Andreas Niedermann, 1. August 2014 um 20:07 Uhr Noch ein Nachtrag und Beitrag: "Wer Juden etwas übel nimmt, das er Nichtjuden nicht übel nimmt, ist ein Antisemit." Ist nicht von mir, aber ich stimme dem zu. http://www.welt.de/print/die_welt/debatte/article130653786/Immer-diese-Juden.html
Martin Müller, 28. Juli 2014 um 21:15 Uhr Wenn bei Demonstrationen - so behauptet mindestens Sascha Wigdorovits, und ich halte das nicht für unglaubwürdig - gegen Schweizerische Juden Stimmung gemacht oder in Facebook Hitlers Rückkehr gewünscht wird oder man Aussagen vernimmt wie "Israel muss sich nicht wundern, wenn bei dieser Politik Antisemitismus aufflammt", wenn also die israelische Regierung mit "den Juden und Jüdinnen" gleichgesetzt wird, dann IST das Antisemitismus. Kritik an der israelischen Regierung oder Armee ist selbstverständlich keiner. Schwieriger scheinen mir die Antworten auf Andreas Niedermanns (sehr berechtigte!) Fragen. Ein vorläufiger Versuch: Dass gerade Israel so anders behandelt wird, könnte tatsächlich doch mit der v.a. europäischen Geschichte zusammenhängen und damit, dass sowohl der Holocaust als auch der Antisemitismus noch lange nicht bewältigt sind. Ich erinnere mich, wie vor einigen Jahrzehnten die Stimmung in der Schweiz genauso einseitig israelfreundlich war und die Palästinenser ausschliesslich mit Terroristen gleichgesetzt wurden. Auch damals interessierten die Opfer der Kriege kaum jemanden, immer nur die Täter. Mit dem Gerede von der Holocaust-Industrie bei Harry Rosenbaum (und andern) kann ich nichts anfangen. Natürlich können sich Opfer des Holocaust und deren Fürsprecher wirksamer artikulieren als dies die Opfer anderer Katastrophen leider nicht können. Aber ihre Aufklärungsarbeit und ihre Bemühungen um Wiedergutmachung etc. als "Industrie" zu diffamieren, ist unangemessen. Schliesslich steht noch immer ausser Frage, dass der Holocaust als ein singuläres Phänomen in der Geschichte steht, und zwar weil nur hier die Vernichtung im wahrsten Sinne des Wortes industriell betrieben wurde. (Gerade deswegen ist die erwähnte Konnotation besonders perfid.) Und nicht einmal wegen der unvorstellbaren Zahl der Opfer. Wendet man nämlich die Aufmerksamkeit tatsächlich den Opfern zu - das gilt für jeden Krieg, jeden Völkermord - wird sofort klar, wie zynisch es ist, Opferzahlen gegen einander aufzurechnen. Oder ist der Tod von hundert Kindern für die Eltern des einen schlimmer als der eine Tod des eigenen? Wird dieser eine dadurch weniger schlimm, weil es noch viele andere gibt? Ich glaube eher daran, dass genau deshalb keine Lösungsideen gefunden werden, weil eben niemand wirklich die Opfer interessieren, sondern man sich immer auf Rache und auf die Täter fixiert. Protest kann dann auch eine Art symbolischer Rache sein, diese richtet sich logischerweise nur an die eine Partei, die mordet, und nicht an beide. Möglicherweise wird der Protest an einen immerhin demokratisch verfassten Staat, der zur Staatengemeinschaft gezählt wird, gerichtet, weil hier erwartet wird, dass demokratische Mittel wie Demonstrationen oder öffentlich adressierte Meinungsäusserungen überhaupt die Chance haben, etwas zu bewirken? Während Regimes wie die von Andreas Niedermann genannten als ausserhalb der demokratischen Staatengemeinschaft stehend wahrgenommen werden, für absolute Willkür und Unterdrückung der Meinungsfreiheit usw. stehen? Und wir also gar keine Form kennen, um sie zu adressieren? Damit ist zwar noch keine Antwort gefunden, aber vielleicht schliesst sich wenigstens ein Kreis: Wenn wir demokratische Mittel achten wollen, ist es allerdings entscheidend wichtig, dasss jeder und jede, die protestiert, sich zumindest fragt: Warum Israel? Wen kritisiere ich (Israel oder "die Juden", halte ich Regierungskritik und Antisemitismus auseinander)? Weine ich auch um die Opfer oder schreie ich nur aus Rache gegen die Täter? Um alle Opfer?
Andreas Niedermann, 28. Juli 2014 um 18:38 Uhr Ich gehe einmal davon aus, dass die Fakten die Harry Rosenbaum anführt nicht falsch sind, und wenn sie es wären, so wäre ich auch nicht in der Lage, es zu überprüfen. Also spielen sie in diesem Fall auch keine Rolle. Mich wundert immer wieder, dass jeder und jede, mit dem man in Europa spricht, eine meist ausführliche und dezidierte Meinung zu diesem Konflikt hat. Niemand aber hat eine Meinung zu Assad der tausende Palästinenser massakrieren ließ, oder als Saddam noch zu Gange war und hundertausende Schiiten mit Giftgas umbrachte - interessierte kaum einen Schwanz. Somalia? Schulterzucken. ISIS? Schweigen. Nordkorea, wo die Menschen zu hunderttausenden verrecken? Ja, da war doch was … Wo werden hier eigentlich die Grenzen des Interesses und des Mitgefühls gezogen? Sind Nordkoreaner, Somalier, Schiiten, nigerianische Christen als Opfer nicht auch so beklagenswert wie Palästinenser, deren gewählte Regierungspartei täglich zig Rakten auf Zivilisten abfeuert? Israelkritik ist nicht gleich Antisemitismus. Das wird jeder vernüftige Israeli bestätigen. Aber warum muss eigentlich jede/r Israel kritiseren? Hat denn jemand der Kritiker auch eine Idee, wie der Konflikt beizulegen wäre? Abgesehen, von derjenigen der Hamas?