Das Buch zeigt David Bürkler auf der Vorderseite von hinten und auf der Hinterseite von vorn. Das passt zum hintersinnigen und listigen Schaffen des Künstlers. Man kannte in der Stadt die «unvergesslichen Konstanten» (Kunstmuseumsdirektor Roland Wäspe) seiner Erscheinung: den langen Bart, den wallenden Mantel, die wachen Augen. Man vermisst ihn – David Bürkler ist am 16. Januar dieses Jahres gestorben.
Auf das Buch habe er sich gefreut, sagte Herausgeberin Corinne Schatz an der Vernissage im Kunstmuseum. Der Entscheid, es trotz der Zäsur, die sein Tod bedeutete, wie geplant zu Bürklers 80. Geburtstag herauszubringen, sei erleichtert worden durch die Möglichkeit, den Nachlass des Künstlers mit einzubeziehen – insbesondere die Einladungskarten und Zeitungskritiken seiner Ausstellungen, die David Bürkler von den Anfängen 1959 an minutiös archiviert hatte. So gesellt sich zur Werkschau im Buch eine kleine Medienschau, bis zu einer der letzten «Tagblatt»-Besprechungen 2013, die der grossen Retrospektive in der Galerie Bleisch in Arbon gewidmet war und den Titel trug: «Die Poesie des Blechs».
David Bürkler: ICH (Bild: Jan Kaeser)
Interessiert an allem Neuen
Die so unscheinbare wie poetische Transformation des Alltäglichen: Darin sieht Corinne Schatz eine zentrale Qualität der Arbeit von David Bürkler. Über die Jahrzehnte sei er dabei zu immer grösserer Präzision und Perfektion gelangt. Eins dieser hochpräzisen «Alterswerke» ist 2005 enstanden und seit 2015 im Botanischen Garten St.Gallen zu sehen und zu begehen: drei Stahlplatten, in den Boden eingelassen, mit den Aufschriften «ICH», «BIN» und «HIER».
David Bürklers Weg, im Buch ausführlich nachzulesen, war von seinem «ungestümen Interesse an allen zeitgenössischen Tendenzen» geprägt. Er stellt sich früh auf die Seite der ungegenständlichen Kunst, erprobt Konzeptkunst, Minimal und Land Art, Tachismus, Collage und Assemblage, und findet ab 1975, nach dem definitiven Schritt zur Skulptur immer mehr zu seiner ureigenen gestalterischen Sprache.
Tische, Taburettli oder Schachteln werden zu Leitmotiven, minutiös ist seine Materialwahl, von verblüffendem Witz seine Verwandlungskunst. Angesichts des reichen skulpturalen Werks erstaune es, wie wenige Werke Bürklers im öffentlichen Raum Platz gefunden haben, sagt Corinne Schatz. Eines ist die Skulptur «Installationsplastik» in Andeergranit und Eisen vor der Sporthalle Kreuzbleiche, erstellt 1984.
Teil der St.Galler Kunstdebatten
David Bürkler verpasste keine Documente, war an beinah jeder Vernissage zu Gast und galt als einer der bestinformierten Ostschweizer Kunstschaffenden. Sein Wissen und sein Engagement stellte er jahrelang auch in den Dienst der GSMBA und als deren Delegierter in nationalen Verbänden. Das ging nicht ohne Konflikte ab – in St.Gallen polarisierte die Auseinandersetzung zwischen abstrakter und gegenständlicher Kunst besonders heftig und aus heutiger Sicht fast nicht mehr nachvollziehbar.
An Bürklers Werdegang lässt sich ein spannungsreiches Stück St.Gallischer Kunst- und Kulturpolitik nachzeichnen, wie dies Corinne Schatz einleitend im Buch mit viel Übersicht tut. Dazu gehörten die Querelen um die Teilnahme an den Jahresausstellungen der GSMBA, dazu gehörte insbesondere der «Skandal» um das Werk «Gran Esquincal» von Antoni Tàpies im Theaterfoyer, jene «roten Fetzen», die 1970 eine der heftigsten Kunstdebatten auslösten – zu den vehementen Verteidigern des Werks zählte auch David Bürkler «mit seiner Don-Quijote-haften Kämpfernatur», schreibt Corinne Schatz.
Eine imaginäre Zeichnung der Stadt
Lebendig wird zudem noch einmal die Kunstszene um Kurt Wolf und Max Oertli am Mühlensteg, zu deren Kern auch Bürkler zählte. Oder die «bleierne Zeit» während der Zwangsschliessung des Alten Museums 1971-1987 – die dafür die Bildung einer dynamischen Off-Kunstszene förderte, mit Josef Felix Müller, mit HR Fricker, mit Alex Hanimann und anderen.
