Es ist kein Leichtes, sich Friedrich Hölderlin anzunähern. Hölderlin, 1770 in Lauffen am Neckar geboren und 1843 in Tübingen verstorben, gilt als «Anti-Klassiker». Dieses Label ist im besagten Fall weder Übertreibung noch Spott, entzieht sich doch sein Werk sämtlichen Genre-Kategorien seiner Zeit, ist weder klassisch noch romantisch.
Die Werkbezüge zu Hölderlin sind ausufernd – ebenso ausufernd ist die Bewunderung derjenigen, die sich durch die Jahrhunderte auf ihn bezogen. «Einer ging im Schwunge noch über Schiller hinaus, Goethe meinte, er ginge zu weit, schwinge sich in die Leere, doch war es nicht so, es war nur ein Hinüber, ein neuer unbefahrener Ozean, ein eigenes Gemüt. Ich rede von Hölderlin», soll der Wiener Symbolist Hugo von Hofmannsthal geschrieben haben. Seine ebenfalls aus Wien stammende Berufskollegin Friederike Mayröcker wird ein gutes Jahrhundert später gar einen ganzen Gedichtband dem rätselhaften Namen widmen, mit dem Hölderlin viele seiner späten Gedichte, die im Tübinger Turmzimmer entstanden sind, unterzeichnete: Scardanelli.
Darüber, ob Hölderlin tatsächlich an einer schweren Schizophrenie litt oder ob er nicht viel eher kalkuliert einen neuen lyrischen Pfad legte, hinüber in einen unbefahrenen Ozean jenseits der subjektivistischen Fokuslegung seiner Zeit, kann aus heutiger Sicht nur spekuliert werden. Sicher ist, dass Hölderlin manchen seiner tonangebenden Zeitgenossen (das generische Maskulinum ist hier Absicht) zu viel gewesen sein muss.
Zu viel, wie es Ende des 19. Jahrhunderts auch ein Nietzsche gewesen sein mag – Nietzsche und Hölderlin, deren Biografien unter anderem nicht nur darin oberflächliche Parallelen aufweisen, dass beide lange Lebensjahre in geistig schwieriger Verfassung zubrachten, sondern auch darin, dass sich beider Schaffen durch einen starken Bezug zum kulturellen Vermächtnis der Antike auszeichnet, wobei der Altphilologe Nietzsche Hölderlin nicht zuletzt wegen dessen enormen Sachverstandes hochgeschätzt haben muss: Der Überlieferung nach wurden Teile von Nietzsches Kritik an der eindimensionalen Lesart des Apollinischen in seinem Erstling Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik von Hölderlin inspiriert.
Andenken (1803)
Wo aber sind die Freunde? Bellarmin Mit dem Gefährten? Mancher Trägt Scheue, an die Quelle zu gehn; Es beginnet nämlich der Reichtum Im Meere (…)
Wo aber sind die Freunde? Das eingeschworene Noisma-Trio um Daniel Fuchs, Clemens Umbricht und Florian Vetsch widmet Hölderlin am 5. Juni einen ganzen Abend im Kult-Bau. Unter anderem wird Der Rhein gelesen. Die Verfassung dieser Hymne fällt in Hölderlins Zeit in Hauptwil im Thurgau, wo er, ganz in der Tradition seiner prekären Berufsgattung, 1801 ein paar Monate als Hauslehrer bei der Kaufmannsfamilie Gonzenbach zubrachte.
Für die Hölderlinforschung seit Beginn des 20. Jahrhunderts bezeichnet das Jahr 1801 denn auch den Anfang einer besonders einschlägigen Periode in Hölderlins Schaffen. So gilt gerade die Gruppe derjenigen Gedichte, welche zwischen 1801 und 1805 entstanden sind, als Hölderlins «eigentliches Vermächtnis» (Norbert von Hellingrath) und der von Hölderlin übersetzte griechische Dichter Pindar als deren grosses antikes Vorbild.
