Regisseur Piet Baumgartner begleitete fünf Management-Student:innen der St.Galler HSG. Vom Studienbeginn bis zu ersten Berufsjahren gibt sein Dokumentarfilm «The Driven Ones» Einblick in eine fremde Welt – und ist weder HSG-Bashing noch unkritisches Porträt.
Sie sind zwischen 1990 und 1994 geboren und alle stammen sie aus vermögenden Elternhäusern. Ihre Eltern haben Berufe wie Wirtschaftsanwalt, Finanzchef in der Pharmaindustrie oder Kadermitglied einer grossen deutschen Firma in China. David, Frederic, Sara, Feifei und Tobias wollen «Excellence» sein und beginnen deshalb den zweijährigen Masterstudiengang Strategy and International Management der HSG, eine Ausbildung, die laut Ranking der Financial Times im Managementbereich weltweit die Nummer eins ist.
Regisseur Piet Baumgartner, der einst, zu Zeiten des aufkommenden Videojournalismus in den Nullerjahren, für «Cash Daily» während drei Jahren als Wirtschaftsjournalist arbeitete, dabei vor allem CEOs interviewte und später in Zürich eine Filmausbildung in Spielfilmregie absolvierte, entwickelte die Idee zu The Driven Ones bereits als Filmstudent. Er habe jene, die sich als die «CEOs von morgen» bezeichnen, besser verstehen wollen, habe begreifen wollen, wie sie ticken und was sie antreibt.
CEO von morgen: Überflieger Tobias.
Zu Beginn sei er bei der HSG noch auf offene Türen gestossen, erzählt der Regisseur, der The Driven Ones am diesjährigen Zurich Film Festival (ZFF) als Weltpremiere zeigte. Er war erstaunt, dass die aktuelle HSG-Leitung im Vorfeld der ZFF-Premiere alles Mögliche versucht habe, um genau herauszufinden, was der Film nun alles zeige.
Allerdings geht es darin in Wirklichkeit nur während der ersten 20 Minuten um die Ausbildung an der St.Galler Universität, danach erlebt man die fünf Protagonist:innen während ihrer ersten Jahre im Berufsleben. Drei von ihnen steigen bei grossen internationalen Consultingfirmen ein, zwei andere gründen Start-ups, der eine höchst erfolgreich im Gesundheitsbereich, die andere im Blumenhandel, was dann scheitert – worauf sie zu nachhaltig produzierten Socken wechselt.
«Erschreckender» Einfluss der Beratungsfirmen
Eine gewisse Komik ist in The Driven Ones bisweilen unterschwellig präsent, aber nie ging es Piet Baumgartner darum, seine Protagonist:innen blosszustellen. Das habe ihn nicht interessiert, er habe keinen Film machen wollen, in dem Personen in Gut und Böse unterteilt werden, erklärt er seine Motivation. Vielmehr habe er in seiner Langzeitbeobachtung etwas von der Komplexität der Zusammenhänge vermitteln wollen, in der diese Leute drinsteckten.
Am deutlichsten wird das wohl bei der Deutsch-Chinesin Feifei. Sie ist so etwas wie die heimliche Hauptfigur des Films. Zusammen mit ihrem Lebenspartner Lars arbeitet sie nach dem Studienabschluss bei der Boston Consulting Group.
The Driven Ones:
Premiere am 2. November um 20 Uhr im Kinok St.Gallen. Nach der Vorstellung findet ein Gespräch mit dem Regisseur Piet Baumgartner, dem Soziologen Niklaus Reichle und Yvette Sánchez, emeritierte Professorin für Hispanistik, Universität St.Gallen, statt.
kinok.ch
In einer Szene stellt der Regisseur die Frage, ob sie als Consulter denn auch schon einmal hätten Leute entlassen müssen. Das sei nie ihre Aufgabe, antwortet Lars. Leute wie sie würden ja jeweils lediglich mit einem normativen Vorschlag hingehen und sagen: So sollte es aussehen. Und da stelle sich dann halt bisweilen die Frage, ob man eine Firma liquidieren müsse oder ob man einen Deal mit den Banken machen könne, was dann auf Entlassungen eines Teils der Belegschaft hinauslaufe. Worauf Feifei die Widersprüchlichkeit ihrer eigenen Situation auf den Punkt bringt: Sie finde es «erschreckend», wie viel Einfluss Unternehmen auf die Politik, ja die Weltpolitik, hätten. Und ja, es seien die grossen Beratungsfirmen, die ihrerseits einen wahnsinnig grossen Einfluss auf die Wirtschaftswelt hätten.
