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Che lebt!

Ein Wink mit Sympathie, zum 50. Todestag die Tagebücher des Revolutionärs aller Revolutionäre wiederzulesen. von Daniel Fuchs
Von  Gastbeitrag , 
Ernesto Guevara, 9. Mai 1964

1967 ist ein heisses Jahr: Die USA kämpfen in Vietnam, in Europa formieren sich die Studentenbewegungen, besetzen Universitäten, protestieren in den Strassen. Die Hippies machen auf «Flower Power», die Beatles veröffentlichen im Frühjahr mit Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band das erste Konzeptalbum der Popmusikgeschichte, am 8. Oktober ergibt sich Ernesto «Che» Guevara den bolivianischen Streitkräften und wird am folgenden Tag, am Nachmittag des 9. Oktober, erschossen.

Die Reise mit dem Motorrad

Ernesto Guevara de la Serna wird am 14. Juni 1928 im argentinischen Rosario geboren. Er ist ein aufgewecktes Kind, hat einen umtriebigen Vater und eine Mutter, die er liebt und immer zärtlich als «viejita» anredet. Er studiert Medizin und ist abenteuerlustig. 1951 bricht er mit seinem Motorrad, Norton Modell 18, zu einer Reise durch südamerikanische Länder auf. Sein Tagebuch aus dieser Zeit zeigt einen hellen Blick für die sozialen Verhältnisse, die gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten.

1964 erlebt Ernesto in Guatemala den Sturz der Regierung Arbenz und gerät erstmals auf den Radar der nordamerikanischen CIA. Von dort reist er nach Mexiko, wo es zur schicksalhaften Begegnung mit Raul und Fidel Castro kommt. Eine Handvoll Mannen invadieren mit der «Granma» Kuba, besetzen den Osten des Landes und erreichen mit grossartiger Unterstützung der Landbevölkerung 1959 Havanna. Ein emphatischer Sieg der kubanischen Revolution.

Der Traum vom «Neuen Menschen»

Che wird von Castro als Industrieminister eingesetzt, später als Leiter der kubanischen Zentralbank. In beidem ist er an den Realitäten gescheitert.

Die neue kubanische Regierung schickt ihn auf Mission. Er spricht vor der UNO, amtet als Botschafter. Er ist aber auch einer, der zugreift; ist sich nicht zu gut, in Fabriken, auf Zuckerrohrfeldern zu arbeiten. Er ist ein Idealist und glaubt an den «Neuen Menschen». Man sagt ihm nach, er sei mit absolutem Gerechtigkeitsinn ausgestattet gewesen. Das ist richtig. Und ja, er war für den bewaffneten Kampf. Aber: Ein Machtmensch war er nie.

50. aniversario de su muerte – Doppellesung mit Pablo Haller & Daniel Fuchs:
27. Oktober, 20 Uhr, Noisma im Kult-Bau

1963 ist wohl ein Wendepunkt: Auf der Konferenz von Algier kritisiert Guevara die Sowjetunion. Das führt zu Konflikten mit Fidel. 1964 tritt «Che» von allen öffentlichen Ämtern zurück, gibt seinen kubanischen Pass ab – und verschwindet, einmal mehr, als Geschäftsmann verkleidet; Richtung Afrika. Auch im Kongo (1965) wird er, der organisierte Revolutionär, am afrikanischen Klima (als Asthmatiker) und an der afrikanischen Wirklichkeit scheitern.

Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnams

«An welchem Ort uns der Tod auch überraschen mag, er sei willkommen, wenn unser Kriegsruf nur aufgenommen wird und eine andere Hand nach unseren Waffen greift und andere Menschen bereit sind, die Totenlieder mit Maschinengewehrsalven und neuen Kriegs- und Siegesrufen anzustimmen», notiert er in seinen Notizen zu Theorie und Methode der Guerilla.

In Bolivien glaubt er die Zeit reif für eine weitere Revolution. Eine Gruppe von Kämpfern, die er führt, beginnt mit dem Widerstand. Sie sprechen kein Quechua. Eine erste Fehleinschätzung. Am Ende müssen sich die «Compañeros», verraten von einen einheimischen Indio, ergeben (oder rechtzeitig fliehen). Die Mission scheitert.