Wie aber bei Nietzsche das Apollinische nie ohne das Dionysische existiert, entzieht sich Hölderlins Lyrik dem Festmachen an einem einzigen Referenzpunkt, hat jede versuchte Zuschreibung ihre Kehrseite. Die Kehrseite zu Pindar bewohnt in diesem Falle Sappho: Diese zwei Namen, welche für die Poetik um 1800 für ganz andere, ja geradezu entgegengesetzte lyrische Programme standen, wurden beide von Hölderlin aufgegriffen und auf komplexe Weise vermischt, schreibt der deutsche Komparatist Winfried Menninghaus in seiner Monographie Hälfte des Lebens. Versuch über Hölderlins Poetik.
Folgen wir Menninghaus, der ein ganzes Buch zu einem einzigen Gedicht Hölderlins – zwei Strophen à je sieben Zeilen – verfasst hat, so war die von Sappho bewohnte Seite aber klar die gewichtigere für dessen eigene Lyrik:
Hälfte des Lebens
Mit gelben Birnen hänget Und voll mit wilden Rosen Das Land in den See, Ihr holden Schwäne, Und trunken von Küssen Tunkt ihr das Haupt Ins heilignüchterne Wasser.
Weh mir, wo nehm’ ich, wenn Es Winter ist, die Blumen, und wo Den Sonnenschein Und Schatten der Erde? Die Mauern stehn Sprachlos und kalt, im Winde Klirren die Fahnen.
Nicht nur ist Hölderlins Hälfte des Lebens, welches zwischen 1802 und 1803 fertiggestellt wurde, von fünfsilbigen Adoneus-Versen – der Adoneus bezeichnet ein Versmass bestehend aus Daktylus und Trochäus – geprägt, die traditionell Sappho zugeschrieben werden; es schliesst auch, ganz in der Manier einer sapphischen Strophe, mit dem besagten Fünfsilber.
Friederich Hölderlin – «Die Blindesten aber / Sind Göttersöhne»: 5. Juni 2018, 20 Uhr, Noisma im Kult-Bau, Konkordiastrasse 27 in St.Gallen
Abgesehen von der frappanten metrischen Ähnlichkeit scheint auch die Feststellung einer Orientierung Hölderlins an inhaltlichen Motiven aus den überlieferten Fragmenten der Dichterin von Lesbos in diesem Falle einleuchtender zu sein als die Behauptung einer werklichen Bezugnahme zur pindarisierenden (und traditionell männlich konnotierten) Lobpreisung von grossen Taten und Siegen. Menninghaus’ Einschätzung nach ist denn auch Sapphos Pathographie von erotischen Obsessionen, Trennungsmomenten und Alternserfahrungen umso aktueller für den modernen Raum des lyrischen Sprechens und ihr Name «der historische Name für die prekäre Position weiblicher Autorität in Kunst und Denken».
Sappho und Erinna in einem Garten zu Mytilene, Aquarell von Simeon Solomon, 1864.
Wie wäre es nun, wenn man – mit Sappho im Hinterkopf und auf die Spitze getrieben – Hölderlin lesen und vorgelesen bekommen immer auch als kleine lyrische Rebellion gegen hegemoniale Gesellschaftsnormen zelebrieren würde, welche bis in den Kunst- und Literaturbetrieb hinein wirkend darauf Einfluss haben, welchen Stimmen Gehör verschafft wird und welchen nicht?
Wem dieser Vorschlag zu weit geht, bleibt am Dienstagabend vielleicht lieber mit Herrn Goethe zusammen zuhause. An alle anderen: Seid nicht scheu! Steigt in die Barke und lasst euch hinaustreiben aufs Kult-Bau-Meer, hin zu Sapphos sensiblem Beobachter Hölderlin und Hölderlins sensiblen Beobachtern Fuchs, Umbricht und Vetsch, um lyrischen Reichtümern zu lauschen.
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