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Die Hintergründe der Hintergründe

Clemens Umbricht las am Samstag in der St.Galler DenkBar aus seinem neuen Gedichtband «Das Alphabet des Archaeopteryx». Ein Nachklang von Florian Vetsch.
Von  Gastbeitrag , 

Wasser, Weiss- und Rotwein werden ausgeschenkt, ein Büchertisch steht parat. In der DenkBar erwarten die Gäste gutgelaunt den Beginn der Buchvernissage, welche der 2020 ins Leben gerufene Caracol Verlag für Clemens Umbrichts neuen Gedichtband Das Alphabet des Archaeopteryx organisiert hat.

Die Verlagsleiterin Irène Bourquin stellt nach der Begrüssung klar, dass Caracol ein «Verlag der Autorinnen und Autoren» sei, man könnte auch sagen, ein Verlag «für Autorinnen und Autoren», denn gleich mehrere Schreibende befinden sich im Publikum: Erica Engeler, Ruth Erat, Thomas Heckendorn, Monika Schnyder, welche bereits bei Caracol publiziert haben, aber auch die US-amerikanische Dichterin Jan Heller Levi, deren Gedichte Umbricht ins Deutsche übertragen hat, der Romancier und Essayist Christoph Keller, die Wort-Artistin Andrea Martina Graf und Rainer Stöckli, der treue Herausgeber und Archivar (nicht nur) der Ostschweizer Literaturszene.

Clemens Umbricht

Irène Bourquin, die mit Isabella Looser das Verlagsschiff Caracol durch die Wogen der Zeit steuert, stellt Clemens Umbricht (geboren 1960 in Reiden, lebt in Andwil) mit ein paar Worten vor, spielt auf die ironische Brechung an, die viele seiner Texte durchzieht, auf seine Methode des kreativen Hinterfragens, darauf, dass sich seine Gedichte zwischen Prosa und Poesie, Philosophie und Literatur frei flottierend bewegen – und doch primär Gedichte sind. Und sie führt Silvio Wyler ein, den Tenorsaxofonisten, der die Serenade musikalisch auflockern wird.

Nun erhält Clemens Umbricht das Wort. Sein neuer Gedichtband sei Silke, seiner Gattin, gewidmet, und zwar mit dem Titel eines Jazzstandards: Für Silke – All The Tings You Are. Dann folgt die Lektüre einer ersten Suite von Gedichten. Alberto Giacomettis Bronzeskulptur L’homme qui marche, Homer und Michel Foucault sowie Fellinis Et la nave va sind darin die Reverenzpunkte, welche die Arbeiten multiperspektivisch umkreisen, aber auch Kandy, die Hauptstadt von Sri Lanka:

«Die Welt ist gross wie ein Gong
in der hintersten Ecke des muffigen Hotels»

beginnt das Gedicht Ankunft in Kandy, und es endet mit den Versen:

«Auch der Rikschafahrer von vorher
steht immer noch da und gestikuliert,
als gelte es, nicht einzusteigen,
auf keinen Fall einzusteigen,
sondern anzukommen, endlich anzukommen.»

Welch Botschaft! – Wonach suchen wir eigentlich? Seien wir anwesend, präsent, hier!

Ins Hier und Jetzt holt Silvio Wyler mit seinem Sax die Lauschenden zurück, mit einer kraftvoll gespielten modalen Nummer.

Umbricht übernimmt darauf wieder, indem er ein Zitat von Susan Sontag – «I haven’t been everywhere, but it’s on my list» – anhand der Tetralogie Reiseschriftsteller und des Langgedichts Auf dem Pheriche Pass, 4‘720 m. ü. M. expliziert. In letzterem heisst es:

«Als seien es Phantome, rufe ich ihnen Schneelöwe zu,

Drache und Tiger, aber die Wolken wollen nicht wissen,
sondern sein, und verwandeln sich in Paläste

und mahlende Wäschetrommeln. Alles bleibt in Bewegung
bis in die fernhin kommenden Leben.»

So widerspiegelt auch die Wolkenschrift über dem nepalesischen Dorf Pheriche, einem hochgelegenen Zwischenstopp auf dem Mount Everest Trek, den Wunsch, restlos in der Gegenwart aufzugehen.

Erneut dreht Silvio Wyler an seinem fülligen Horn auf. Verse, Bilder des Gelesenen widerhallen im Kopf. Darauf setzt Umbricht zur Lesung des Triptychons Das 21. Jahrhundert an, in dem sich die titelstiftenden Zeilen finden:

«Das Alphabet des Archaeopteryx beginnt
und endet mit einer vergessenen Schweigeminute.»

Der Autor erläutert, dass der Begriff «Archaeopteryx» nicht nur eine gute Zahl von Buchstaben repräsentiere, mit denen sich schon fast ein Alphabet generieren liesse, sondern primär eine Art Ur-Vogel bezeichne, ein Tier aus dem erdgeschichtlichen Jura, das ca. 150 Mio. v. Chr. gelebt habe und den Übergang vom Saurier zum Vogel markiere.

Poesie ist also eine Levitationskunst…

Clemens Umbricht: Das Alphabet des Archaeopteryx. Gedichte. 112 Seiten, Caracol Lyrik, Band 8, Warth 2022.

Dabei weist der Autor auf Foucaults berühmt gewordenes Wort aus Les mots et les choses (1966; dt. Die Ordnung der Dinge) hin, dass das, was man Mensch nenne, binnen Kürze verschwinden werde «wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand». Was sind wir Menschen im Vergleich zum Archaeopteryx, heute, in der sich anbahnenden Klimakatastrophe? – «Der Traum eines Schattens», könnte man mit Pindar antworten.

Als der Saxofonist wieder übernimmt, fährt mir durch den Kopf, dass dieses Café, die DenkBar, überall sein könnte. So welthaltig sind Clemens Umbrichts Gedichte und Silvio Wylers Musik. Im vierten und letzten Set der Lesung geleitet der Dichter ins Dorf der Sirenen, ehrt den Künstler und Büchermacher Peter Marggraf mit dem Poem Figur auf rostigem Stuhl und schliesst mit Auszügen aus dem letzten Teil seines Gedichtbandes, dem «Archiv der Zwischenrufe»:

«Gedichte sind Zusammenhänge, Reflexe, Asymmetrien.
Tatsächlich? Gedichte, aus den Überbleibseln aller Streichungen?
Und das Nichtgeschriebene, flink wie ein Tempelaffe,
der den Baum der Erkenntnis hochklettert?»

Zum Abschluss intoniert Silvio Wyler den Standard All The Things You Are. So schliesst sich der Kreis.

Langer Applaus. Fingerfood und Apéro.

Die komplexen Bildwelten und Gedankenwendungen aus Clemens Umbrichts Band Das Alphabet des Archaeopteryx lohnen eine mehrfache Lektüre. In einem reichen Verweisungszusammenhang berühren diese Gedichte uralte Fragen wie «Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wer sind wir?»

Sie vertiefen diese Fragen, erschliessen Hintergründe ihrer Hintergründe, öffnen ungewöhnliche Prospekte, brechen festgefahrene Perspektiven auf und beflügeln die Reflexion. Dieser Band ist auf jeden Fall ein Gewinn.

Clemens Umbricht in der DenkBar. (Bild: Florian Vetsch)

 

 

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01 1 Stickerei Dok Walters beide an Maschine von hinten Kopie

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