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Meditationen übers Nichts

Daniel Fuchs aka The Thoughtfox liest den letzten Roman Becketts in voller Länge. Eine Herausforderung, selbst mit reicher Erfahrung.
Von  Michael Felix Grieder , 
Samuel Beckett.

«alter Traum ich mache nicht mit oder ich mache mit es hängt davon ab man sagt nicht wovon von den Tagen es hängt von den Tagen ab adieu Ratten das Schiff ist gescheitert etwas weniger das ist alles was man erfleht»

Ein ganzes Buch, ohne Punkt und Komma, geschrieben, um den Fans von Schubladen Verzweiflung zu lernen, gehandelt als Becketts letzter Roman: Wie es ist heisst dieser, nicht weniger versprechend als die grösste aller ontologischen Fragen zu klären. «Wie» «es» «ist» – eine veritable Anmassung, die niemand auf einen Buchdeckel schreibt, ausser vielleicht man ist mitten in der Pubertät, besoffen, hat gerade das erste Mal Sex gehabt oder höchstpersönlich den Tractatus Logico-Philosophicus geschrieben. Oder aber es ist Überschrift einer radikalen Prosa des späten Beckett, die vermutlich alles beabsichtigt, ausser eben festzulegen, «wie es ist». Dazu kommt, dass man schwerlich sagen kann, wie es – das Buch – ist.

Endlich Anomalie!

Als «letzter Roman» wird das Ding mangels anderer Bezeichnungen beschrieben. Die Länge deutet tatsächlich auf eine gewisse Romanform hin, doch ist damit niemandem geholfen. Was man von einem Roman üblicherweise erwartet, geht dem Text komplett ab. Es fehlt die eigentliche Handlung, es gibt zwar Namen, aber wirkliche Figuren sind das auch nicht. Eine Art surrealer Begegnung beschrieben «vor Pim mit Pim nach Pim», wer das wiederum ist, ist keineswegs klar, man könnte stattdessen sagen: «es ist», irgendwie.

Der Thoughtfox in der Macelleria d’Arte: am 24. Februar und 26. Mai, jeweils 19:30 Uhr. Vorkenntnisse des ersten Teils sind nicht nötig, ebenso darf man kommen und gehen und wiederkommen – Getränke gibt es auch.

Becketts letzter Roman könnte auch ein Gedicht sein, dafür ist er aber nun wirklich zu lang. Es hat etwas von Theater, sehr kulissenhaft muten die Szenen an, in der die erzählende Person mit dem Gesicht im Dreck liegend Dinge erzählt wie «endlich Anomalie Anomalie ein Sack hier mein Sack wenn er leer sein wird bah ich habe Zeit Jahrhunderte». Eine Anmerkung warnt schliesslich, dass Wie es ist keineswegs wie ein gewöhnlicher Roman konsumiert werden kann und man nur richtig hinein kommt, wenn man sich überwindet, es laut zu lesen. «Sprachmusik» beschreibt die Sache am treffendsten und Sprachmusik aufzuführen verlangt nach einer Partitur.

Imaginäre Reisen

An dieser arbeitete Daniel Fuchs aka The Thoughtfox eine geraume Zeit. Er liest das ganze Stück an drei Abenden in der Macelleria d’Arte – diesen Freitag geht der zweite Teil über die Bühne. Der erfahrene Literatur-Performer arbeitet dabei zum ersten Mal mit Mikrofon und zurückhaltend eingesetzten Effekt-Geräten wie einem leichten Echo, was den musikalischen Charakter der Lesung untermalt. Betonungen hält Fuchs durchgehend zurück, wodurch ein Sprach-Sound entsteht, der an gebetsartige Mantras oder die Vorlesungen Adornos erinnert: alle Wörter sind gleichwertig und jedes davon ist wichtig, durch die minimalistische Betonung wird gewissermassen alles betont.

Bild: Daniel Fuchs (Klick zum Vergrössern)

Die Lesung der Vorlage ohne Punkt und Komma muss ohne Pausen auskommen, etwa drei Stunden dauert jeder Teil. Dass er so zu keiner Zigarettenpause kommt, schreckte Fuchs zuerst natürlich ab, doch auf den Flügen, die der Spezialist für karibische Lyrik gelegentlich unternimmt, ginge das ja auch nicht. Ein passendes Bild, schliesslich ist auch Becketts Prosa eine Art von Reise.

Wo diese hinführt, ist eine andere Frage. Ähnlich wie beim Tätowieren, sei er nach ein paar Stunden Lesung durchaus froh, wenn es zu Ende ist, sagt Fuchs. Auch Becketts imaginäre Reise sucht sehnsüchtig nach einem Schluss, findet diesen aber nicht unbedingt. Stattdessen wird viel gemurmelt, in den Dreck gemurmelt und Büchsen aus dem Lumpensack verkocht. Überall sind Stimmen – im Kopf des Erzählers. Unklar ob dieser wacht oder träumt.

Die Augen des Fuchses

Als langjähriger Beckett-Fan hat Fuchs Wie es ist alle 10 Jahre in den Händen gehabt. Der einstige Mitgründer der Literaturzeitschrift «Noisma» hat einige Erfahrung mit schwierigem Stoff, so las er im Rahmen von «Noisma im Kult-Bau» James Joyces Ulysses, Gertrude Stein und John Cage (neben vielen Anderen); allesamt Stücke, die gewissermassen mit diesem Beckett in Verbindung stehen. Unter dem Label Thoughtfox ist Fuchs nun selbst unterwegs, hat einerseits verlegerische Absichten und andererseits die Möglichkeit, solche «liegen gebliebenen Projekte» wieder aufzugreifen.

Namengebend für das Label ist ein Gedicht von Ted Hughes – der Gedankenfuchs – oder in einer für Fuchs gelungenen Neuübersetzung: der Sinnfuchs. Darin geht es, kurz zusammengefasst, um einen Schreibenden, der ohne Inspiration vor einem leeren Blatt Papier sitzt, worauf es zu einer Begegnung mit einem Fuchs kommt, dessen Blick den Prozess auslöst, das Blatt füllt. «The page is printed» – «die Seite ist gespurt», ein Gedicht über Kreativität.

Trocken «ist es» nicht

Beschreibt Wie es ist zwar eine gescheiterte Existenz, so sei der Verdacht auf einen etwaigen Nihilismus Becketts doch völlig daneben. Das sei es überhaupt nicht. Pessimistisch ist das Stück allerdings schon, passend zur Philosophie Schopenhauers, die Beckett gut kannte. Andere Bezüge haben etwas Existenzialistisches, darin war er auch ein wenig Kind seiner Zeit. Doch ist es keine Philosophie, die Beckett ausbreitet, sondern Sprache, die zum eigentlichen Handlungsträger wird. Nur darf man niemals meinen, das könnte dann zu trocken sein.

«kurzes Dunkel und da sind wir wieder da auf dem Gipfel der Hund setzt sich schräg ins Heidekraut senkt die Schnauze auf seinen schwarz-rosa Lümmel keine Kraft ihn zu lecken wir hingegen Kehrtwendungen einwärts flüchtiges Auge in Auge Übertragungen Wiederverbindungen der Hände Schwingen der Arme schweigend Genuß der See und Inseln Köpfe die sich wie ein einziger drehen auf die Dünste der Stadt zu schweigendes Ausfindigmachen der Bauwerke Köpfe die wie durch eine Achse miteinander verbunden wiederkehren»

Zwi­schen Ruhm und Knast

Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

Von Peter Surber,
01 Jakob Stutz 11 cut

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
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«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck