Gerade in Kalifornien sind in den letzten Jahren hervorragende Neo-Soul-Bands entstanden, etwa Thee Sinseers und The Altons, Bands, die einen Ohrwurm nach dem anderen hinlegen, Lieder mit wunderbar harmonischen Gesangsarrangements, affirmativen Beats, stimmigen Stories. Zu ihnen gehören auch Thee Sacred Souls.
Die Band, die ihren Stil als «Sweet Southern California Soul» bezeichnet, wurde 2019 in San Diego gegründet, einer Stadt mit weitläufigen Pärken und Stränden, einem angenehmen Klima, «America’s Finest City», wie die Amis sagen, gelegen im tiefen Süden Kaliforniens, eine halbe Fahrstunde von Tijuana, Mexiko, entfernt.
Nur drei Monate nach ihrem ersten Gig standen Thee Sacred Souls in den Daptone-Studios, um ihr Debütalbum aufzunehmen. Das Kult-Label Daptone, 2001 von Gabriel Roth und Neal Sugarman in Brooklyn, NYC, gegründet, ist ein Qualitätsgarant, eine Hochburg der Funk- und Soul-Musik. Bei Daptone veröffentlichen etwa die Altstars Lee Fields oder Charles Bradley, auch Saun and Starr, die Background-Vocal-Ladys der unvergessenen hochenergetischen Soul-Sängerin Sharon Jones (vor Jahren traten die beiden im Palace an der Reihe SoulGallen auf).
Soul gegen die Depression
2020 erschien denn das Debütalbum von Thee Sacred Souls unter dem schlichten Titel des Band-Namens.
2020? – Das war doch das Jahr der Seuche, der Pest, des Lockdowns, das Jahr des «Shitstorms», wie mein New Yorker Dichterfreund Jan Herman zu sagen pflegt. Damals stiess ich auf Thee Sacred Souls. Ihre herzerwärmende, aufbauende Musik trug massgeblich dazu bei, dass ich in der monatelang aufgezwungenen Isolation die Depression überstand.
Tiny Desk Concert
Und nun kamen sie am vergangenen Donnerstag nach St.Gallen ans Kulturfestival im Stadtpark – danach traten sie am Gurten- und am Montreux-Festival auf; vielleicht also das letzte Mal, dass diese Band in der Schweiz in einem so kleinen Rahmen zu sehen sein würde, kündigte das Programm an.
Der 18. Juli ist ein herrlicher Sommertag, angenehme Temperaturen herrschen, um die 25 Grad Celsius. 2005 fand das Kulturfestival zum ersten Mal statt. Nun ist es seit dem 2. Juli 2024 in der 18. Ausgabe – nur in den Jahren der Covid-Krise und des Umbaus des Kulturmuseums konnte es nicht realisiert werden.
Starkregen und eine Band direkt aus dem Bunker
Der Veranstalter Lukas Hofstetter, dem viele Menschen aus unserer Region viele schöne Momente am Kulturfestival und anderswo zu verdanken haben, zieht eine positive Bilanz zur heurigen Runde. Er sei happy, sagt er, alles laufe gut, heute sei – wie bereits mehrere Male – die Veranstaltung ausverkauft. Full House bedeute beim Kulturfestival rund 400 Leute im Publikum. Das Wetter habe mitunter verrückt gespielt, zweimal habe es Starkregen gegeben, aber es sei auch oft schön gewesen, alles in allem sei er zufrieden.
Dass jedoch der Auftritt der ukrainischen Band Luiku vom 13. Juli, kein grösseres Echo in der Presse ausgelöst habe, überrasche ihn, sagt Hofstetter. Die Musiker seien direkt aus dem Schutzbunker in Kiew gekommen, wo zwei Tage zuvor ein Bombenangriff der russischen Armee niedergegangen war; zwei der Crew-Mitglieder, der Fahrer und der Posaunist, müssten nach ihrer Rückkehr in die Ukraine direkt an die Front. «Da hätte ein interessantes Interview, ein spannender Bericht gemacht werden können», räsoniert er.
Immerhin sei ein ordentlicher Betrag zur Unterstützung von Menschen auf der Flucht gesammelt worden. Dabei spielt Hofstetter auf die kluge Massnahme an, Mehrwegbecher im Wert von je zwei Franken in einen eigens dafür vorgesehenen Container zu legen – anstatt sie an der Bar abzugeben und das Rückgeld einzufordern. Dieses Spendenprinzip bewährt sich bereits seit einigen Jahren.
