Das Muster ist weltweit das gleiche: Den Kritikern wird unterstellt, sie lehnten Israels Existenzrecht und das Recht, dieses zu verteidigen, ab. Dabei spiele vielfach Antisemitismus eine wesentliche Rolle. Diesem Muster entspricht der gestern in der «Schweiz am Sonntag» publizierte Offene Brief des Journalisten Sascha Wigdorowits und auch weitgehend das am 24. Juli im St. Galler Tagblatt publizierte Interview.
Befremdlich ist, dass das Tagblatt zum erneuten Einmarsch einer israelischen Soldateska im Gaza-Streifen (Bild oben: bombardierte Häuser in Gaza, Quelle: electronicintifada.net) nicht einen Palästinenser oder eine Palästinenserin interviewt, sondern mit Herbert Winter, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG), einen eindeutig proisraelisch gesinnten Vertreter. Der Gaza-Einmarsch muss für die Antisemitismus-Thematisierung herhalten. Das ist tendenziös, zumal die antisemitischen Reaktionen auf Israels Krieg vielfach verbal sind und die Schweizer Juden weniger an Leib und Leben bedrohen als Israels Militäraktionen die Bevölkerung im Gaza-Streifen. Als Alternative zum Fürsprecher für die Israel-Politik hätte sich auch eine Persönlichkeit der «Vereinigung kritischer Juden in der Schweiz» angeboten. Diese Vereinigung vertritt eine akzentuierte Israel-Kritik. Eine solche Position kam im Tagblatt immerhin am 20. Juli mit dem israelischen Friedensaktivisten Reuven Moskovitz zu Wort.
Ein post-jüdisch-zionistisches Trauma
Um dem Antisemitismus-Vorwurf vorzubeugen, hier eine kurze Legitimationserklärung: Ich entstamme einem jüdisch-nationalen, stark zionistisch geprägten Milieu und habe mich vor Jahren davon abgelöst. Trotzdem ist Israel noch immer ein Trauma für mich, ein post-jüdisch-zionistisches sozusagen. Man kann seine Wurzeln eben nicht ausreissen. Und es erzeugt einen besonderen Leidensdruck, wenn sich heute Teile dieser Wurzeln zu einem faschistoiden Apartheids-Staat entwickelt haben. Kürzlich sah ich in einer Fernseh-Doku ultraorthodoxe Siedler, gerade erst aus Russland eingewandert, die ein Stück Land auf der Westbank besetzten und dem alten protestierenden Palästinenser, dessen Familie schon seit Generationen auf dem Grundstück lebt, ins Gesicht schleuderten: «Hau ab! Das Land gehört uns Juden, Gott hat es uns gegeben.»
Was ist Antisemitismus?
Ich hasse solche Menschenverachtung, solchen Chauvinismus. Bin ich deshalb ein Antisemit? Was ist überhaupt Antisemitismus? Es ist eine extreme Form von Rassismus, die die physische Vernichtung der Juden zum Ziel hat. Das begann bereits im 11. Jahrhundert mit den ersten Kreuzzügen. In deutschen Städten im Rheinland wurde die jüdische Bevölkerung im Wahn, Jerusalem für die Christenheit befreien zu müssen, massakriert. Die Mordkampagnen setzten sich im Mittelalter fort, vor allem in Zeiten der Pest, wo Juden als Brunnenvergifter beschuldigt worden sind. Gegipfelt hat der Judenhass schliesslich im politischen Antisemitismus, im Holocaust.
Der Holocaust war eines der übelsten Ereignisse der Menschheitsgeschichte. Die vom Wiener Dandy Theodor Herzl angedachte und 1896 in einer euphorischen Schrift niedergelegte Idee «Der Judenstaat» bot sich nachgerade an als Wiedergutmachung an den Juden. Ihnen sollte ein Staat als Heimstätte und Schutzreservat gegeben werden. Herzl, ein nicht religiöser, stark emanzipierter Jude, war der Ansicht gewesen, dass seine Karriere als Jurist wegen seiner ethnischen Herkunft nicht vom Fleck kam. Er wechselte den Beruf, schrieb Theaterstücke und berichtete als Journalist über den Dreyfus-Prozess. Der Jude und französische Artillerie-Hauptmann Alfred Dreyfus wurde von einem Kriegsgericht 1894 aufgrund eines Komplotts, wie sich später herausstellte, wegen angeblichen Landesverrats zugunsten des Deutschen Kaiserreichs zu langjähriger Haft auf einer Gefangeneninsel verurteilt, in einem neuen Prozess aber vollumfänglich rehabilitiert.
