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Der Punkrocker des Schweizer Films

Christian Schocher ist der grosse Unbekannte der Schweizer Filmszene. Dabei hatte er diese vor über 30 Jahren mit seinem kaputten Roadmovie Reisender Krieger umgepflügt. Das Kinok zeigt nun eine Werkschau – und einen feinen Dok-Film über den Engadiner Filmemacher.
Von  Urs-Peter Zwingli

Eine Kamerafahrt über enge und düstere Strassen, die von Schneewällen begrenzt werden. Schon diese Anfangszene des Dokumentarfilms Christian Schocher, Filmemacher zeigt: Man muss ungewöhnliche Wege gehen, wenn man sich dem Engadiner Regisseur annähern will. «Es brauchte seine Zeit, bis sich Christian Schocher uns vor der Kamera geöffnet hat», sagt der in St.Gallen aufgewachsene Regisseur und Architekt Marcel Bächtiger.

Er hat gemeinsam mit dem ebenfalls aus St.Gallen stammenden Andreas Mueller das erste umfassende, filmische Porträt von Schocher erstellt. Dieser ist mittlerweile 69-jährig und bis heute der grosse Unbekannte des Schweizer Films: Interviews mit ihm findet man kaum, auch Film- und Fotoaufnahmen sind äusserst rar.

Und so umweht den «Einzelgänger, Pionier, genialen Dilettanten und alpenländischen Derwisch», wie es im Dok-Film einleitend heisst, noch immer ein Hauch von Mythos. «Wir wollten diesen Menschen, der ein unabhängig denkendes Original ist, unbedingt festhalten», sagt Bächtiger. Er war Schocher erstmals begegnet, als er ihn als Referent an ein Filmseminar an der Architekturabteilung der ETH eingeladen hatte.

Tatsächlich lernt man in Christian Schocher, Filmemacher einen Menschen und Künstler kennen, der radikal eigenständig gelebt und gearbeitet hat. Nach einer Fotografenlehre übernahm er 21-jährig das Cinéma Rex in Pontresina von seinem Vater, das er in den 45 Jahren darauf betrieb. «Dass ich daneben aber selber Filme machen will, wusste ich, seit ich 17 war», sagt Schocher im Film.

«Erstickte Gefühle, niedergewalzte Träume»

Und das tat er dann auch. Ohne professionelle Ausbildung, mit Laiendarstellern, mit dem Motto «Rausgehen und Losfilmen». Sozusagen der Punkrocker unter den Filmemachern.

Mit diesem mutigen Ansatz gelang Schocher der Film, der bis heute aus seinem Werk herausragt: Das kaputte, melancholische Roadmovie Reisender Krieger. Der Film begleitet den verlebten Parfümvertreter Willy Ziegler auf einer einwöchigen Reise durch die Schweiz von 1980: Viel trostloses Grau, Plattenbauten, Autobahnen, Agglo. «Wir haben uns extra die hässlichsten Orte der Schweiz ausgesucht», sagt Schocher vor der Kamera.

Er wollte damals die enge Schweiz abseits des Heidi-Klischees zeigen. Der Film sei ein «einsamer Trip durch die Fassaden eines Landes, das nach Money, Milk and Honey stinkt, nach Business, Blei und Beton, nach erstickten Gefühlen und niedergewalzten Träumen», wie Schocher in einem lesenswerten Porträt auf der Kinok-Website sagt.

In Christian Schocher, Filmemacher wird auch die ungewöhnliche Entstehungsgeschichte von Reisender Krieger aufgerollt: Den Hauptdarsteller Willy Ziegler hatte Schocher in einer Beiz in Luzern aufgelesen. Der trinkfreudige Ziegler, ohne jegliche schauspielerische Erfahrung, improvisierte praktisch seine ganze Rolle, vorgeschriebene Dialoge oder Handlungen gab es nicht. «Jeden Abend diskutierten wir, was wir am nächsten Tag wo filmen wollten», erinnert sich Heinz Lüdi, ein Jugendfreund, den Schocher als eigentlichen Co-Produzenten des Films bezeichnet.

Die Handkamera folgte Hauptdarsteller Ziegler unauffällig, weil ohne Kunstlicht, in düstere Beizen und Läden. In Gesprächen mit Nachtvögeln, Bauern oder einer Coiffeuse (die sich über die «Arschlochigkeit» der Welt beklagt) verschwimmen die Grenzen zwischen Dok- und Spielfilm.

Ausgebuht in Solothurn

Neben Reisender Krieger und Christian Schocher, Filmemacher zeigt das Kinok noch zwei weitere Werke von Schocher, etwa den Alpen-Western Das Blut an den Lippen der Liebenden. Dass der rare Schwarzweiss-Streifen überhaupt einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wird, ist Bächtiger und Mueller zu verdanken. Sie machten sich für die Digitalisierung des Filmes stark, der ansonsten wohl in Schochers Archiv geblieben wäre: Bei dessen Uraufführung am Filmfestival Solothurn 1978 war Schocher ausgebuht worden. «Danach wollte ich das Filmemachen eigentlich an den Nagel hängen», erinnert er sich.

In der Rückschau muss man heute sagen: Zum Glück hat es sich Schocher nochmals anders überlegt und seine wuchtigen, knorrigen Werke quer in die Schweizer Filmlandschaft gestellt.

 

Die Premiere des Dok-Films «Christian Schocher, Filmemacher» ist am Freitag, 14. August, im Kinok St.Gallen. Die beiden Regisseure Marcel Bächtiger und Andreas Mueller diskutieren im Anschluss an den Film mit «Tagblatt»-Journalist Marcel Elsener.

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