Auf Mel D folgen die Soulprofis
Um 20 Uhr wärmt die aus dem freigeistigen Bündnerland stammende Mel D im Trio mit Fiona Fiasco (Bass, Stimme) und Lucas Kuprecht (Perkussion, Stimme, Keys) das Publikum auf. Sie legt eine eindrückliche Performance hin, lebt ganz in ihrer Musik auf, verwandelt einmal gar den Innenhof des Kulturmuseums in ein tschilpendes, zwitscherndes, pfeifendes Vogelparadies. Ihre soeben erschienene Single Bring the Witches Back hat das Zeug, zu einem Sommersong zu werden.
Bring the Witches Back
Eine halbstündige Umbauphase folgt. Die Spannung steigt, bis um 21:15 Uhr Thee Sacred Souls die Bühne entern: der Leadsänger Josh Lane, die Background-Sängerinnen Astyn Turrentine und Viane Escobar, der Drummer Alex Garcia und der Bassist Sal Samano, der Keyboarder Riley Dunn und der Gitarrist Shay Stulz. Die siebenköpfige Combo spielt in den folgenden eineinviertel Stunden Songs aus ihrem ersten und aus dem auf Oktober angekündigten Album Got a Story to Tell.
Vollprofis allesamt! Josh Lane, der rastagelockte, schlaksige Bandleader, versprüht seinen Charme in einem zweimaligen Bad in der 400-köpfigen Menge, er bespielt dynamisch die ganze Bühne. Es gelingt ihm rasch, das Publikum zu bannen, es auf die musikalische Botschaft seiner Band einzuschwören. Diese lautet schlicht und einfach, herausfordernd zugleich: Liebe.
Zwischendurch erinnert er daran, dass derzeit in Palästina, in der Ukraine und an vielen Orten auf dieser Erde Menschen keineswegs mit Achtung, Liebe und Respekt begegnet werde. Sein Input ist freilich idealistisch – aber ohne Ideen ginge es der Welt noch viel schlechter, meine ich.
Die Kraft der Rose
Das letzte Stück, das Thee Sacred Souls am Kulturfestival darbieten, ist der Ohrwurm Can I Call You Rose.
Darf ich dich Rose nennen?
Ist nicht die Rose, mehr noch die Rosenblüte, eines der ältesten Symbole für die Liebe und insbesondere das weibliche Geschlecht? Tatsächlich wandert das Blütensymbol durch die Jahrhunderte und die Kulturen. Es lebt fort in den Erinnerungen an die heitere Schamlosigkeit im Garten Eden, an die entspannte Laszivität der Hängenden Gärten der Semiramis zu Babylon oder in den Erinnerungen an den nektarbeträuften dornigen Rosenstock, der bei Aphrodites Geburt aus dem Meeresschaum erblühte; auch in den Rosetten gotischer Kathedralen lebt das Blütensymbol fort, in den alchemistischen Zeichnungen der Rosenkreuzer und in unzählbaren Liebesgedichten der Weltliteratur – noch am Anfang der Moderne aufersteht das Rosen-Motiv in Gertrude Steins Leibsatz «A rose is a rose is a rose is a rose.»
Darf ich Rose zu dir sagen?
Wer ist Rose? Rose ist Eva, ist Sulamith, die Geliebte aus dem «Hohelied», ist Helena, Lakshmi, Isolde, Beatrice, Julia – sie ist die inkarnierte Schönheit schlechthin.
«Love is the true power in the form of beauty», sagte der Leadsänger Josh Lane am kürzlich eingespielten Tiny Desk Concert: «Liebe ist die wahre Kraft in der Form von Schönheit». Und er fuhr fort: «…und lass dir von niemandem einreden, dass es im Leben um Gewinn oder Erfolg geht, um Sieg, Dominanz – der einzige wirkliche Sieg besteht darin, dass jedem Menschen aus jeder Gegend, auf jedem Winkel dieser Erde mit Liebe begegnet wird.»
Die Band feiert denn im Innenhof des Kulturmuseums Tune um Tune die Kraft der Liebe. Das ist eine gute Botschaft. Eine, die viele von uns brauchen und die viele gar nicht genug hören können, eine Botschaft, die allen guttut:
Love has no limits and it has no name It’s every hour and it’s day by day Love has no gender, and it has no creed Love is, love is a way of being
Thee Sacred Souls verwandeln das Publikum am St.Galler Kulturfestival in rund anderthalb Stunden in eine Ansammlung verzauberter lächelnder Menschen. Das ist es, was gute Soul-Musik mit den Menschen macht, immer.
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.