehr davon gibts in der Septemberausgabe von Saiten. Nina Laky ist Redaktionsleiterin, Projektkoordinatorin und freie Journalistin.
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