Für Feifei ist ihre Migrationsgeschichte auch eine Hypothek und sie findet dafür deutliche Worte.
In solchen Momenten wird klar, was Piet Baumgartner, der sich selber als «progressiv» bezeichnet, meint, wenn er sagt, er wolle niemanden in die Pfanne hauen. Vielmehr habe er zeigen wollen, dass eine von der Öffentlichkeit finanzierte Institution wie die HSG bei ihren Ausbildungsgängen den wirklich grossen Problemen – er nennt Klimawandel, Migration und zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich – kaum Aufmerksamkeit schenke.
HSG wird nervös
Bezüglich seiner Erfahrungen mit der HSG während des Drehs sagt er: «Als ich 2015 mit der Arbeit am Film begann, war noch Günther Müller-Stewens der Direktor des Master in Strategy and International Management. In Müller-Stewens‘ Gegenwart und vor 60 Student:innen habe er sein Projekt vorstellen können. Danach machte er eine Art Casting mit jenen Studierenden, die bereit waren, sich filmen zu lassen. Daraus kristallisierten sich dann die fünf heraus.
Doch bereits nach gut einem Jahr, nach Müller-Stewens‘ Pensionierung, wurde es schwieriger. Die meisten Türen, die ihm zuvor noch offen gestanden waren, hätten sich verschlossen. Was allerdings nicht nur mit der Person des neuen Institutsleiters zu tun gehabt habe, fährt Piet Baumgartner fort. Der Regisseur sieht hier auch einen Zusammenhang mit der beginnenden Trump-Ära. «Die gesellschaftliche Polarisierung hat von da weg in einem Masse zugenommen, wie ich das zuvor nicht für möglich gehalten hätte.»
Doch nicht nur das, vielmehr taten auch noch die Skandale das Ihrige, die im gleichen Zeitraum die HSG erschütterten, allen voran jener um den Raiffeisen-Präsidenten Johannes Rüegg-Stürm. Selbst die NZZ, die sonst ja nicht gerade im Ruf steht, der Kaderschmiede HSG allzu kritisch gegenüberzustehen, befand Mitte September in einem längeren Artikel (Die nervöse Universität), es gebe auf dem Rosenberg eine Gegenwart, über die man lieber nicht spreche. Ohne sie explizit zu erwähnen, spricht auch The Driven Ones davon.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.
Human Human spielen melancholischen und fragilen Indie-Pop, der trotzdem warm und lichtdurchflutet ist. Das St.Galler Duo hat jetzt seine erste EP veröffentlicht und tritt am Wochenende gleich zweimal im Bahnhof Bruggen auf – erstmals mit einer Band.
Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat
1976 lässt sich Gerd Zikeli in der evangelischen Kirchgemeinde St.Gallen-Straubenzell zum Pfarrer wählen. Drei Jahre später wird er als gut vernetzter Holocaust-Leugner und Vorstandsmitglieder der ersten Neonazigruppe der Schweiz enttarnt. Heute beobachtet er Laufenten.
Bildhauer Peter Kamm haut keine Steine mehr im Atelier. Trotzdem entstehen neue Skulpturen, die aktuell in Steckborn zu sehen sind. Wie geht das?
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. Der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.
Die Schweizer Rocklegenden Krokodil haben kürzlich ihr neues Album Beyond The Eye veröffentlicht. Ur-Krokodil Düde Dürst schwärmt von der Energie der 2019 wiederbelebten Band – und hat noch lange nicht genug. Am Freitag spielen sie in der Grabenhalle.
24/7 Traumacore
Kunst in Oberuzwil
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.