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Die hohe Kunst des Berührens

Jacqueline Stamm betreibt sexologische Körperarbeit und bietet im Sarganserland Kurse zum Thema Sexualität und Erotik an – sie berührt Menschen. Renata ist eine ihrer Kundinnen. Worum es bei «Sexological Bodywork» geht und wo die Grenzen liegen, erklären die beiden im Gespräch.
Von  Sandro Zulian

Direkt am Bahnhof in Sargans steht mitten im Wohnquartier ein unscheinbares, modernes Haus. Drin wohnen nicht nur Menschen, es ist auch die Wirkungsstätte von Jacqueline Stamm, 53, sexologische Körpertherapeutin.

Auf den ersten Blick wirkt die Praxis wie eine behutsam eingerichtete Wohnung mit Sofa, Tisch und Küche. Angenehme Farben, Duftöle und Kerzen lassen aber doch etwas Anderes vermuten. Hinter dem orangenen Vorhang im Gesprächszimmer versteckt sich das Herzstück von Stamms Arbeit. Eine grosse Matte, die einladend am Boden liegt.

Jacqueline Stamm, 1967, ist Sexologische Körpertherapeutin IISB, Sexualpädagogin FH und Sexological Bodyworkerin IISB. Sie wohnt in Sargans und betreibt auch dort ihre Praxis Ja-Bodywork.

Sie spricht gerne und offen über ihre Arbeit. Stamm ist Mutter zweier Söhne, lebt in einer Partnerschaft und stammt aus der Zürcher Gemeinde Rafz, wo die gelernte Kindergärtnerin einen Kinderhort aufbaute. Später leitete sie in zwei Städten die schulergänzenden Tagesstrukturen.

«Irgendwann kam ich körperlich ziemlich an meine Grenzen», erklärt sie. Man könne es auch ein Burnout nennen, sie selbst benutzt dieses Wort allerdings nicht, «weil es schon vieles im vornherein zementiert». Weil sie wusste, dass sie ihrem Körper etwas Gutes tun musste, entschied sie sich für eine Tantra-Massage. «Diese ganzheitlichen Berührungen hatten einen riesigen Einfluss auf meinen Körper. Er ging von praktisch null Energie hoch auf 180 und meine Kraft war plötzlich wieder da.»

Durch diese Erfahrung geprägt, kündigte Stamm ihren Job und liess sich in Zürich im Bereich «Sexological Bodywork» ausbilden. Das war vor neun Jahren. Mittlerweile wohnt und arbeitet sie in Sargans.

In Rafz hätte sie ihren heutigen Beruf nicht ausüben können. «Ich habe dort einen Hort aufgebaut, ein Frauenforum gegründet und war immer wieder in der Öffentlichkeit. Hätte ich diesen Job dort angefangen, man hätte mir wohl das rote Lämpchen ins Fenster gestellt», sagt Stamm und lacht.

Ein Beruf, der (noch) keiner ist

«Sexological Bodywork» ist nur ein Teil ihres Betätigungsfeldes. Eines, das noch gar nicht wirklich definiert ist, erklärt Stamm: «Es gibt verschiedene Zertifikatslehrgänge und Ausrichtungen, jedoch existieren momentan weder Lehre noch Studium.»

Seit zwei Jahren bietet sie einen Lehrgang in «Berührender Sexualbegleitung» an. Sexualbegleitung und Sexualassistenz bezeichnen die berührende Arbeit im Bereich Behinderung und Alter. Früher bekannt als «Berührerinnen». Diese sorgen dafür, dass auch Menschen mit Beeinträchtigung oder ältere Menschen sinnliche, intime Berührungen erleben können.

Auch bei Stamm gibt es dieses Angebot. Es ist das einzige, bei dem gegenseitige Berührungen erlaubt sind. «Da sind die Bedingungen anders. Diese Menschen haben keine Möglichkeit, ihre Bedürfnisse auszuleben. Bei vielen meiner Klienten sind die Chancen sehr gering, dass jemand mit ihnen in den intimen Raum einsteigt. Leider.» Doch auch diese Menschen würden gerne einmal jemanden streicheln oder eine Frau nackt sehen, weil sie sonst diese Möglichkeit gar nie hätten. Genital berühren lässt sich die Fachfrau jedoch nicht. Da hat sie ihre persönliche Grenze.

Mit 40 noch nie eine Frau nackt gesehen

Eine der meistgebuchten «Sessions» bei Stamm ist das «Sexological Bodywork». Das sind zweieinhalbstündige Sitzungen, die im Gesprächsraum beginnen. Dort gehe es erst einmal darum, herauszufinden, welches Thema oder Anliegen die Klientin momentan umtreibt.

«Wo möchtest du etwas verändern?» Das sei die zentrale Frage in diesem Lernraum, die es zu definieren gelte. Diese Grundsatzfragen können akuter Natur sein oder als langfristiges Ziel gesetzt werden. Nach etwa 45 bis 60 Minuten Gespräch geht es über in den körperlichen Teil der Sitzung. Natürlich sei nicht jeder Klient oder jede Sitzung gleich, betont Stamm. Sie versucht dennoch, eine «normale Sitzung» zu schildern.

In diesem zweiten Teil der Sitzung gehe es darum, den Körper aufzulockern. «Sei das mittels tief durchatmen, tanzen oder einfach nur sein.» Ganz wichtig sei dann aber die anstehende Massage, die Berührung.