David Bürkler hat an all diesen Umbrüchen Anteil genommen – die ganz grosse Anerkennung blieb aber aus, sieht man von der Teilnahme an der wichtigen Übersichtsausstellung «Aufbruch» 1993 im Kunstmuseum St.Gallen ab, die Bürkler neben seinem einstigen Mentor Diogo Graf und anderen Vorreitern der Abstraktion zeigte. Jetzt sind Diogo Graf und David Bürkler noch einmal gemeinsam präsent: Adrian Bleisch zeigt in seiner aktuellen Ausstellung bis zum 16. Juli Werke der beiden Weggefährten.
Ein wunderbares Bild für die Präsenz von David Bürkler in seiner Heimatstadt hat Vexer-Verleger Josef Felix Müller im Nachwort zum Buch gefunden. Er habe David oft an Bushaltestellen getroffen, gemeinsam seien sie dann Bus gefahren und David habe erzählt. Der öffentliche Raum als Quasi-Wohnstube, die Busfahrten quer durch die Stadt als «lineare Wegmarken»: «Das ist ein unbewusst entstandenes, geniales Alterswerk. David schuf eine imaginäre und rätselhafte Zeichnung in der Stadt St.Gallen – erzeugt durch Begegnung und Bewegung.»
Bildergalerie: «Marylong», 1960, Collage / «Bodenobjekt dreiteilig», 1992, Eisenblech, Buchenholz / «Gebogen und durchbohrt», 1993, Eisen, Triennale de sculpture contemporaine, Bex / Ohne Titel, 2015, Stahl (Bilder: Stefan Rohner, Corinne Schatz)
Corinne Schatz: Der Künstler David Bürkler und sein Werk, Vexer Verlag St.Gallen 2016, Fr. 58.-
Galerie Bleisch Arbon: David Bürkler, Diogo Graf, bis 16. Juli. galeriebleisch.ch
Ohm41 stellen wieder aus
Das Thurgauer Pop-Phänomen Noemi Beza veröffentlicht Anfang Juni ihre neue EP. You’ll Find Me There vereint Country-Vibes mit astreinem Pop – was man ein wenig vermisst, sind Ecken und Kanten.
Kolumne: Stimmrecht im Juni
Ausstellung in Herisau
Nach 22 Jahren gibt Matthias Peter die Leitung der St.Galler Kellerbühne ab. Vom Raum ist er nach wie vor begeistert. Aber dem Kabarett ging es auch schon besser, erzählt er im Gespräch.
Die Thurgauer Künstlerin Micha Stuhlmann befasst sich in ihrem neuen Projekt mit dem Dasein im Moment. Am 7. Juni findet dazu ein Workshop in St.Gallen statt und am 26. Juni zeigt sie mit ihrem Ensemble die finale Performance in Kreuzlingen.
Die Tonhalle Wil wurde 1876 eröffnet. Seither bereichert sie praktisch ununterbrochen das kulturelle Leben der Äbtestadt. An den kommenden zwei Wochenenden wird gefeiert.
Jonas Ulrich taucht mit seinem ersten Spielfilm in die Black-Metal-Welt ab. Wolves ist eine bildstarke Geschichte über Einsamkeit und das Dazugehören, voller Gegensätze und mit etwas holprigen Dialogen.
St.Gallen bewahrt nicht mehr nur 1000-jährige Handschriften. Mit dem Internet Archive Switzerland entsteht hier ein Archiv für Webseiten, künstliche Intelligenz und das digitale Gedächtnis der Zukunft.
Mit Internet Archive Switzerland entsteht in St.Gallen ein Ableger des grössten Archivs für Websiten und Künstliche Intelligenz weltweit. Ausserdem im Juniheft: Männer unter Generalverdacht, das grosse St.Galler 80er-Buch, das Abschiedsinterview mit dem langjährigen Kellerbühnenchef und die Flaschenpost aus Venedig.
Der WWF St.Gallen wird 50 Jahre alt. Sein Geschäftsleiter Lukas Indermaur zieht bei der Beurteilung der aktuellen Situation von Natur und Umwelt eine durchzogene Bilanz.
«Urs Frei. A – Z» im Kunstmuseum St. Gallen ist die erste Retrospektive zum ausserordentlichen Schaffen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Arbeiten geben Einblick in ein Werk, das kaum zu fassen ist. Das gehört zu seiner Qualität.
Wie wollen wir künftig leben und unsere Nahrungsmittel produzieren? Die Ausstellung «How goes Tomorrow» der Ostschweizer Künstlerin Claude Bühler in der Shedhalle in Frauenfeld sensibilisiert für nachhaltige Handlungsstrategien.
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.