Herzl sah in der Dreyfus-Affäre ein Beispiel für die latente Judenverfolgung in Europa und kam zum Schluss, dass ein Zusammenleben zwischen Juden und Christen unmöglich sei. Er schlug deshalb die Auswanderung aller Juden aus Europa und die Gründung eines eigenen Staates, zuerst auf Madagaskar, dann in Argentinien und schliesslich in Palästina vor.
Es droht keine Vernichtung Israels
Das 1948 einseitig ausgerufene, aber sofort international anerkannte Israel führte in seiner Geschichte vier Verteidigungskriege gegen seine arabischen Nachbarstaaten. Die späteren Feldzüge in den Libanon und in den Gaza-Streifen sind reine Vergeltungskriege. 1967 – im Sechs-Tage-Krieg – begann die Besetzung der Palästinenser-Gebiete, die bis heute andauert. Seither muss sich Israel den Vorwurf gefallen lassen, ein imperialistischer Staat zu sein. Die Armee verteidigt in Wirklichkeit nicht das Existenzrecht Israels, sondern schlägt permanent Aufstände in besetztem Gebiet nieder und missachtet dabei zahlreiche UNO-Resolutionen. Eine Hightech-Armee walzt mit Kampfjets und schwerer Artillerie Volksaufstände nieder und bekämpft aus ungleich stärkerer Position bewaffnete Gruppen, die teilweise mit Anschlägen und Steinzeit-Raketen operieren, aber nicht die geringste Chance haben, Israel zu vernichten. Hier ein Gespräch zum Thema «Israel im Krieg».
Die Anlässe für die mörderischen israelischen Militäroperationen sind weltweit einzigartig. Die jüngste Aggression gegen den Gaza-Streifen wurde durch die Ermordung von drei israelischen Talmudstudenten ausgelöst. Israel unterstellte das Verbrechen der radikal-islamischen Hamas, die den Gaza-Streifen politisch beherrscht. Die Hamas bestritt aber die Tat vehement, und Israel konnte auch keinerlei forensische Beweise für die Mordbehauptungen liefern, startete aber trotzdem auf der Westbank eine Verhaftungswelle und jagte Wohnhäuser von Verdächtigen in die Luft. Israelische Ultras haben aus blinder Rache einen 16-jährigen Palästinenser lebendigen Leibes verbrannt, und israelische Polizisten prügelten im Nachhinein seinen Cousin fast zu Tode.
Daraufhin startete die Hamas den Dauerbeschuss von israelischem Territorium mit Steinzeitraketen und versuchte über das weitverzweigte Tunnel-System aus dem Gaza-Streifen nach Israel zu gelangen, um Anschläge zu verüben. Fazit ist, dass die palästinensischen Angriffe bislang zwei Todesopfer und mehrere Verletzte gefordert haben. Im Gaza-Streifen hingegen starben bis jetzt über 800 Menschen durch die israelische Armee und wurden rund 2.500 Wohnungen sowie wichtige Infrastrukturen ganz oder teilweise zerstört. Ein einigermassen humanitär gesinnter Mensch muss in diesem Zuhammenhang nur eine einzig Frage stellen: Stimmt das Verhältnis?
Auf dem Weg zum selbstgerechten Gottesstaat
Gott als Rechtfertigung für Landraub: Worauf sich russische Siedler ohne jegliche Skrupel gegenüber einem alten Palästinenser in der Fernseh-Doku berufen, wird in Israel immer mehr zum Programm. Die Gesellschaft weist in religiösem Sinn einen starken Trend zur menschenverachtenden Ultraorthodoxie auf. Diese Haltung führte bereits in der Antike zum griechischen und römischen Antijudaismus. Davon ist schon im Tanach (hebräische Bibel) die Rede. Viele Juden jener Zeit waren ausgesprochen antimultikultural eingestellt und sonderten sich mit ihrem extremen Monotheismus als «von Gott auserwähltes Volk» von den nichtjüdischen Menschen ab. Die grossen Zivilisationen der Antike besetzten abwechslungsweise das Territorium der Juden und waren in religiöser Hinsicht multikulturell eingestellt. Sie akzeptierten in der Regel die Kulte und Religionen der Besiegten. Die Juden wurden aber wegen ihrer strikten Ablehnung anderer Religionen und der absolutistischen Erhöhung ihres eigenen Glaubens als Fremdkörper behandelt.
Auf mörderische Weise griff das Dritte Reich dieses Stigma wieder auf und machte in eigentlicher Kammerjäger-Manier die Juden wegen ihrer angeblichen Fremdheit und Andersartigkeit zu den «Schädlingen am deutschen Volkskörper». Der Zionismus, die staatstragende Idee, sieht auch heute noch im Holocaust eine Existenzbedrohung der Judenheit insgesamt. Für die Abwehr von Kritik, von welcher Seite sie auch immer kommt, ist daher eine eigentliche «Holocaust-Industrie» in Gang gesetzt worden.
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