Dabei könne es vorkommen, dass ein Mensch bereits beim ersten Mal gerne nackt sei. Handkehrum arbeite sie bei manchen Klienten auch lange noch mit Kleidern, bis sich die Person wohl genug fühlt, sich zu entblössen: «Ich habe beispielsweise 40 Jahre alte Klienten, die haben sich noch nie vor einer Frau ausgezogen oder eine Frau nackt gesehen.» Das sei ein sehr grosses Tabu: «Man denkt immer, alle hätten mit 20 bereits Sex gehabt. Es gibt aber viele Menschen, bei denen das nicht der Fall ist.»

Die Massage könne gemäss Stamm sehr intim werden, «hoch in die Erotik und die Lust führen», wie sie sagt. Sie selbst bleibt während der ganzen Session bekleidet. Auch geht es nie um ihre Lust, sondern um den Erfahrungsraum, den sie ihren Klientinnen und Klienten bietet.

«Ein Gefühl völliger Entspannung»

Neben Jacqueline Stamm sitzt Renata. Die 58-Jährige ist Klientin und möchte nur mit Vornamen genannt werden. Sie weiss schon länger um die heilende Kraft der Berührungen und hat vor einigen Jahren erste Erfahrungen mit nicht-sexuellen Berührungen gemacht. «Das hat einiges in meinem Körper ausgelöst. Ich wollte da einen Schritt weitergehen.»

Bei Jacqueline Stamm konnte Renata so verschiedene «Baustellen» in ihrem Körper ansprechen und daran arbeiten. «Ich hatte zum Beispiel einmal einen schlimmen Hautausschlag, war am ganzen Körper entzündet und wollte in diesem Zustand eigentlich nicht berührt werden.» Trotzdem war das Bedürfnis nach Berührung da, obwohl sie sich für ihr Aussehen geschämt und verletzlich gefühlt habe. «Dank Jacqueline und ihren Berührungen konnte sich aber ganz vieles lösen. Die Angst, abstossend zu sein, konnte ich bei Jacqueline loslassen.»

Beim «Sexological Bodywork» geht es nicht nur um die Berührung, sondern auch um die Emotionen, die die Berührung auslösen können. «Ich musste manchmal auch einfach anfangen zu weinen», schildert Renata ihre Erfahrungen. Auf der anderen Seite sei sie bei gewissen Sitzungen auch voller Lust, voller Energie gewesen. «Jacqueline hat eine gewisse Technik, Lust auf eine Art auszustreichen, dass man sie im ganzen Körper fühlt.»

Wie viele Massagen enden auch jene von Jacqueline Stamm gefühlt viel zu früh: «Es ist dann halt schon schade, wenn es wieder vorbei ist», sagt Renata und lacht. Der Körper brauche aber wieder eine gewisse Zeit, um diese Erfahrungen und Berührungen zu verarbeiten. Grundsätzlich gehe sie nach einer Sitzung mit einer tiefen Entspannung und inneren Lockerheit nach Hause: «Würde man ein Foto vor und nach jeder Sitzung machen, der Unterschied im Gesichtsausdruck wäre riesig.»

«Ich will endlich wieder zu Jacqueline!»

Und trotz aller Progressivität musste Jacqueline Stamm öfters verständnislose Blicke und Aussagen einstecken. Es gibt immer noch Menschen, die den therapeutischen und heilenden Gedanken hinter ihrer Arbeit verkennen. Sie gibt zu: «Ich muss damit leben, dass manche in mir eine Prostituierte sehen. Einige differenzieren dabei nicht.» Für Leute, die nur zwischen Sexualität in der Ehe und Prostitution unterscheiden können, habe sie grundsätzlich keine Energie.

Anfangs sei das noch anders gewesen, Stamm musste sich in ihrer neuen Rolle finden, und sie versuchte zu überzeugen und den Horizont zu weiten. Das ist jetzt sieben Jahre her. Ihre Klarheit und die Überzeugung der Wichtigkeit ihrer Tätigkeit hat sich im Sarganserland bereits ausbezahlt. Hier stellt niemand offenkundig Stamms Beruf in Frage. Im Gegenteil, sie erlebt auch immer wieder viel Verständnis und Zustimmung.

Ihre Arbeit bringe aber manchmal auch Schwierigkeiten mit, erklärt Stamm: «Ich bin mit meinem Körper offen für die unterschiedlichsten Menschen mit den unterschiedlichsten Wertevorstellungen.» Sie versuche, eine gewisse Distanz zu wahren, schliesslich ist es doch Jacqueline, die die Leute intim berührt. «Das ist eine Herausforderung.»

Die Distanz zu wahren, gelingt Stamm, obwohl sie schon einiges erlebt hat. «Mir begegnen auch Menschen, die sexuellen Missbrauch erlebt haben. Ich weiss dann, dass diese Person noch ihr Leben lang daran zu nagen haben wird. Das tut weh.»

Natürlich gebe es auch die wunderschönen Erlebnisse in diesem abwechslungsreichen Job. Während des Lockdowns musste Stamm ihre Praxis sechs Wochen lang schliessen, ihre Klienten mussten zuhause ausharren oder waren in Institutionen isoliert.

Das sei für viele nicht einfach gewesen, allen voran für einen 50-jährigen Heimbewohner. Dieser habe sich lauthals bei den Pflegerinnen beschwert: «Ich will jetzt endlich wieder zu Jacqueline!» Schliesslich sei er der erste Klient nach Wiedereröffnung der Praxis gewesen, und: «Er hatte eine Zeichnung dabei, von mir und ihm als Prinz und Prinzessin auf einem Ross.»

Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.

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