Ich bin der «Che»

Der meistgesuchte Guerillero lässt sich, ausgezehrt, festnehmen und wird am folgenden Tag von einem angetrunkenen Soldaten der bolivianischen Armee auf Geheiss der CIA liquidiert. Die Fotos des toten «Che» kursieren in der Weltpresse. Die Hände werden abgeschnitten und zur Demonstration nach Havanna geschickt. Erst 1997 werden die sterblichen Überreste in einem Grab am Rande eines Flugfeldes in La Higuera identifiziert und mit Pomp nach Kuba überführt.

Fotoausstellung Che – Die ersten Jahre: 19. Oktober bis 4. November, Buchhandlung Comedia St.Gallen. Vernissage und Lesung mit Natalie Benelli: 19. Oktober, 20 Uhr
comedia-sg.ch

Wohl keine historische Persönlichkeit wurde so verklärt, heroisiert, mythologisiert wie der «Che». Kaum jemand, der das Konterfei nicht kennt. Bis heute bedient sich jede Widerstandsbewegung an dessen Logo. Jean-Paul Sartre nannte ihn gar den «vollkommensten aller Menschen». Bei Wikipedia heisst es lapidar: Che Guevara, Marxistischer Revolutionär. Kennerinnen und Kenner wissen mehr, etwa dass er die französische Literatur liebte (Baudelaire kannte er auswendig) und ein klarer Analyst und brillianter Redner war.

Nach Havanna fliegen

Ernestos jüngerer Bruder Juan Martín Guevara hat das, von der Familie Guevara selbstauferlegte 50-jährige Schweigen nun gebrochen und zeichnet mit Mein Bruder Che ein sehr privatimes Portrait des zum Mythos stilisierten Revolutionärs. Seine Erinnerungen, aus dem Familienarchiv geöffnete Briefwechsel und auch geschichtliche Dokumente fügen sich zu einer neuen und überraschenden Sicht zusammen.

Havanna 1959: Die Familie Guevara besucht nach dem Sieg der kubanischen Guerilleros die Insel. Ein stürmisches Wiedersehen. Bolivien 2014: Juan Martín Guevara reist erstmals an jenen Ort, an dem man seinen Bruder Ernesto hingerichtet hat, und ist abgestossen vom kultigen Devotionalienhandel vor Ort. (Ende 2007 sollen, gemäss Wikipedia, für eine Haarlocke und Fingerabdrücke sowie weitere Dokumente der Festnahme 120’000 US-Dollar geboten worden sein).

Die Familie Guevara tat sich mit ihrem Erbe immer wieder schwer. Ches Mutter wurde wegen politischer Aktivitäten verfolgt, sein jüngerer Bruder Juan Martín während der argentinischen Militärdiktatur über acht Jahre eingekerkert.

Am 22. September 2017 las Ches Tochter Aleida Guevara March im Volkshaus Zürich. Die gelernte Kinderärztin outete sich als treue Botschafterin ihres Vaters, als kämpferische Stimme gegen die durch die Globalisierung beschleunigte Verarmung der lateinamerikanischen Länder.

Die bolivianische Regierung verordnet nun im Oktober fünftägige Staatsfeierlichkeiten. So verändern sich die politischen Landschaften… Der Mythos «Che» bleibt ungebrochen.

Aleida Guevara March am 22. September im Volkhaus Zürich

Che Guevara:
Das magische Gefühl unverwundbar zu sein, Lateinamerika-Reise 1953-56, Kiepenheuer & Witsch
Cubanisches Tagebuch, Pahl-Rugenstein
Der afrikanische Traum, «Kongo-Tagebücher», Kiepenheuer & Witsch
Bolivianisches Tagebuch, Pahl-Rugenstein

Juan Martín Guevara:
Mein Bruder Che, Tropen 2017

René Lechleiter (Hg.):
Che – Die ersten Jahre, Verlag 8. Mai, 2017

Paco Ignacio Taibo II:
Che – Die Biografie, Nautilus

Zwi­schen Ruhm und Knast

Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

Von Peter Surber,
01 Jakob Stutz 11 cut

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
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Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
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«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
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Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck